Eindrücke & Highlights vom MEG Valyou 2 Online Live-Kongress


​Über den Onlinekongress MEGValyou und die vielen bereichernden Eindrücke und Erkenntnisse daraus habe ich bereits vor einiger Zeit hier berichtet. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass es nun eine zweite Auflage des Formats am 3.10.2021 gab.

Die erste Auflage im März 2021 wurde aufgrund eines möglichen coronabedingten Lockdowns anstelle der MEG Jahrestagung in Kassel in einen Onlinekongress geändert. Der zweite Kongress war hingegen von Anfang an im Onlineformat konzipiert.

Auch wenn der erste Kongress thematisch sehr offen gestaltet war, waren manche Vorträge unter dem Eindruck der Pandemie thematisch auf die Stärkung von Resilienz und den Umgang mit bisher unbekannten Situationen bezogen.

Im Vergleich dazu war der jetzige Kongress inhaltlich noch breiter aufgestellt. Neben der Vermittlung von methodischem Wissen für die hypnotherapeutische Praxis gab es spannende Überlegungen zu Themen des gesellschaftlichen Wandels, wie zum Beispiel zum Thema Burnout, Dating-Apps oder die Veränderung der Psychotherapie durch Technologie.

Einblick in den Vortrag von Daniela Hütwohl über Gaming-Aspekte bei der Dating-App Tinder


Trotz der etwas kürzeren Kongressdauer gab es neben einem Wiedersehen mit den Vortragenden des ersten MEGValyou Kongresses auch Vorträge neuer DozentInnen. Außerdem waren einige der Zusatzformate, die es bereits beim ersten Kongress gab, wieder dabei. Diese dienen zur Auflockerung und Entspannung während der langen Bildschirmzeiten. 

Um dir einen Eindruck über den Kongress zu vermitteln, möchte ich dir nicht nur einen Überblick über die Inhalte der Vorträge geben, sondern auch über Zusatzformate wie die MEGhappyour berichten.

Über die Umsetzung des Kongresses

Im Gegensatz zum ersten Kongress konnte ich dieses Mal zumindest Teile des Kongresses live verfolgen. Um einen umfassenden Einblick in die Inhalte zu bekommen, habe ich aber zusätzlich auch auf die Aufzeichnungen zurückgegriffen. 

Was ich an der Live-Version spannend fand, war die Gelegenheit zwischen den zeitgleich stattfindenden Vorträgen hin und her wechseln zu können. Da die Workshops parallel zueinander stattfanden, konnte ich zeitgleich Eindrücke von verschiedenen Themen bekommen. Der Nachteil dabei ist, dass ich keinen der Vorträge gänzlich angesehen habe. 

Da es aber eigentlich in jedem Workshop Teile gibt, die individuell etwas spannender empfunden werden als andere, konnte ich mir „die Rosinen rauspicken“.

Für alle TeilnehmerInnen des Kongresses gab es nach der nachträglichen Veröffentlichung die Möglichkeit, die Aufzeichnungen einen Monat lang kostenlos anzuschauen. Alle anderen können die Videos zu einem Preis von 150 € oder ermäßigt für 110 € (für Mitglieder verschiedener Organisationen wie MEG oder DGZH und andere) nachträglich erwerben

Besonders hervorzuheben ist, dass es von allen Vorträgen Aufzeichnungen gibt, die online verfügbar sind. Bei anderen Kongressen waren oftmals manche Vorträge im Nachhinein nicht freigegeben worden. Hier gibt es also die Gelegenheit den gesamten Kongress nachzuerleben.

​MEGValyou – Das Beste aus zwei Welten

Mittlerweile sind die Vor- und Nachteile von Onlinekongressen den meisten bekannt. Man kann bequem von zu Hause zuschauen. So können auch Personen teilnehmen, für die eine Reise zum Tagungsort nicht möglich wäre. Lange Bildschirmzeiten können dafür zu einer Ermüdung führen. Die MEG hat aus meiner Sicht die Vorteile des Onlineformats genutzt und gleichzeitig Elemente zur Auflockerung entwickelt.

MEGhappyour

Die MEGhappyour bietet Gelegenheit zum Durchatmen und Energie auftanken. Passenderweise trug die Session von Manu Dieter Giesen den Titel „Heilsame Pause – eine Atem- und Klangmeditation“. In bester „Hypnotherapie-Manier“ machte er klar, dass unser Körper ohnehin schon die Kompetenzen hat, sich selbst zu regenerieren: Wir müssen ihm nur Zeit und Raum dafür geben. Dazu gab seine Meditation eine sehr gute Gelegenheit.

Aus meiner Sicht sind diese Pausen essenziell, um überhaupt in der Lage zu sein, die vielen Informationen der Vorträge sinnvoll aufnehmen zu können. Wenn es immer nur inhaltlichen Input geben würde, wäre die Grenze der Aufmerksamkeit sehr schnell erreicht. 

Außerdem ist aus hypnotherapeutischer Sicht auch auf die Wirksamkeit eines ganzheitlichen körperlichen Erlebens hinzuweisen: Durch die Vernetzung von körperlichen Übungen mit kognitiven Inputs kann das Erlebte noch besser auf vielen Sinnesebenen verarbeitet werden.

Für alle, die statt einer „heilsamen Pause“ lieber einen gedanklichen Ausflug machen wollte, gab es zusätzlich eine parallele Session: Bei dieser nahm Anett Renner die Teilnehmenden mit zu einer Mittagsentspannung durch (imaginatives) Waldbaden.

Abgerundet wurden die MEGhappyours durch eine abendliche Übung zum Thema „stimmige Stimme und Atmung“ – hierbei wurde das körperliche Erleben durch Stimme, Bewegung, Haltung und Atmung besonders geschult.

MEGhappyour 3 von Ronja Ernsting "Hier stimmt´s" - mit bewegtem Atem und Stimme

Virtuelle Plauderecke 

Ebenso wie die Gelegenheiten zum Durchatmen gab es auch wieder Möglichkeiten zum Zusammenkommen und direkten Austauschen - etwas, was ja virtuell oftmals nicht ganz so leicht möglich ist, wie im persönlichen Kontakt.

 Bei beiden MEGValyou Kongressen gab es hierfür einen virtuellen Raum, der über das Tool Wonder.Me realisiert wurde. Dieser Raum war tagsüber der MEGplaudertreff und zum Abschluss des Kongresses das MEGlagerfeuer. 

Vor dem gemütlichen Abschluss am Lagerfeuer gab es noch ein Wiedersehen mit den beiden ImprovisationskünstlerInnen Charlotte Cordes und Florian Schwartz, die schon beim ersten Kongress für einen sowohl therapeutischen als auch kreativen Programmpunkt sorgten. 

Diesmal griffen sie spontane Lebensthemen der Teilnehmenden auf und setzen diese darstellerisch improvisiert in Szene. Ihre verspielte Performance sorgte dabei bei mir für eine Mischung aus Stirnrunzeln und Schmunzeln und dürfte auch den Teilnehmenden in Erinnerung bleiben.

Im nächsten Abschnitt möchte ich dir einige der Themen vorstellen, die im Kongress besprochen wurden.

Die Themen

Insgesamt gab es beim MEGValyou 2 zwei Blöcke mit jeweils vier parallel gehaltenen Workshops. Vor jedem der Blöcke gab es noch jeweils einen Vortrag. Von diesen Programmpunkten möchte ich dir die Beiträge von Ortwin Meiss und Dirk Revenstorf genauer vorstellen.

​Lift your mood

Ortwin Meiss widmete sich in seinem Vortrag dem Thema Prävention von Depressionen und Burnout. Unter dem Titel “Lift your mood” sprach er über verschiedene Ansätze, die sowohl inspirierend waren, als auch seinen kreativen Ansatz in der Psychotherapie erkennen ließen. 

So sprach er nicht nur darüber, wie er einst aus Langeweile zum Opernfan wurde oder Fußballtrainer-Legende Hennes Weisweiler begegnete. Er zeigte auch in einer Live-Demonstration, wie man mit einer hypnotherapeutischen Methode Menschen unterstützen kann, die in ihrem Leben bei bestimmten Themen eine große Lustlosigkeit empfinden. 

Ortwin Meiss berichtete darüber, wie er einst aus Langeweile Fußballtrainer-Legende Hennes Weisweiler im Stadion begegnete

Aus seiner Sicht sei es dabei vor allem wichtig, nicht zu glauben, dass man seinem Gegenüber Lösungen anbieten könnte. Stattdessen ging es Meiss ganz im hypnotherapeutischen Sinne darum, spontane Prozesse der kreativen Ideenfindung anzuregen.

In der Demonstration erzählte die Teilnehmerin zunächst von ihrer derzeitigen Lustlosigkeit auf sportliche Aktivitäten. 

Sie berichtete aber auch von einer Zeit, als sie von sich aus sogar nach einem langen Tag noch Sport machte. Hier bat Ortwin Meiss um eine möglichst detaillierte Schilderung. 

In einer anschließenden Trance bot er der Teilnehmerin die Gelegenheit, diese Zeit wieder gegenwärtig erleben zu lassen. Dabei zeigte sich eine Qualität hypnotherapeutischer Interventionen: Auch Erlebnisse, die unter Umständen schon Jahrzehnte zurückliegen, lassen sich oftmals sehr schnell wieder unmittelbar erfahrbar machen. 

So werden Ressourcen und Fähigkeiten, die lange Zeit ungenutzt waren, wieder zu einer spontan nutzbaren Quelle von Energie und neuen Möglichkeiten.

Grundsätzlich ging es bei der Intervention in meinen Augen um die Aktivierung von Flexibilität, Autonomie und das Erleben eines persönlichen Freiraums - allesamt Fähigkeiten, die zu einer erhöhten Selbstwirksamkeit beitragen können.

Die Teilnehmerin berichtete am Ende der Demonstration interessanterweise, dass sie in der Trance statt in der vergangenen sportlichen Studienzeit fast sofort in der Zukunft war und sich vorstellte, wie sie in ihrer aktuellen Umgebung sportlich aktiv wird. 

So zeigt sich, dass durch die Anregung und Aktivierung alter Ressourcen oftmals sehr schnell ein Transfer möglich wird und im Hier und Jetzt neue Möglichkeiten entstehen. 

Dieses spontane Auftreten von Lösungen wurde auch in dem zweiten Vortrag, den ich für dich zusammenfasse, angesprochen.

​Psychotherapie zwischen Algorithmus und Psilocybin

In einem Blick in die Zukunft beleuchtete Dirk Revenstorf in seinem Vortrag “Psychotherapie zwischen Algorithmus und Psilocybin” mögliche Entwicklungen der Psychotherapie. Dabei war die Kombination der Bereiche, die er untersuchte, so ungewöhnlich wie spannend. 

Auf der einen Seite die möglichen Auswirkungen von computergestützter Psychotherapie und auf der anderen Seite der Einsatz von psychedelischen Substanzen wie LSD oder Ketamin für therapeutische Zwecke. Die Gemeinsamkeit beider Ansätze erschloss sich mir aufgrund der großen thematischen Unterschiede erst durch genauere Erläuterungen.

Revenstorf machte deutlich, dass beide das Potenzial haben, zukünftig Aufgaben zu übernehmen, die aktuell noch im Terrain der Psychotherapie angesiedelt sind. Beide Bereiche haben zudem (gegensätzlichen) Einfluss auf die Stabilität der individuellen Ich-Konstruktion.

Dirk Revenstorf sprach über die therapeutischen Möglichkeiten von (De-)Stabilisierung

So haben einerseits Computerprogramme oder Chatbots die Möglichkeit, rund um die Uhr stabilisierende Maßnahmen zum Wohle von Menschen in schwierigen Situationen liefern zu können. Zudem gibt es hier ungeahnte Möglichkeiten, wie zum Beispiel das Einüben von neuen Verhaltensweisen in virtuelle Realitäten mittels VR-Brillen.

Revenstorf wies allerdings darauf hin, dass ein Computer letztendlich niemals einen Menschen ersetzen kann. 

Nicht nur, weil die sozialen Komponenten einer menschlichen Interaktion etwas Besonderes sind. Sondern auch, weil Computer immer nur mit den Informationen arbeiten können, die schon vorhanden ist. 

Dadurch fehlt laut Revenstorf das, was letztendlich auch den „Zauber“ von psychotherapeutischen Interventionen ausmacht: Den Raum für spontan auftretende Ideen und neue Lösungen zu bieten – ein Merkmal, das gerade die Hypnotherapie besonders auszeichnet. Er steht daher einer Therapie, die nur auf Algorithmen beruht, zumindest teilweise skeptisch gegenüber.

Psychoaktive Substanzen auf der anderen Seite haben aufgrund ihrer Wirkung auf verschiedene Gehirnareale die Fähigkeit, Annahmen und Überzeugungen von ProbandInnen infrage zu stellen, die subjektiv zuvor unumstößliche Wahrheiten waren. Dies führt zu einer Destabilisierung des Ichs. 

Eine solche müsse allerdings gut in einen therapeutischen Rahmen eingebettet sein. Denn eine Ich-Destabilisierung kann auch negative Begleiterscheinungen(zum Beispiel Verunsicherung oder Angstzustände) mit sich bringen. 

Durch eine therapeutische Begleitung kann sichergestellt werden, dass die positiven Folgen einer psychedelischen Sitzung nicht negativ beeinträchtigt werden. Dadurch könnte die Einnahme von psychoaktiven Substanzen auch schon bei einmaliger therapeutischer Anwendung zu einer deutlichen Verbesserung von Depressionen oder Angst vor dem Tod bei schwerkranken PatientInnen führen.

Fazit

Aus meiner Sicht hat sich das Onlineformat MEGValyou bewährt. Das Angebot ist eine gelungene Kombination aus inhaltlicher Vielfalt und auflockernden Zusatzformaten. Neben bekannten Themen und Vortragenden gibt es immer wieder Raum für neue Entdeckungen. 

Eine Stärke und Bereicherung ist es zudem, dass bei MEG-Kongressen nicht ausschließlich fachspezifische Vorträge gehalten werden, sondern auch immer wieder Themen des gesellschaftlichen Wandels Einzug finden. 

Auch wenn wir natürlich hoffen, dass demnächst auch wieder regelmäßig Präsenzkongresse stattfinden, hat der MEGValyou-Kongress als Onlineformat sicherlich das Potenzial zu einer dauerhaften Institution zu werden.


Autor: ​Aldo Haumann

​Aldo ist Master of Arts der Philosophie und absolvierte in Wien ein Masterstudium für hypnosystemische Beratung und Interventionen. Er macht zurzeit eine Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater und systemischen Coach. Im Zuge dieser Ausbildung betreut er hypnosystemische Kongresse und Institute in Deutschland und Österreich.

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