Eindrücke & Highlights vom MEG Valyou Online Live-Kongress 2021

MEG Valyou

Der Jahreskongress der MEG hätte 2021 zum ersten Mal in Kassel, statt in dem langjährigen Tagungsort Bad Kissingen, stattfinden sollen. Um eine kurzfristige Absage aufgrund von Coronaregelungen zu vermeiden, hatte sich die MEG bereits Ende 2020 entschieden, den ursprünglich in Präsenz geplanten Kongress auf ein Onlineformat umzustellen. Dies zahlte sich aus, denn so konnte eine gute Planbarkeit und inhaltlich hochwertige Gestaltung gewährleistet werden. Der Online-Kongress fand am 20. und 21. März 2021 statt.

So sehr sich wohl alle auf ein Wiedersehen beim Jahreskongress in Kassel gefreut haben, so sehr waren wir vom MEG-Blog Team auf die Gestaltung der Online-Alternative gespannt. Wir freuen uns also sehr, dass uns die MEG die Aufzeichnungen im Nachhinein zur Verfügung gestellt hat, damit wir für dich über den MEGValyou-Kongress berichten können.

Ich habe für dich nicht nur inhaltliche Erkenntnisse aus den Vorträgen zusammengestellt, sondern mir auch die Umsetzung des Kongresses und die Online-Features angeschaut.

Über die Umsetzung des Kongresses

Die Aufzeichnungen der einzelnen Workshops waren für Teilnehmende des Kongresses noch bis zum 15. Juni online zu sehen. Alle anderen haben die Möglichkeit die Aufzeichnungen zum Preis der Kongressteilnahme (200 € für Nicht-MEG-Mitglieder) zu erwerben. Ich selbst habe übrigens nicht live am Kongress teilgenommen, sondern Anfang Juni die Aufzeichnungen angeschaut. Ein Urteil bezüglich der Live-Umsetzung ist mir daher nicht möglich. Positiv anzumerken ist, dass fast alle Programmpunkte des Online-Kongresses aufgezeichnet wurden. Es ist also auch nachträglich absolut lohnenswert, die Aufzeichnungen des Kongresses zu erwerben.

Besondere Möglichkeiten eines Online-Kongresses

Online-Kongresse sind in einigen Aspekten nicht vergleichbar mit einem Kongress in Präsenz, trotzdem gibt es Möglichkeiten auch das Online-Format abwechslungsreich zu gestalten. Hierfür bieten sich beispielsweise Programmpunkte an, die zu körperlicher Bewegung einladen. Wer lange vor einem Monitor sitzt, freut sich sicher über Möglichkeiten etwas abzuschalten und gleichzeitig mental wieder aufzuladen. Den Kongress auf diese Weise abwechslungsreich zu gestalten und aufzulockern scheint dem Orga-Team des Kongresses toll gelungen zu sein!

Außerdem ist es bei diesen Online-Begegnungen wichtig, den fehlenden persönlichen Austausch durch andere Formate zu ermöglichen.

MEGhappyour

Der MEGValyou-Kongress hat hier viele schöne Angebote geschaffen, neben der fachlichen Wissensvermittlung mental wieder aufzutanken. Diese Programmpunkte heißen “MEGhappyour”. Es gibt dabei vielfältige Möglichkeiten wie zum Beispiel Lachyoga, Tanzen oder Improvisationstheater. Bei Letzterem wurde in mehreren Videofenstern ein aktuelles Lebensthema eines Kongressteilnehmers aufgegriffen und nachgespielt. Er erzählte zunächst einen Teil seiner “Life Story”. Das Thema dieser “Life Story” wurde dann von Schauspieler*innen mit Techniken des Improvisationstheaters dargestellt. Der Kongressteilnehmer selbst konnte sich zurücklehnen, zusehen wie andere seine Story spielen und dabei neue Aspekte seiner Themen vor Augen geführt bekommen. Und natürlich bekam er auch die Möglichkeit Feedback zu der Darstellung seiner Story zu geben.

Tanz mal drüber nach

Die Anregung “Tanz mal drüber nach”, angeleitet von Ulrike Juchmann, tat mir persönlich gut, um nach langer Zeit vor dem Bildschirm den Körper in Bewegung zu bringen. Dabei hat mir vor allem die Kombination aus therapeutischen Aspekten in der ungewöhnlichen Verbindung zum Tanz gefallen. Statt immer nur über Themen nachzudenken wurde mir deutlich, wie viel Sinn es macht, das gesamte körperliche Erleben durch den Tanz mit einzubeziehen.

Virtuelles “Lagerfeuer”

Darüber hinaus gab es am ersten Abend ein virtuelles “Lagerfeuer”, bei dem sich die Teilnehmenden austauschen konnten. Als Plattform wurde dafür Wonder.Me genutzt. Hierüber war es am Ende des Kongresses auch möglich, an einer abschließenden Feedbackrunde mit Teilnehmenden und Veranstaltenden teilzunehmen.

Da ich die Aufzeichnungen des Vortrages erst im Nachhinein angesehen habe, kann ich leider nicht beurteilen, wie die Stimmung am Lagerfeuer war. Doch aus meiner Erfahrung der Präsenzkongresse kann ich sagen, dass die Stimmung bei Veranstaltungen der MEG immer sehr gut ist.

Ich finde es schön zu sehen, dass es mittlerweile so tolle Neuerungen und Möglichkeiten gibt, um mit Online-Kongressen ganz eigene Formate zu ermöglichen, die es zuvor noch nicht gegeben hat.

Doch nicht nur von der Gestaltung her war der MEGValyou Kongress eine Bereicherung, auch die Vorträge konnten wieder viele interessante Themenfelder abdecken.

Die Themen

Die Themen der Vorträge waren bewusst ausgewogen gestaltet, sodass es keinen inhaltlichen Schwerpunkt gab. So las sich die Auswahl der Vorträge und Workshops wie ein “Who is Who” der Hypnotherapie. Es gab unter anderem Beiträge von Bernhard Trenkle, Ortwin Meiss, Ghita Benaguid und Gunther Schmidt.

Gunther Schmidt erwähnte in seinem Beitrag, dass eine Veränderung des Kontextes zu veränderten Strategien führen müsse, um die Ziele zu erreichen. So stellte er (mit einem Augenzwinkern) eine Referenz her zwischen seinem Vortragsthema und dem Format des Kongresses.

Darüber hinaus gab es Vorträge zu Aspekten der körperlichen Gesundheit wie “Über-Gewicht” von Anne M. Lang, “Psychologische Konzepte zur Stärkung des Immunsystems” von Ortwin Meiss und (scheinbar paradox formuliert) “Vom leichten Schmerz zum schweren Trauma” von Martin Busch. Bereits bei den Titeln wird deutlich, dass körperliche Themen oftmals auch psychologische Aspekte haben. Diese wurden in den Vorträgen dann auf spannende und hilfreiche Art und Weise genauer beleuchtet.

Spannend war auch der Beitrag Ernil Hansens, der eine Studie über intraoperative hypnotische Suggestionen unter Narkose von Hartmuth Nowak vorstellte. Der Artikel über die Studie wurde in einem sehr renommierten wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Dies macht zum einen das Interesse an einer evidenzbasierten Untersuchung von Hypnose durch wissenschaftliche Methoden deutlich. Zum anderen zeigt die Veröffentlichung auch die wissenschaftliche Relevanz der Hypnose in der Medizin. Ich werde hier für dich die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie zusammenfassen.

Touching the unconscious in the unconscious – Eine Studie und ihre Folgen

In dem Vortrag von Ernil Hansen ging es um eine Studie zu einem sehr spannenden medizinischen Thema:

Die Studie untersuchte den Einfluss von hypnotherapeutischer Kommunikation bei Menschen unter Narkose, die operiert werden. Hypnose wird oft als Interaktion mit dem Unbewussten beschrieben – allerdings meistens bei Menschen, die in einem Zustand von Wachbewusstsein sind. Hier ist also eine direkte Interaktion zwischen Therapeut*in oder Mediziner*in und Patient*innen möglich. Wie verhält es sich aber mit der Kommunikation mit Menschen, die durch die Narkose bewusstlos sind? Kann hier die Hypnose überhaupt wirken?

Hansen zufolge sind die Ergebnisse der Studie relativ eindeutig: Auch bei Menschen in Narkose scheint es weiter verarbeitende Wahrnehmungsprozesse zu geben, die auf die hypnotherapeutische Kommunikation positiv reagieren.

So zeigt sich, dass Schmerzen durch den medizinischen Eingriff im Vergleich zur Kontrollgruppe um ein Viertel verringert wahrgenommen werden. Die Schmerzmittelgabe von Opioiden verringerte sich sogar um ein Drittel. Nach der Operation lag der Anteil der Personen, die gar keine Schmerzmittel brauchten um 80% höher als bei der Kontrollgruppe (37% aller Operierten unter Hypnose im Vergleich zu 20% in der Kontrollgruppe)

Ausschnitt der verwendeten Suggestionen unter Narkose

Hansen weist zudem darauf hin, dass der Text, der zur Kommunikation mit den Menschen in Narkose verwendet wurde, sich nicht spezifisch auf Schmerzen konzentriert habe, sondern eher eine generelle wertschätzende Orientierung hatte. Dies könnte erklären, wieso die vorliegende Studie im Gegensatz zu früheren ähnlichen Studien, eine signifikante schmerzreduzierende Wirkung von hypnotherapeutischer Kommunikation mit Menschen unter Narkose nachweisen konnte. So konnte der Aufmerksamkeitsfokus eher auf ein zieldienliches Erleben von Sicherheit gerichtet werden. Dies ist günstiger als auf Schmerzvermeidung, da diese einen eher unerwünschten Ausgangspunkt hat, nämlich die Schmerzen selbst.

Neben den rein körperlichen Folgewirkungen der hypnotherapeutischen Kommunikation erwähnt Hansen auch den wichtigen Aspekt der Würdigung, die in der Schulmedizin bisher zu wenig beachtet würde. Die Interaktion zwischen Mediziner*innen und Patient*innen sei momentan oft entwürdigend, da die Patient*innen in eine rein passive Rolle versetzt werden anstatt ihr körperliches Mitwirken, z.B. bei der Blutgerinnung, anzusprechen und zu würdigen.

Auch auf Kritik an der Studie, durch die internationale Presse, nahm Hansen in seinem Vortrag Bezug. So konnte er zeigen, dass diese unter anderem damit zusammenhängt, dass die Methoden der hypnotherapeutischen Kommunikation leider sehr unbekannt sind.

Alles in allem ein sehr spannender Beitrag, der deutlich macht, dass Hypnose im medizinischen Kontext vielversprechend ist, aber auch noch mit vielen Vorbehalten kämpfen muss.

Zudem möchte ich noch einen Einblick in den Vortrag von Gunther Schmidt “Geborgen im Ungewissen mit hypnosystemischem „Polynesischen Segeln”” geben.

Geborgen im Ungewissen

Als Eröffnung bezog sich Gunther Schmidt auf die Probleme in der aktuellen Leistungsgesellschaft und ihre Ambivalenzen: Wenn wir uns entspannen wollen, droht die Gefahr, dass sich innere Antreiber melden, die uns (gut gemeint) davor warnen, dass wir den Anschluss verlieren könnten. Es gibt so viele wichtige Themen, denen der moderne Mensch versucht gerecht zu werden (Gesundheit, Beruf, Familie, Weiterbildung), dass der Tag eigentlich “72 Stunden” bräuchte. Dabei erlebt sich der Mensch so, als ob die Situation von außen “Schuld daran” ist, dass er sich so fühlt. Schmidt weist aber darauf hin, dass Erleben (auf willkürlicher und unwillkürlichen Ebenen) immer selbsterzeugt wird.

Dies kann dazu führen, dass wir es so erleben, als ob etwas “von außen mit uns” passiert, wobei bei genauer Betrachtung unser automatisiertes Erleben dafür verantwortlich ist – etwas, das sich beeinflussen lässt, zum Beispiel mit Hypnose. Es gibt also Seiten in uns, die uns antreiben “alles immer sofort zu 100% zu erledigen”. Dass das zum Erleben von Druck führt, ist nicht verwunderlich – was kann man aber dafür tun, dass wir uns besser und sicherer fühlen können?

Gunter Schmidt erläutert, dass unsere Sehnsucht nach Sicherheit paradoxerweise oft dazu führt, dass wir unsicher sind, weil wir diese Sicherheit aus einem Zustand der Angst erzeugen. Zudem ist gerade durch die Corona-Pandemie deutlich geworden, dass eine absolute Planungssicherheit für die Zukunft ohnehin eine Illusion ist.

Gunther Schmidt

Daher wäre es nützlicher das Ziel “Sicherheit” als bloße Orientierung zu nutzen, damit wir in diese Richtung “das Segel setzen” können und dann unseren Kurs “auf hoher See” (im Alltag) korrigieren. Wenn wir darauf vertrauen, dass wir uns auf die richtige Art und Weise bewegen, ist das Erreichen eines Zieles nachrangig. Wichtiger ist, dass es in Richtungen geht, die uns guttun und uns sinnhaft erscheinen. Sich im Ungewissen geborgen zu fühlen bedeutet, dass wir nicht ganz genau wissen, wie wir wo ankommen, aber sich die Art der Reise stimmig und sinnvoll anfühlt. Dafür ist es hilfreich, wenn wir das Wissen über die eigenen Kompetenzen zum Navigieren und Korrigieren in uns tragen und es gegebenenfalls in schwierigen Zeiten aktualisieren.

Wie das gelingen kann erläutert Gunter Schmidt in seinem Vortrag durch die Beschreibung verschiedener Interventionen, die das ambivalente Erleben von Menschen mit Sicherheitsbedürfnissen berücksichtigen.

Fazit und Ausblick

Nächstes Jahr soll, nach zwei Jahren Pause, der MEG Kongress wieder in Präsenz stattfinden. Darauf dürften sich wohl nicht nur die zahlreichen Helfer*innen freuen, zu denen auch einige der Autor*innen des MEG Blogs zählen. Nichtsdestotrotz kann nach dem ersten Online-Kongress der MEG gesagt werden, dass diese Umstellung gut gelungen ist. Die Zusammenstellung war sowohl fachlich fundiert, als auch sinnlich anregend und lässt auf weitere Impulse hoffen. Im Nachhinein ist es nicht leicht zu beurteilen, wie die Atmosphäre während des Kongresses tatsächlich war, doch für mich persönlich waren die Beiträge eine fundierte Erweiterung meines hypnotherapeutischen Wissens.

Übrigens findet sich in der Programmübersicht eine Ankündigung für den 3. Oktober 2021 für ein eintägiges Zusatzprogramm. Man darf also gespannt sein, was in Zukunft noch unter dem Titel MEGValyou veröffentlicht wird.

Autor: Aldo Haumann

​Aldo ist Master of Arts der Philosophie und absolvierte in Wien ein Masterstudium für hypnosystemische Beratung und Interventionen. Er macht zurzeit eine Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater und systemischen Coach. Im Zuge dieser Ausbildung betreut er hypnosystemische Kongresse und Institute in Deutschland und Österreich.

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