Von der Magie des Bruchs: Informationen mit Unterschieds-Potential

Einer der großen Bereiche der Psychotherapieforschung ist die Wirksamkeitsforschung: „Wie wirkt Psychotherapie?“. Und das scheint nicht ohne Berechtigung so zu sein. Wüssten wir, was und wie in Therapie und Beratung wirkt und zu einem „sicheren Erfolg“ führt, so wäre unsere Arbeit sicherlich ein ganzes Stück einfacher. Vielleicht auch langweiliger, weil dem individuellen Moment der Begegnung möglicherweise weniger Gewicht zugeschrieben würde, aber das ist ein anderes Thema. 😉

In der Welt des Hypno-Systemik begegnen wir bezüglich der Frage nach dem „Was wirkt?“ oft dem Begriff des „Unterschieds“. Und nicht nur irgendeines Unterschieds, sondern dem, der einen Unterschied macht. Was soll das aber sein, ein Unterschied, der einen Unterschied macht?

Ursprünglich kommt dieser Ausdruck von Gregory Bateson. Bateson (1972) bezeichnete Informationen als Unterschiede, die eine Unterschied machen. Und das ergibt Sinn: Wir Menschen funktionieren über Unterschiedsbildung, so erklären wir uns unsere Welt. Das Bilden von Unterschieden dient uns als prächtiges Werkzeug, um uns in ihr zu organisieren und zurechtzufinden: Gut/ Schlecht, Ich/ Du, Genießbar/ Ungenießbar. Das sind Unterscheidungen, die für uns relevant und überlebenswichtig sind.

Eine Unterscheidung, die aus unserem Alltag kaum wegzudenken ist: Licht/ Dunkelheit

In der Regel führen diese Unterscheidungen jedoch nicht dazu Verhaltensmuster zu hinterfragen oder gar zu ändern. Sie stellen vielmehr die Basis dar, anhand derer wir unserer Muster entsprechend agieren. Wenn aber neue Informationen in ein bereits bestehendes Konstrukt aus Unterschiedsbildungen kommen, so können diese neuen Informationen einen Unterschied darstellen, welcher wiederum einen Unterschied zu der vertrauten Unterschiedsbildung macht.

Der Unterschied regt also zu neuen Unterschiedsbildungen an und kann somit mögliche Verhaltensänderungen zur Folge haben. Klingt etwas Hirnwindungen-zerknotend - mea culpa - doch nach dem 10. Mal Lesen klingt es logisch, finde ich... 

Die Größe macht’s… 

Wir können annehmen, dass alles Mögliche als neue Information mit Unterschieds-Potential gesehen werden kann. Beispielsweise, dass es beim Thema Angst nicht darum geht die Angst zu bekämpfen und loszuwerden, sondern darum sie als etwas hilfreiches anzunehmen (mehr dazu in dem Artikel: „Warum wir scheitern, wenn wir gegen die Angst ankämpfen“). Für eine Klientin von mir war diese Idee beispielsweise so neu, dass sie sie zu Beginn kaum annehmen konnte. 

Laut Andersen (1987) ist es wichtig, dass eine neue Information keinen zu kleinen Unterschied zu vorangegangenen Konstrukten und Unterschiedsbildungen der Klient*innen macht. Sie bliebe sonst schlicht unbemerkt. Doch auch eine zu große Diskrepanz sei nicht hilfreich, da sich Klient*innen möglicherweise gegenüber dieser neuen Idee aus Prinzip verschließen könnten; einfach weil sie zu unterschiedlich ist zu ihren bisherigen Ideen und Erzählungen von der Welt. Und was nun daraus folgt ist beinahe zu vorhersehbar: Andersen empfiehlt Unterschiede, die groß genug sind, um bemerkt zu werden und dabei nicht zu groß, damit sie noch an das Weltbild der Klient*innen andocken.

Als ich davon das erste Mal las, war ich ziemlich skeptisch. Geprägt von den Mantren: „Unterschiede, die einen Unterschied machen“ und „das System aufrütteln“ stellte ich infrage, dass nur die „mittel-großen“ Unterschiede annehmbar und somit hilfreich sein sollten.

Mittlerweile hab ich’s geschnallt: Die Unterteilung in: zu klein – genau richtig – zu groß in Bezug auf Unterschiede gibt es nicht losgelöst von einem konkreten Setting mit einem konkreten Klient*innensystem. Es gibt nicht „den zu großen Unterschied“ oder „den genau richtigen Unterschied“ per se. Was es gibt, das sind individuelle Begegnungen von Menschen. Und bei diesen Begegnungen ist es für mich als Therapeutin sinnvoll, aufmerksam zu sein, ob der Unterschied durch die neue Information für meine*n Klient*in gerade eine angemessene „Größe“ hat.

In Bezug auf meine Angst-Klientin hieß das zum Beispiel, uns gerade ihrer Skepsis gegenüber der neuen Haltung intensiv zu widmen.

Für so manchen Menschen mag eine Blüte am Drahtzaun einen Unterschied darstellen, der einen Unterschied macht

Für manche Menschen mag eine Blume am Drahtzaun einen bedeutsamen Unterschied darstellen

Ein weiteres Beispiel für einen Unterschied, der einen Unterschied machte, ereignete sich während eines Vortrags von Gunther Schmidt. Ich verhörte mich und meinte er habe von einem „Gunther-schied“ gesprochen. Meine Mithörer*innen versicherten mir später jedoch dem sei nicht so gewesen und ich verstand, warum ich als einzige im Saal über dieses kluge Wortspiel hatte lachen müssen. Nun ja, der Moment hat einen Unterschied für mich gemacht. Anders als an den Rest des Vortrages (der bereits sehr an mein vorheriges Weltbild andockte) erinnere ich mich an diese Situation noch Jahre später sehr gut!

Die Spülmaschinen-Intervention

Ob Gunther Schmidt geplant hat, dass ich mich Jahre später daran erinnere, ihn vermeintlich von einem „Gunther-schied“ sprechen gehört zu haben, das ist eher fraglich. Und was hier passiert ist, das gilt auch für Therapie und Beratung.

Was es ist, dass für unsere Klient*innen einen Unterschied macht, das entscheiden nicht wir! Nicht, wenn wir ein Seminar geben, einen Vortrag halten und auch nicht in Therapie und Beratung.

Eine weitere kleine Geschichte, in der dies besonders deutlich wird, stammt aus gar nicht allzu alter Vergangenheit. Sie ereignete sich in einem Seminar zu systemischer Haltung in Therapie und Beratung. Ich hatte ein Team aus einem Therapeuten und einer Therapeutin für eine Live Beratung eingeladen. Die Studis sollten das, was ich ihnen das Wochenende über vermeintlich gepredigt hatte, von anderen Menschen live in Action sehen können. Die zwei hatten eine Klientin mitgebracht und im Anschluss an die Live Beratung kamen wir miteinander und den Studis in Gespräch. Und wie wir so über den Prozess plauderten, erzählte die Klientin von einer früheren Situation mit der Therapeutin. Die Therapeutin sei gerade dabei gewesen die Spülmaschine auszuräumen und habe: „...“ gesagt. Dieser Satz saß! Er hinterließ bei der Klientin einen bleibenden Eindruck. Immer wieder würde sie sich an diese Situation und diesen Satz erinnern, sagte sie. Die geschilderte Situation war urkomisch. Alle mussten wir lachen und das sogar umso mehr, als die Therapeutin darauf sagte, sie könne sich an diese großartige „Intervention“ ihrerseits gar nicht mehr erinnern.

„Ich habe echt richtig gute Interventionen gemacht, habe ich gedacht, doch was hängen blieb, ist wie ich die Spülmaschine ausräume und etwas über Milch erzähle.“, sagte sie.

Bruch-Momente mit Unterschieds-Potential

Wie gesagt: Der Begriff der Information lässt sich weit fassen. Tatsächliche neue Informationen, die ausgesprochen, gemalt oder gesungen werden, aber auch neue Beziehungserfahrungen oder andere Erkenntnisse und Erlebnisse = alles mögliche neue Informationen.

Ein weiteres Konzept, welches sich nach meiner Auffassung gut als eine neue Information mit Unterschieds-Potential eignet, ist das des „Bruchs“. Ein Bruch-Moment bezeichnet einen Moment der Spannung oder des Zusammenbruchs der Beziehung zwischen Klient*in und Therapeut*in (Safran & Muran, 2000). Brüche sind laut Eubanks, Muran und Safran (2015) unausweichlich. Sie können unbemerkt bleiben, aber auch Abbrüche der Therapie zu Folge haben.

Und so hatten Brüche lange Zeit einen ziemlich schlechten Ruf. Kein Wunder, denn wer möchte schon gern Beziehungen angespannt oder brechen sehen, nicht? 

Doch so eindeutig ist die Sache nicht. Es lässt sich davon ausgehen, dass nicht das Auftreten eines Bruchs ausschlaggebend ist, sondern der Umgang mit diesem. Relevant ist, wie diese Gefährdung für die therapeutische Beziehung durch Therapeut*innen aufgenommen, besprochen und gemeinsam mit den Klient*innen be- und verarbeitet wird (Eubanks, Muran & Safran, 2018). 

Am Beginn so einiger Abenteuer steht ein Bruch...

Am Beginn so einiger Abenteuer steht ein Bruch

Und so denke ich: Wenn Brüche im therapeutischen Setting unausweichlich sind, dann könnten sie auch im Alltag etwas ganz Normales sein. Sie könnten zum Alltag dazugehören und dann entstehen, wenn es eine Diskrepanz zwischen unseren Bedürfnissen und dem wahrgenommenen Angebot der Welt gibt. Ich denke, das kennen wir alle: Manchmal entspricht das Angebot einfach nicht dem, was wir uns gerade wünschen. Im Kontakt mit anderen Menschen, oder Institutionen, oder im Gefühl zum „großen Ganzen“. Dann heißt es: Kompromisse bilden. Und wenn uns das misslingt, dann wird es irgendwie unbequem.

Das ist nun das Konzept der Brüche etwas abstrahiert. Doch ergibt es für mich insofern Sinn, als dass es in dieser Denke umso cooler ist, wenn dann in Therapie und Beratung Brüche "auftauchen". Dort kann der Umgang mit diesen ein anderer sein, als die Klient*innen es sonst aus ihrem Alltag kennen. Und das Arbeiten mit, im, an und nach einem möglichen Bruch kann so einen deftigen Unterschied machen.

Nehmen wir die Idee des Bruchs als eine mögliche Information, die einen Unterschied machen kann, ernst, so gilt auch hier: die Größe macht's! Auch ein Bruch sollte weder zu groß, noch zu klein sein, um einen Unterschied zu machen. Gute Therapie ist, wenn der*die Klient*in gerade noch auf der Stuhlkannte sitzt und fast geht - aber eben nur fast!

Für Blumen auf der Straße braucht es Risse im Asphalt!

Das soll nun keine Einladung sein auf Teufel komm raus aktiv Brüche zu provozieren, um dann mit diesen zu arbeiten (wenngleich auch das einen sicherlich interessanten Versuch darstellen könnte). Vielmehr soll es eine Ermunterung sein Brüche nicht zu verteufeln, zu fürchten, um jeden Preis zu vermeiden, oder unter den Tisch fallen zu lassen.

Dazu wohnt ihnen viel zu viel Magisches inne! Sie lassen sich als eine Art Zwischenzustand begreifen: ein nicht mehr das Alte und noch nicht das Neue. Somit entsteht ein Zustand, in dem sowohl das Alte, als auch das Neue sichtbar und untersucht werden kann. Gemeint ist also eine Einladung lustvoll aufmerksam für Brüche zu sein und sich ihres Unterschied-Potentials bewusst zu werden.

Und so bleibt mir noch zu wünschen: Viel Neugier auf den nächsten Bruch! 😉

Autorin: Chawwah Grünberg

Chawwah arbeitet als Psychologin in einer sozialpsychiatrischen Praxis für Kinder und Jugendliche und studiert nebenbei in Kassel im Master Klinische Psychologie und Psychotherapie. Ihre Weiterbildungen in systemischer Therapie und Beratung hat sie in Heidelberg gemacht und absolviert aktuell Module am Deutschen Institut für Provokative Therapie. Außerdem spielt sie leidenschaftlich gern Theater und hat schon ein paar Jahre als Theaterpädagogin auf ihrem (30 Jahre jungen) Buckel.

Literatur zum Nachlesen

Andersen, T. (1987). The reflecting team: Dialogue and meta‐dialogue in clinical work. Family process26(4), 415-428.

Bateson, G., (1972) Steps to an ecology of mind. New York: Ballantine Books.

Eubanks, C.F., Muran, J.C., & Safran, J.D. (2015). Rupture resolution rating system (3RS): Manual. Unpublished Manuskript, Mount Sinai-Beth Israel Medical Center, New York, NY.

Eubanks, C. F., Muran, J. C. & Safran, J. D. (2018). Alliance rupture repair. A meta-analysis. Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training, 55 (4), 508-519. 

Safran, J.D., & Muran, J.C. (2000). Negotiating the therapeutic alliance: A relational treatment guide. New York, NY: Guildford.

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