{"id":1007,"date":"2019-03-06T21:15:52","date_gmt":"2019-03-06T20:15:52","guid":{"rendered":"https:\/\/hypnose.de\/blog\/?p=1007"},"modified":"2019-10-22T14:53:35","modified_gmt":"2019-10-22T12:53:35","slug":"brian-allen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hypnose.de\/blog\/brian-allen\/","title":{"rendered":"Brian Allen: Erkenntnisse aus \u00fcber 60.000 Therapiesitzungen"},"content":{"rendered":"<p>Brian Allen ist ehemaliger Pr\u00e4sident der Australischen Gesellschaft f\u00fcr Hypnose und zurzeit Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft f\u00fcr Hypnose (ISH). Er arbeitet seit 40 Jahren als allgemeiner Psychologe in Australien und hielt als solcher \u00fcber 60.000 Face to Face Therapiesitzungen.&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Teiletagung in Heidelberg 2018 war Brian Allen als Vortragender Vorort und ich ergriff die M\u00f6glichkeit ihm ein paar Fragen zu seiner Geschichte und wichtigsten Lernerfahrungen zu stellen.&nbsp;<\/p>\n<p>Unser Interview fand w\u00e4hrend der Verabschiedung statt. Darum ist im Hintergrund hin und wieder ein Applaudieren zu h\u00f6ren. Zudem ist die Audioqualit\u00e4t leider nicht so gut wie gewohnt, darum gibt es auch ein Transkript am Ende dieses Blogartikels.&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"width: 100%;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"450\" title=\"brian-allen\" data-id=\"1009\" src=\"https:\/\/hypnose.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/brian-allen.jpg\" style=\"width: 100%;\"><\/span><\/p>\n<h2>Was dich in diesem Interview erwartet:<\/h2>\n<ul>\n<li>Wie es kam, dass Brian auf Hypnose gesto\u00dfen ist.<\/li>\n<li>Warum die Hypnose gro\u00dfartig ist, damit sich Menschen schnell besser f\u00fchlen und wie sie hilft auch dahinter liegende Probleme zu bew\u00e4ltigen.<\/li>\n<li>Wie Hypnose hilft, die Beziehung zu Klienten zu verbessern.<\/li>\n<li>Warum Hypnose ein bisschen dem Schauspiel \u00e4hnelt.&nbsp;<\/li>\n<li>Warum Hypnose Cognitive Behavioural Therapy (CBT) on Speed ist.&nbsp;<\/li>\n<li>Warum ein professioneller Hintergrund wichtig ist: Hypnose heilt nicht an sich, es sind die F\u00e4higkeiten und das Wissen, das du in einer hypnotischen Sitzung einbringst.<\/li>\n<li>Warum die Arbeit mit Tr\u00e4umen und Hypnose die CBT perfekt erg\u00e4nzen.<\/li>\n<li>Was der gr\u00f6\u00dfte vorhersagende Faktor f\u00fcr erfolgreiche Entzugskuren bei S\u00fcchten ist.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Transkript<\/h2>\n<p><em>R: Danke, dass du dir Zeit f\u00fcr den Podcast nimmst Brian und willkommen!<\/em><\/p>\n<p>B: Es ist mir ein Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p><em>R: Du bist der ehemalige Pr\u00e4sident der australischen Vereinigung f\u00fcr Hypnotherapie, ist das korrekt?<\/em><\/p>\n<p>B: Ja und ich war der Schatzmeister und bin der aktuelle Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Au\u00dferdem bin ich ein Ausbilder der westaustralischen Gesellschaft f\u00fcr medizinische Hypnose. Seit 9 Jahren bin ich zudem im Vorstand der internationalen Gesellschaft f\u00fcr Hypnose (ISH) und derzeit auch Schatzmeister der ISH.<\/p>\n<h3>R: Wie hast du damals von der Hypnotherapie erfahren?<\/h3>\n<p>B: Zu meiner Zeit gab es nicht viel praktische Erfahrung in einem Universit\u00e4tsstudium. Es war ein sehr akademischer Abschluss und nur sehr wenige Psychologen praktizierten in einer eigenen Praxis in dieser Zeit. Ich hatte das Gl\u00fcck, von einer Person betreut zu werden, die die erste Person war, die als Psychologe in Westaustralien eine Privatpraxis er\u00f6ffnete. Ich habe damals viel Transaktionsanalyse und Gestalttherapie mit Jeff White und seiner Frau Margaret gemacht. Sie waren Proteg\u00e9s von Bob und Mary Goulding, die Gr\u00fcnder der Neuentscheidungs-Therapieschule waren, die ein Teil der Transaktionsanalyse war. Jeff riet mir, dass ich so viel praktische Erfahrung wie m\u00f6glich machen sollte. Tats\u00e4chlich erw\u00e4hnte er mir gegen\u00fcber die westaustralische Gesellschaft f\u00fcr medizinische Hypnose, die das schreckliche Akronym WASMA hatte. Aber WASMA war in der Tat die erste Fachgesellschaft f\u00fcr Hypnose in Australien. Es war eine sehr lebendige Gesellschaft, die ein zweij\u00e4hriges Stipendienprogramm hatte, an dem ich mich beteiligt habe. Das war mein Einstieg in die Hypnose.<\/p>\n<h3>R: Wer waren deine Lehrer in Hypnose?<\/h3>\n<p>B: Damals gab es eine grundlegende Philosophie, die F\u00e4higkeiten an die n\u00e4chsten Generationen weiterzugeben. So betreuten hochrangige Mitglieder des Berufsstandes, die in der Hypnose erfahren waren, junge Psychologen wie mich. Es war sehr viel von dem, was ich f\u00fcr eine leider verlorene, aber sehr w\u00fcnschenswerte Sache halte. So erhielt ich eine Menge Training von vielen erfahrenen Leuten, die bereits einige Jahre Hypnose anwandten.<\/p>\n<p><em>R: Wie wichtig waren diese Mentoren f\u00fcr dich?<\/em><\/p>\n<p>B: Wir hatten eine Vielzahl von Lehrern und erhielten mehrere Inputs. Es (die Australian Society of Hypnosis) war eine sehr aufregende Gesellschaft. Es gab monatliche Meetings, in denen alle Mitglieder vorbeikamen und F\u00e4lle pr\u00e4sentierten, und ich sa\u00df dort als frisch gebackener Absolvent. Ich h\u00f6rte mir die Begegnungen an, was einige Menschen in ihren Praxen gemacht haben. Es war eine kollegiale Atmosph\u00e4re, in der die \u00c4lteren und \u00e4lteren im Sinne von wie viel Erfahrung sie hatten, die neuen Menschen im Programm f\u00f6rderten.<\/p>\n<h3>R: Was hat dich an Hypnose fasziniert?<\/h3>\n<p>B: Was mich faszinierte, war, dass man jemanden, der sich schon seit langem schrecklich f\u00fchlt, mit Hypnose einfach zeigen konnte, dass er sich auch anders f\u00fchlen kann. Tu, was in jenen Tagen im Wesentlichen eine grundlegende Entspannungs\u00fcbung war und 20 Minuten sp\u00e4ter f\u00fchlt sich der Klient viel besser. Ich wusste es damals nicht, aber ich habe es sp\u00e4ter zu sch\u00e4tzen gelernt, Menschen dieses Gef\u00fchl der Hoffnung zu geben.<\/p>\n<p>Oft, wenn Menschen zu Psychologen oder anderen Psychotherapeuten kommen, haben sie alles versucht, was sie sich vorstellen k\u00f6nnen. Als Psychoterapeut*in bist du ihr letzter Ausweg. Sie denken, dass nichts funktionieren wird. Wenn man dann zusammen etwas sehr Kurzes machen kann und sie sich danach verdammt viel besser f\u00fchlen, dann ist das ein sehr starker Start f\u00fcr eine gute therapeutische Beziehung. Das hat mich fasziniert: die F\u00e4higkeit, mit der man Menschen dazu bringen kann, sich besser zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habe ich schon zu diesem Zeitpunkt erkannt, dass es nicht nur darum geht, dass sie sich besser f\u00fchlen. Das ist eigentlich eine der gr\u00f6\u00dften Fallen der Hypnose. Klienten kommen, sie f\u00fchlen sich schrecklich und du machst eine Sitzung mit ihnen. Danach f\u00fchlen sie sich besser und sagen \u201eokay, jetzt geht es mir besser\u201c. Aber damit die \u00c4nderung nachhaltig ist, musst du an der zugrundeliegenden kognitiven Struktur arbeiten. Es ist ein Unterschied, ob ich mich nur besser f\u00fchle oder ob ich auch die zugrunde liegenden kognitiven Strukturen ge\u00e4ndert habe.<\/p>\n<p>Das ist der gr\u00f6\u00dfte Vorteil und auch das gr\u00f6\u00dfte Problem der Hypnose: dass sich die Menschen oft besser f\u00fchlen, aber die Menschen nicht die notwendige Arbeit geleistet haben, um dort zu bleiben.<\/p>\n<h3>R: Wie nutzt man Hypnose, um sicherzustellen, dass die Ver\u00e4nderung nachhaltig ist?<\/h3>\n<p>B: Wir haben viele Laien, die in Australien Hypnose praktizieren. Diese wurde vor einigen Jahren dereguliert. Es gibt einen tr\u00fcgerischen Glauben da drau\u00dfen in der Gesellschaft, dass Hypnose die Dinge \u201erepariert\u201c. Und nat\u00fcrlich repariert die Hypnose nichts. Es sind die F\u00e4higkeiten, die man in einer hypnotischen Umgebung einbringt, die heilend wirken. Ich sehe Hypnose ein wenig wie ein Schauspiel, wo man Theater spielt, aber man muss noch die Darsteller, das Drehbuch das St\u00fcck einbringen. Als Psychologe muss man F\u00e4higkeiten haben, therapeutische und kognitiven Modelle kennen: All diese Dinge werden innerhalb der Hypnose dann genutzt. Hypnose gibt dir als Psycholog*in oder Therapeut*in einen Hebe. Ich sage manchmal, dass Hypnose kognitive Verhaltenstherapie auf Speed ist, weil sie den Prozess beschleunigt. Man arbeitet mit dem Unbewussten, was bewirkt, dass sich die notwendige Zeit verk\u00fcrzt.<\/p>\n<p><em>R: Es ist spannend, was du sagst, denn Hypnotherapie wird ja auch als integrativer Ansatz in der Psychotherapie verstanden.<\/em><\/p>\n<p>B: Ja und Hypnose heilt nichts. Was man an F\u00e4higkeiten und Wissen in eine hypnotische Umgebung einbringt, ist, was heilt. Menschen denken oft z. B., dass sie Hypnose einmal versucht haben und dass es nicht funktioniert hat. Die Frage ist, was hat man versucht?<\/p>\n<p>Wenn du eine neurochirurgische Operation unterlaufen bist und du einen Neurochirurgen hattest, der eine 2-t\u00e4gige Ausbildung absolviert hat, wirst du nicht das gleiche Ergebnis erzielen wie bei jemandem, der eine 6-j\u00e4hrige Universit\u00e4tsausbildung und 20\u201330 Jahre berufliche Weiterbildung hatte.<\/p>\n<p>Das ist eines der Dinge, die die Fachwelt angehen muss: Wir m\u00fcssen diese sehr wichtigen Fragen der \u00f6ffentlichen Aufkl\u00e4rung ansprechen, um Menschen zu helfen, Hypnose in einem realistischen Licht zu sehen. Es ist nicht nur das Lied, das wichtig ist, sondern auch der S\u00e4nger.<\/p>\n<p><em>R: Dass Hypnose nicht an sich heilt, sondern dass es die F\u00e4higkeiten sind, die man in einer hypnotischen Umgebung einbringt, ist ein sch\u00f6ner Gedanke. Ich habe auf deiner Website gelesen, dass du jetzt seit 38 Jahren ein allgemeiner Psychologe bist.<\/em><\/p>\n<p>B: Eigentlich 39 fast 40 Jahre. Als ich an der Universit\u00e4t war, machte ich eine vierj\u00e4hrige Ausbildung an University of Western Australia, dann absolvierte ich ein zweij\u00e4hriges Praktikum unter der Aufsicht eines Psychologen. Zur gleichen Zeit kam der Masterstudiengang klinische Psychologie das erste Mal auf. Ich bin technisch gesehen kein klinischer Psychologe, aber ich bin das, was im australischen Recht als allgemeiner Psychologe bezeichnet wird. Ich habe es nicht f\u00fcr eine Minute bereut, meine Ausbildung unter einem Praktiker absolviert zu haben, im Gegensatz zu 2 Jahren theoretischer Ausbildung an der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich schloss die Universit\u00e4t als Experte f\u00fcr Ratten ab, aber in den ersten 3 Monaten in der Praxis sah ich keine einzige Ratte. Ich musste selbst herausfinden, wie man mit Menschen umgeht. Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich entschied, so viele Seminare wie m\u00f6glich zu machen, die von Leuten aus der Praxis geleitet wurden.<\/p>\n<p>Transaktionsanalyse und Gestalttherapie und Hypnose waren meine ersten Ausbildungen, aber ich habe auch eine Reihe anderer Dinge gelernt: Jungsche Therapie, Rational-Emotive-Therapie, was in den alten Tagen der Vorl\u00e4ufer der CBT war. Auch eine gro\u00dfartige Sache, die ich gemacht habe, die enorm hilfreich war, war die Arbeit mit Tr\u00e4umen. Da habe ich verstanden, wie man Tr\u00e4ume in seinem eigenen Leben als Quelle der F\u00fchrung nutzen kann. Und auch sehr wichtig, wie man Tr\u00e4ume in der Therapie nutzen kann. Traumarbeit und Hypnotherapie passen sehr gut zusammen. Sie docken beide an der Ebene des Unbewussten an.<\/p>\n<h3>R: Nach 60.000 pers\u00f6nlichen Sitzungen und all den verschiedenen Methoden, die du gelernt hast: Wenn du all die Erfahrungen, die du gemacht hast, mitnehmen k\u00f6nntest und in der Zeit zur\u00fcckreisen k\u00f6nntest. Was w\u00fcrdest du anders machen?<\/h3>\n<p>B: Ich wurde in der alten traditionellen direkten Suggestions-Technik ausgebildet. Das war Teil dessen, was man in dieser Zeit in den Seminaren gelernt hat. Sp\u00e4ter wurde ich nat\u00fcrlich mit dem Nutzungsmodell von Erickson vertraut gemacht. Es ist belegt, dass sowohl direkte als auch indirekte Suggestionen funktionieren. Wenn ich eine Zeitreise machen k\u00f6nnte, dann w\u00fcrde ich mir selbst raten, wenn m\u00f6glich die Hypnose nach Milton H. Erickson zu erlernen. Nicht, dass das Training, das ich bekam, nicht hilfreich war, das war es. Die Hypnose nach Erickson ist eine Erweiterung der traditionellen Hypnose, die ich jedenfalls nicht mehr missen will.<\/p>\n<p>Was ich auch f\u00fcr mich entdeckt habe und da gibt es viele Belege, die diese Annahme unterst\u00fctzen: das Wichtigste, was man in die therapeutische Allianz einbringt, ist man selbst. Psychotherapeut*innen wenden eine breite Palette an unterschiedlichen Therapiemethoden in ihren Sitzungen an. Dennoch was immer wieder als das Wichtigste f\u00fcr Klient*innen auftaucht, ist die therapeutische Beziehung. Das ist kein Wunder, denn wenn man dar\u00fcber nachdenkt, bringen Bindungsprobleme viele Menschen oder Paare in die Therapie. Wenn sie diese positiven fr\u00fchen Bindung nicht hatten, manifestiert sich das als Problem sp\u00e4ter im Leben. Es geht also nicht nur um die technischen F\u00e4higkeiten, was man f\u00fcr eine Therapie mit jemandem macht. Vielmehr geht es darum, diese sichere Bindung innerhalb des professionellen Rahmens der therapeutischen Beziehung zu erleben. Das heilt genau so viel wie die technischen F\u00e4higkeiten, die man in die Therapie einbringt. Man kann ein extrem selbstbewusster Techniker sein, aber wenn man keine Menschen mag\u2026. Oft leisten Psychotherapeut*innen mit weniger technischen F\u00e4higkeiten gro\u00dfartige Arbeit, weil sie ihren Klient*innen eine sichere Beziehung bieten, die manche Menschen noch nie hatten.<\/p>\n<h3>R: Du hast erw\u00e4hnt, dass du vor 40 Jahren in der direkten Suggestion trainiert wurdest, was sehr unterschiedlich ist zu dem, was die Menschen jetzt in Hypnose Seminaren lernen. Was waren in den letzten 40 Jahren einige \u00fcberraschende Entwicklungen auf dem Gebiet der Psychotherapie?<\/h3>\n<p>B: Eine der Sachen, die vielleicht wenig \u00fcberraschend ist, ist, dass es eine Menge Validit\u00e4t in einigen alten Ideen und Konzepten gibt. Leute neigen manchmal dazu, etwas zu verwerfen, weil es vor 40 Jahren entstanden ist. Meine Perspektive darauf ist, dass man eine Idee nie verwerfen sollte, weil sie aus einem bestimmten Land kommt oder in einem bestimmten Jahr formuliert wurde. Das Kriterium f\u00fcr eine valide Idee, sollten praktische Erfahrungen und Belege sein. Fachleute haben manchmal diese Tendenz, Dinge zu verwerfen, weil es vor 20 Jahren erfunden wurde. Und doch, wenn man altes Material liest, findet man dort auch einige Sch\u00e4tze und Klugheiten.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung \u00fcber die letzten 40 Jahre, war die enorme Explosion im Wissen \u00fcber das Gehirn und wie dieses funktioniert. In der Konferenz der internationalen Gesellschaft der Hypnose in Paris luden die Organisatoren zum ersten Mal vor der Konferenz Forscher ein, die gemeinsam \u00fcber Anwendungen ihrer Forschung im Feld der Psychotherapie diskutierten. Mark Jensen hat sogar ein Paper daraufhin verfasst. Das war eine gro\u00dfartige Initiative.<\/p>\n<p>Auf der Konferenz der ISH in Montreal haben sie das sogar noch \u00fcbertroffen, weil sie die gleiche Gruppe ForscherInnen einluden und zus\u00e4tzlich auch eine Anzahl erfahrener PsychotherapeutInnen einluden. Sie brachten die PraktikerInnen in einem Raum und die ForscherInnen in einem anderen Raum zusammen. Die PraktikerInnen wurden gebeten dar\u00fcber zu sprechen, was einige Fragen sind, zu denen sie im Zusammenhang von Gehirn und Hypnose gern mehr erfahren m\u00f6chten. Die ForscherInnen wurden gefragt, welche Forschungsfragen diese gerade bearbeiteten. In der zweiten H\u00e4lfte des Tages haben sie dann beide Gruppen zusammengebracht. Ich finde, das ist eine tolle \u201eHochzeit\u201c, weil in der Vergangenheit so oft Forscher*innen und Praktiker*innen ihr Ding gemacht haben und wenig Kommunikation zwischen diesen beiden Welten stattfand. Ich denke dieser gegenseitige Austausch wird zu einigen tollen Erkenntnissen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df seit Jahren, dass einige Dinge klinisch wahr sind. Weil man es macht und es funktioniert. Ich half einem Klienten, auf Erinnerungen zur\u00fcckzugreifen, die er im Scho\u00df seiner Mutter hatte. Ich dachte, das w\u00e4re Unsinn. Aber die Forschung zeigte, dass ein Baby auf eine Soap-Opera reagiert, die die Mutter geschaut hat, w\u00e4hrend sie schwanger war oder auf Musik, die die Mutter geh\u00f6rt hat. Ein Baby k\u00f6nnte darauf nicht reagieren, wenn es dazu keine Erinnerung h\u00e4tte. KlientInnen haben mir von Dingen erz\u00e4hlt, von denen ihre Eltern ihnen nie erz\u00e4hlt haben. Als PsychotherapeutIn tut man, was funktioniert, selbst wenn jemand sagt, dass das unm\u00f6glich ist. Es gibt zwei Wahrheiten, eine objektive Wahrheit und eine narrative Wahrheit. Und womit du als PsychotherapeutIn arbeitest, ist die narrative Wahrheit. Spielt es eine Rolle, ob der kleine Jimmy an diesem Abend ein gr\u00fcnes oder ein blaues Hemd trug? Es spielt \u00fcberhaupt keine Rolle.<\/p>\n<p>Das Spannende ist die Tatsache, dass die Forschung in der Lage ist, die klinischen Praktiken zu verbessern. Und ich denke, die klinische Praxis wiederum wird einige interessante Wege f\u00fcr WissenschaftlerInnen er\u00f6ffnen. Es gibt einige fantastische WissenschaftlerInnen, die gro\u00dfartige Dinge tun und es gibt einige wunderbare PsychotherapeutInnen, die gro\u00dfartige Dinge tun. Bis diese anfangen, miteinander zu reden, arbeiten sie getrennt. Ein erster Dialog war bereits m\u00f6glich aufgrund der Arbeit von Mark Jensen und der ISH und Claude Virut, MD dem ehemaligen Pr\u00e4sidenten der ISH. Das ist nur der Beginn einer Reise, die in den n\u00e4chsten Jahren wirklich aufregend sein wird.<\/p>\n<p><em>R: Was sind im Moment einige interessante Studien?<\/em><\/p>\n<p>Ich arbeite viel mit S\u00fcchten. Ich habe mit Raucher*innen angefangen, jetzt besch\u00e4ftige ich mich auch mit Heroin, Pornografie, Internetabh\u00e4ngigkeit und so ziemlich jeder Sucht. Ich habe ein generisches Vier-Sitzungs-Protokoll entwickelt, in dem wir gute Ergebnisse erzielen mit sehr wenig Entzugserscheinungen. Was mich immer fasziniert hat, ist, was im Gehirn vor sich geht, dass jemand mit einem sch\u00e4dlichen Verhalten aufh\u00f6rt. Es scheint, dass es sehr wenig mit der Menge, Anzahl oder Qualit\u00e4t der Substanz zu tun hat, die sie einnehmen. Was ich als wichtigsten Erfolgsfaktor erachte, ist die Klarheit der Absichten der Menschen.<\/p>\n<p>Ich habe Leute betreut, die tranken und rauchten unglaublich viel. Eine Dame rauchte 90 Zigaretten pro Tag. Sie war diejenige, die meine Meinung ge\u00e4ndert hat, dass Rauchen prim\u00e4r eine chemische Abh\u00e4ngigkeit ist. Ich mache meine Sitzungen immer nacheinander in drei Tagen. Als sie nach Tag eins rausging, dachte ich mir: \u201ewenn jemand Entzugserscheinungen haben wird, ist das sie\u201c. Ich sagte ihr das aber nicht, das war, was ich dachte. Sie trank auch jeden Abend ein paar Flaschen Wein. Als sie am zweiten Tag in die Praxis kam, sagte sie, dass sie keinen Alkohol getrunken und keine Zigarette geraucht hatte. Und ich fragte sie: \u201eWie geht es dir?\u201c In der Erwartung, dass sie sagt, dass es ihr schrecklich geht. Sie sagte aber, dass sie sich gut f\u00fchle. Sie meinte, sie habe sich seit 30 Tagen morgens nicht mehr so gut gef\u00fchlt. Sie hatte nie wieder einen Drink oder eine Zigarette geraucht. Ich folgte ihr f\u00fcr ein paar Monate und ihr ging es gut.<\/p>\n<p>Das war ein sehr wichtiger Teil der Reise f\u00fcr mich, weil es meine Sichtweise auf die Natur der Sucht \u00e4nderte. Zudem glaube ich nicht mehr, dass Rauchen vor allem eine chemische Sucht ist. Vielmehr scheint es eine psychologische Sucht mit vielen Reizen und Ausl\u00f6sern im Umfeld zu sein.<\/p>\n<p><em>R: Wenn jemand mehr \u00fcber dieses Vier-Sitzungs-Protokoll erfahren m\u00f6chte, wie oder wo k\u00f6nnte er oder sie das tun?<\/em><\/p>\n<p>Meine Frau, Carina und ich reisen ziemlich viel und machen den Workshop gerne \u00fcberall. Eines der Probleme, mit denen du konfrontiert bist, wenn du auf Konferenzen und Kongressen pr\u00e4sentierst, ist, dass du eigentlich 1\u20133 Tage brauchst, um eine neue F\u00e4higkeit auch zu vermitteln. In Montreal hatte ich 90 Minuten um das Modell zu pr\u00e4sentieren, hier (auf der Teile-Tagung in Heidelberg) hatte ich 3 Stunden. Informationen \u00e4ndern nichts. Es ist die F\u00e4higkeit, die man erlernen muss. Im Modell gibt es eine bestimmte Art der Anamnese von Menschen und es gibt Prozesse, die man durchlaufen muss. Der einzige Weg, das zu tun, ist, in einer Workshop-Umgebung zu \u00fcben.<\/p>\n<h3>R: Bevor wir zum Schluss kommen: Gibt es eine Frage, die ich nicht gestellt habe, die du aber beantworten wollen w\u00fcrdest?<\/h3>\n<p>Das Einzige, was ich unterstreichen w\u00fcrde, ist Menschen in der Psychotherapie-Ausbildung zu helfen, nicht nur technische F\u00e4higkeiten zu entwickeln, sondern die Bedeutung der therapeutischen Beziehung zu verstehen und sie zu unterst\u00fctzen dabei besser zu werden. Ich denke, bis zu einem gewissen Grad, um das zu tun, muss man auch viele eigene Themen kl\u00e4ren. Je mehr ungel\u00f6ste Probleme man in seinem eigenen Leben hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass man eigene Probleme auf den Klienten \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Nach meinem Abschluss an der Universit\u00e4t haben wir eine gro\u00dfe Menge Selbsterfahrung gemacht. Eine \u00dcbung nannten wir Fischglas. Es gab 20\u201330 St\u00fchle in einem Kreis und in der Mitte sa\u00df der Moderator in diesem Fall Jeffrey White, der in die Runde fragt, wer als Therapeut*in arbeiten m\u00f6chte. Dann fragte er, wer an einem eigenen Thema\/Problem arbeiten m\u00f6chte. Das waren \u00fcbrigens keine Rollenspiele, das waren essenzielle Probleme, an denen da gearbeitet wurden. Der\/die Therapeut*in arbeitete dann mit dem Klienten, alle anderen beobachteten das Gespr\u00e4ch. In der Nachbesprechung wurde der Klient dann gebeten zu sagen, wie er sich f\u00fchlte und \u00fcber den Prozess zu reflektieren. Der Therapeut wurde gefragt, warum er welches Vorgehen gew\u00e4hlt hatte. Danach konnte die Gruppe Fragen stellen oder Beobachtungen mitteilen.<\/p>\n<p>Ich denke, das war ein enorm m\u00e4chtiges Lehr- und Lernmodell. Wir konnten die Erfahrung machen, was es bedeutet, auf dem einen als auch auf dem anderen Stuhl zu sitzen. Es bedeutete auch, dass viele von uns eine Menge pers\u00f6nlicher Arbeit geleistet haben.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich, dass vor Jahren im Ausbildungsprogramm eine nette Dame und ausgebildete klinische Psychologin dabei war. Ich habe dar\u00fcber gesprochen, was man bei schweren Emotionen tun muss, wie man diese verarbeitet. Sie sagte zu mir: \u201eOh, ich lasse nie zu, dass der Klient in schwere Emotionen ger\u00e4t\u201c. Ich fragte, warum nicht und sie sagte, dass sie es f\u00fcr beunruhigend halte. Offensichtlich hatte sie keine oder wenig Selbsterfahrung gemacht. Ich habe sie gefragt, wie viel pers\u00f6nliche Arbeit sie an ihr selbst gemacht habe, und sie sagte, sie habe noch nie einen Psychologen gesehen.<\/p>\n<p>Ich denke, es ist extrem schwierig, psychotherapeutisch zu arbeiten ohne regelm\u00e4\u00dfig Selbsterfahrung zu machen. Lernen und pers\u00f6nlicher Wachstum ist nicht etwas, das aufh\u00f6rt. Ver\u00e4nderung ist ein Prozess und kein Ereignis. Das Leben ist eine Reise und was wichtig ist, ist nicht so sehr das Ziel, sondern das Unterwegssein. Als Psychotherapeut*in wird es immer pers\u00f6nliche Themen geben, die ich kl\u00e4ren sollte. Ich als Therapeut*in muss das selbst tun. Und das Wichtigste ist, das zu erkennen.<\/p>\n<p>Ich kann mich da irren, denn ich wei\u00df, dass die Ausbildung in Europa deutlich anders ist als in Australien. In Australien werden wir zunehmend von einer manualisierten Therapie gepr\u00e4gt. Hier ist das XYZ-Handbuch, bl\u00e4tter auf Seite 1 und mach, was da steht. Wenn man das tut, ist man nicht wirklich beim Klienten pr\u00e4sent. Man muss den Klienten nicht im eigenen Weltbild, sondern im Weltbild des Klienten treffen und bereit sein, in deren Fu\u00dfstapfen zu treten. Denn wenn man das nicht kann, glaube ich nicht, dass man eine erfolgreiche therapeutische Beziehung aufbauen kann. Wenn ich eine Frage beantworten h\u00e4tten wollen, w\u00e4re es diese Frage gewesen: Was denkst du, w\u00e4re hilfreich f\u00fcr die Ausbildung, junger PsychotherapeutInnen.<\/p>\n<p><em>R: Vielen Dank f\u00fcr deine Zeit.<\/em><\/p>\n<p>B: Es war mir ein echtes Vergn\u00fcgen. Wenn du Gedanken laut h\u00f6rst, hast du die Chance, sie zu \u00e4ndern. Eines der Dinge, die ich am therapeutischen Prozess enorm n\u00fctzlich finde, ist, die Menschen dazu zu bringen, diesen Prozess der Externalisierung zu sch\u00e4tzen. Solange der Gedanke nur in deinen Kopf herumkreist, bist du hilflos. Aber wenn du es laut h\u00f6ren kannst und h\u00f6rst, wie jemand anderes es reflektiert, wenn du es in Form von Poesie oder Sprichw\u00f6rtern aufschreiben kannst, oder wenn du es durch Kunst, Tonmodell bearbeiten kannst. Wenn du es externalisierst (in welcher Form auch immer), hast du die Chance, einen Schritt zur\u00fcckzugehen und das Thema objektiv zu betrachten, was du nicht tun kannst, solange es nur im Raum zwischen deinen Ohren liegt. Also vielen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brian Allen ist ehemaliger Pr\u00e4sident der Australischen Gesellschaft f\u00fcr Hypnose und zurzeit Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft f\u00fcr Hypnose (ISH). 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