{"id":2424,"date":"2021-03-05T14:30:34","date_gmt":"2021-03-05T13:30:34","guid":{"rendered":"https:\/\/hypnose.de\/blog\/?p=2424"},"modified":"2021-03-05T14:32:58","modified_gmt":"2021-03-05T13:32:58","slug":"depression-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hypnose.de\/blog\/depression-geschichte\/","title":{"rendered":"Depression \u2013 wenn der albanische Adler das Fliegen verlernt"},"content":{"rendered":"<p dir=\"ltr\">\u201eEs ist sch\u00f6n, depressiv zu sein.\u201c Ich bin in Seattle, habe gerade mal eine halbe Stunde Zeit, bevor ich wieder zur\u00fcck zum Flughafen muss. Ich sitze in einem gem\u00fctlichen Ledersessel in Mark Jensens B\u00fcro. Ich muss grinsen, als er den Satz wiederholt. \u201eEs ist wirklich sch\u00f6n, ab und zu depressiv zu sein.\u201c<\/p>\n<p><span><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" data-id=\"2431\" width=\"1000\" height=\"734\" title=\"\" src=\"https:\/\/hypnose.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/depression-kaltrina-1.jpg\" style=\"\"><\/span><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Nachdem ich mich von Mark verabschiedet habe, zun\u00e4chst sein B\u00fcro und dann das Geb\u00e4ude verlasse, h\u00e4nge ich diesem Satz noch hinterher. Warum ist das so? Was sorgt daf\u00fcr, dass dieser Satz so sehr in meinem Kopf zur\u00fcckbleibt? Pl\u00f6tzlich f\u00e4llt es mir wie Schuppen von den Augen: Er repr\u00e4sentiert all das, was mein Glaubenssystem bisher nicht als Wahrheit zugelassen hat.<\/p>\n<h2 dir=\"ltr\">\u201eIch darf das so nicht tun.\u201c \u2013 Wenn ein Gedanke zum Symptom wird<\/h2>\n<p dir=\"ltr\"><a href=\"https:\/\/hypnose.de\/blog\/depression-hypnotherapie\/\" rel=\"nofollow\" target=\"_blank\">Depression<\/a> symbolisiert die Krankheit der \u201eLosigkeit\u201c. Depression macht antriebsLOS, schlafLOS, motivationsLOS. Gleichzeitig spielen Schuld und Scham eine gro\u00dfe Rolle in der Entwicklung von depressiven Episoden. Ein h\u00e4ufiges Muster, das sich findet, sind \u201esollen\u201c und \u201ed\u00fcrfen\u201c S\u00e4tze. Zum Beispiel: \u201eIch sollte mich zusammenrei\u00dfen k\u00f6nnen und nicht w\u00fctend werden.\u201c oder aber \u201eIch habe das Gef\u00fchl, mich nicht aufregen zu d\u00fcrfen in dieser Situation.\u201c<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Also gut. Depression als <a href=\"https:\/\/hypnose.de\/blog\/joker-psychologie\/\" rel=\"nofollow\" style=\"outline: none;\" target=\"_blank\">Krankheit<\/a> der Losigkeit, der Scham und der Schuld also. Zumindest habe ich das so treuherzig im Vorlesungssaal kennengelernt. Was aber, wenn wir, allein dadurch, dass wir Depression als Krankheit, und damit als nicht okay abtun, dem Heilungsprozess im Weg stehen? Was, wenn Depression potenziell die Macht der Gewohnheit ist? Und wenn ich gewagt noch einen Schritt weiter gehe, unter Umst\u00e4nden sogar einen Schutzmechanismus darstellt?<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Suche nach Antworten auf diese Fragen leitete mich auch zur Frage der eigenen Identit\u00e4t. Die Identit\u00e4t als Mensch in einer Kultur, die bestimmte Erwartungen an mich stellt. Die Identit\u00e4t als deutsche Kosovarin oder kosovarische Deutsche, geboren und aufgewachsen in Deutschland. Ich bin in Deutschland zur Schule gegangen. Habe hier lesen und schreiben gelernt. Habe auf den Stra\u00dfen von Stuttgart das erste Mal &#8211; ganz ohne St\u00fctzr\u00e4der &#8211; meine Fahrrad-Pedale getreten.<\/p>\n<h2 dir=\"ltr\">Was hat Identit\u00e4t mit Depression zu tun?<\/h2>\n<p dir=\"ltr\">Was stellt Identit\u00e4t denn nun dar? Identit\u00e4t beginnt mit einer durch das soziale Umfeld initiierten Auto-suggestion. Wir werden in bestimmte Schichten geboren. Jede sozio\u00f6konomische Schicht hat bestimmte Glaubenss\u00e4tze.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Ein wohlhabender Mensch mag denken: \u201eMir steht mein Wohlstand zu, mein Gro\u00dfvater hat hart daf\u00fcr gearbeitet.\u201c Eine heimatsuchende Person mag denken: \u201eIch bin dankbar, wenn ich \u00fcberhaupt einen Arbeitsplatz erhalte, auch wenn die Bezahlung so niedrig ist, dass ich meine Familie knapp \u00fcber den Monat bringen kann.\u201c Das ist ein Gedanke. Ein Gedanke, der von Menschen kreiert wurde. Diese Gedanken sind grundverschieden und zeichnen sich im allt\u00e4glichen Leben ab.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Sagen wir, der wohlhabende Mensch und der Mensch mit einer neuen Heimat beschlie\u00dfen, eine Familie zu gr\u00fcnden. Was wird wohl der wohlhabende Mensch seinen Kindern erz\u00e4hlen? Und was wird der Mensch mit einer neuen Heimat seinen Kindern erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p><span><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" data-id=\"2426\" width=\"1000\" height=\"918\" title=\"Secret whispers\" src=\"https:\/\/hypnose.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Depositphotos_1424991_s-2019.jpg\" style=\"\"><\/span><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Geschichten, die unsere Eltern uns erz\u00e4hlen, pr\u00e4gen und begleiten uns. Sie werden zu unseren Glaubenss\u00e4tzen und teilweise auch zu einem Teil von uns. Wenn ein Kind mit Migrationshintergrund h\u00f6rt, dass es viel arbeiten muss, um erfolgreich zu sein, dann ist es zun\u00e4chst eine wertvolle Ressource. Was aber, wenn der Glaubenssatz lautet, dass das Leiden zum t\u00e4glichen Leben dazugeh\u00f6rt?<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Shala et al. haben 2020 eine Studie ver\u00f6ffentlicht, in der sie die kulturelle Konzeptualisierung von Stresssituationen bei Menschen mit albanisch-kosovarischem Hintergrund untersuchten. Der Titel beinhaltet die albanische Redewendung \u201eEinen Punkt im Herzen haben\u201c (frei aus dem Englischen \u00fcbersetzt, Originaltitel: A point in the heart: Concepts of emotional distress among Albanian-speaking immigrants in Switzerland\u201c) und ist aus meiner bilingualen Sicht zur Konzeptualisierung von Stress bei Albanisch-Sprechenden sehr aussagekr\u00e4ftig.<\/p>\n<p><span><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" data-id=\"2432\" width=\"771\" height=\"1000\" title=\"Albania flag butterfly flying on sky background\" src=\"https:\/\/hypnose.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/depression-kaltrina-2.jpg\" style=\"\"><\/span><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Einen Punkt im Herzen haben bedeutet im albanischen Sprachgebrauch, dass man eine Situation als schwierig erlebt hat und dass der damit verbundene emotionale Schmerz nicht losgelassen werden kann.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">In den semi-strukturellen Interviews kamen die Autoren zu dem Entschluss, dass das Erleben in diesen Kulturkreisen anders ausf\u00e4llt und dass dieses Erleben an die Identit\u00e4t als Migrant gebunden war.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Das Interessante ist, dass das erlebte Stressempfinden mit der Migration in die Schweiz verbunden war. Soziale Probleme und ein gro\u00dfer Wandel im Leben wurden als Startpunkt der meisten Probleme ausgemacht. Die h\u00e4ufigsten Stressbew\u00e4ltigungsstrategien bestanden aus Eigeninitiative und sozialer Unterst\u00fctzung. Leiden wurde dabei als Teil des Lebens gesehen und dieses Leiden m\u00fcsse mit Geduld ausgehalten werden. Wenn das Leiden Teil der kulturellen Identit\u00e4t ist, was ist dann die L\u00f6sung?<\/p>\n<p><span><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" data-id=\"2427\" width=\"1000\" height=\"664\" title=\"Depression, teen depression, tunnel, young\" src=\"https:\/\/hypnose.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Depositphotos_10917011_s-2019.jpg\" style=\"\"><\/span><\/p>\n<p>Leid als Teil der kulturellen Identit\u00e4t?<\/p>\n<h2 dir=\"ltr\">Hypnotherapie being Bad-Ass \u2013 Ein L\u00f6sungsansatz \ud83d\ude0a<\/h2>\n<p dir=\"ltr\">Wenn Leiden als kulturelles Konzept tief in unserer Identit\u00e4t verankert ist, dann ist es nicht weit gefehlt zu behaupten, dass das Leiden f\u00fcr jeden Menschen Teil der eigenen Identit\u00e4t werden kann. Wenn nun also Leiden zum Teil einer kulturellen Identit\u00e4t geworden ist, und dieses emotionale Leiden zu Depressionen f\u00fchrt, dann l\u00e4sst sich daraus schlie\u00dfen, dass die Ver\u00e4nderung der Depression nur dann m\u00f6glich ist, wenn eine Ver\u00e4nderung der Identit\u00e4t stattfindet.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Doch wenn es einem schon emotional nicht gut geht, wie hoch ist dann die Bereitschaft, seine Identit\u00e4t zu \u00e4ndern?<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die L\u00f6sung findet sich in einem der Grundpfeiler der Hypnotherapie, dem sogenannten<a href=\"https:\/\/www.erickson-foundation.org\/download\/core_competencies\/Tailoring-Transcript.pdf\" rel=\"nofollow\" target=\"_blank\"> Tailoring<\/a>. Dan Short hat in seiner Arbeit \u00fcber die Grundprinzipien der Ericksonianischen Hypnotherapie das Tailoring (engl. f\u00fcr ma\u00dfschneidern, schneidern) als eines der Hauptfaktoren identifiziert.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Jeder Schneider passt sein Kleidungsst\u00fcck ma\u00df getreu f\u00fcr jeden einzelnen Klienten an. Er holt den Klienten und die Klientin dort ab, wo er oder sie sich gerade befindet. Wenn eine Klientin einen dunkelblauen Hosenanzug bestellt, w\u00fcrde der Schneider nicht auf die Idee kommen, der Klientin vorzuschlagen, lieber ein rotes Kleid in Auftrag zu geben. Analog zum Bild des Schneiders, ist eine Therapie-Sitzung genau dann besonders erfolgreich, wenn die Klientin dort abgeholt wird, wo sie steht.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Wenn Leiden als Konzept der Identit\u00e4t gesehen wird, reicht es nicht aus, den Glaubenssatz \u201eLeiden geh\u00f6rt zum Leben dazu.\u201c infrage zu stellen. Denn dieser Glaubenssatz ist \u00fcber mehrere Jahrhunderte hinweg Teil einer kulturellen Identit\u00e4t geworden. Erst wenn ich bereit bin, meine Klientin anzunehmen, kann dies langfristig zu einem Therapie-Erfolg f\u00fchren. Analog zum Schneiderbeispiel hei\u00dft das, dass ich bereit sein muss, den dunkelblauen Hosenanzug zu schneidern. In Erw\u00e4gung zu ziehen, dass das Leiden in Kulturkreisen wie der kosovarischen Kultur nicht zum Leben dazugeh\u00f6rt, w\u00e4re analog zum Anbieten des roten Kleides.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Sie ist Teil ganzer Generationen und kann sich nicht von heute auf morgen durch das alleinige Infragestellen in Luft aufl\u00f6sen. Erickson bietet hier aber zum Gl\u00fcck Abhilfe: Die Frage ist nicht, ob Leiden gut oder schlecht ist. Leid darf sein. Es ist schmerzhaft und vielleicht sogar angebracht in manchen Situationen. Darf man aber gleichzeitig auch manchmal Freude empfinden und den Moment genie\u00dfen?<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Bereits 1992 haben Burns und Nolen-Hoeksema gezeigt, dass bei dem Heilungsprozess therapeutische Empathie einen kausalen Einfluss auf den Verlauf von Depressionen hat. Das hei\u00dft, dass auch bei technisch einwandfreier Therapie, die Qualit\u00e4t der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen Therapeut:in und Klient:in einen substantiellen Einfluss auf die klinische Affekt-Entwicklung hat. Etwa 45% aller im Kosovo lebenden Menschen leiden unter einer psychiatrischen Auff\u00e4lligkeit (Fanaj, 2020).<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Sch\u00e4tzungen zufolge gilt das auch f\u00fcr die in der Diaspora wie z.B. Deutschland oder der Schweiz lebenden aus dem Kosovo stammenden Mitb\u00fcrger und Mitb\u00fcrgerinnen. Das Konzept des Tailorings nach Erickson bietet hier einen Ansatz, der Empathie der Therapeutin mit den Bed\u00fcrfnissen der Patientin vereinigt. Nur wer bereit ist, den Auftrag des dunkelblauen Hosenanzugs anzunehmen, kann das Leiden als Teil einer kulturellen Identit\u00e4t akzeptieren. Nur durch diese Akzeptanz der kulturellen Identit\u00e4t wird das Ma\u00dfschneidern der therapeutischen Intervention m\u00f6glich und k\u00f6nnen neue lebensdienliche Strategien gemeinsam erarbeitet werden. Erst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann die Botschaft aus Seattle in die Herzen der kosovarisch-st\u00e4mmigen Mitb\u00fcrger:innen getragen werden: \u201eEs ist sch\u00f6n, depressiv zu sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Autorin: Kaltrina Gashi<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"width: 100%;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" width=\"2400\" height=\"3000\" title=\"kaltrina\" data-id=\"2227\" src=\"https:\/\/hypnose.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/kaltrina_forest.jpg\" style=\"\"><\/span><\/p>\n<p>Kaltrina studierte Psychologie an der Eberhard Karls Universit\u00e4t in T\u00fcbingen und wurde f\u00fcr ihre Bachelorarbeit im Jahr 2019 mit dem Nachwuchsf\u00f6rderpreis der Milton Erickson Gesellschaft ausgezeichnet. Zurzeit studiert sie Humanmedizin in Homburg (Saar). Als Praktikantin lernte sie in Rottweil die Grundlagen der Hypnotherapie und ihre Anwendung in der Familien-, Kinder- und Jugendpsychotherapie kennen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/strong><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Burns, D. D., &amp; Nolen-Hoeksema, S. (1992). Therapeutic empathy and recovery from depression in cognitive-behavioral therapy: a structural equation model. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 60(3), 441<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Shala, M., Morina, N., Gross, C. S., Maercker, A., &amp; Heim, E. (2020). A point in the heart: Concepts of emotional distress among Albanian-speaking immigrants in Switzerland. Culture, Medicine, and Psychiatry, 44(1), 1-34.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Morina, N., Rushiti, F., Salihu, M., &amp; Ford, J. D. (2010). Psychopathology and well\u2010being in civilian survivors of war seeking treatment: a follow\u2010up study. Clinical Psychology &amp; Psychotherapy: An International Journal of Theory &amp; Practice, 17(2), 79-86.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist sch\u00f6n, depressiv zu sein.\u201c Ich bin in Seattle, habe gerade mal eine halbe Stunde Zeit, bevor ich wieder zur\u00fcck zum Flughafen muss. Ich sitze in einem gem\u00fctlichen Ledersessel in Mark Jensens B\u00fcro. 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