{"id":2844,"date":"2022-08-02T17:25:43","date_gmt":"2022-08-02T15:25:43","guid":{"rendered":"https:\/\/hypnose.de\/blog\/?p=2844"},"modified":"2022-08-02T16:28:08","modified_gmt":"2022-08-02T14:28:08","slug":"graphic-novels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hypnose.de\/blog\/graphic-novels\/","title":{"rendered":"Therapeutische Begleitung von Gefl\u00fcchteten: Interview mit der Autorin eines neuen Graphic Novels"},"content":{"rendered":"<p dir=\"ltr\">Martha Richards (Pseudonym) ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin in eigener Praxis. Sie &nbsp;betreut &nbsp;traumatisierte, gefl\u00fcchtete Frauen in einem &nbsp;Erstaufnahmezentrum in Deutschland. Vor Kurzem ist ihre erste Graphic Novel zum Thema Flucht und psychotherapeutische Betreuung von gefl\u00fcchteten Frauen erschienen. \u201cViktoria &#8211; Ankommen und \u00fcberleben in Deutschland\u201d beschreibt eindringlich wie es Frauen auf der Flucht aber auch nach der Aufnahme in Deutschland ergeht, wo das Martyrium keineswegs vorbei ist. Das Ganze ist f\u00fcr Psychotherapeut*innen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, als sinnvolles Methodenbuch aufbereitet.&nbsp;<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Achtung:<\/strong> Dieser Artikel thematisiert extreme Formen von Gewalt und k\u00f6nnte auf Leser*innen potentiell triggernd wirken.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R:<\/strong> Du arbeitest seit L\u00e4ngerem in einem Erstaufnahmezentrum f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen und wurdest als Psychotherapeutin Zeugin von tragischen Schicksalen und Geschichten. Was bewegte dich letztlich dazu, den Graphic Novel \u201cViktoria &#8211; Ankommen und \u00fcberleben in Deutschland\u201d zu ver\u00f6ffentlichen?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Es ging mir darum, etwas von dem weiterzugeben, was ich von diesen Leuten geh\u00f6rt habe: Wie es ihnen geht, was sie auf der Flucht erlebt haben, was sie hier erlebt haben, wie sie hier angekommen sind.&nbsp;<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Konkret geht es in dieser Graphic Novel um eine Frau, die aus Westafrika kommen k\u00f6nnte. Sie wird Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel, tritt \u00fcber das Mittelmeer die Reise nach Europa an und landet in einer deutschen Erstaufnahmeeinrichtung. Ich hatte die Idee, ihre Geschichte mit dem Vorstellen von M\u00f6glichkeiten, wie man mit solchen Menschen psychotherapeutisch arbeiten kann, zu verkn\u00fcpfen. Alle Interventionen, mit denen Viktoria (Protagonistin der Graphic Novel, Anm. d. Interviewers) und ihre Therapeutin arbeiten, sind so beschrieben, dass Leser*innen sie f\u00fcr sich selbst oder Therapeut*innen sie nutzen k\u00f6nnen. Aber auch andere Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, wie zum Beispiel Ehrenamtliche, k\u00f6nnen das direkt anwenden.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R:<\/strong> Ohne die Geschichte deiner Graphic Novel vorwegzunehmen: Was erleben viele Gefl\u00fcchtete, wenn sie in Deutschland angekommen sind?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Ja, meistens sind die Erfahrungen nicht so positiv. Es kommt sehr darauf an, ob die Gefl\u00fcchteten das Gl\u00fcck haben, eine gute Sozialarbeiterin zu erwischen, dann kann es auch einmal besser laufen. Wenn sie sich aber allein im Beh\u00f6rdenjungel und im Gesundheitssystem zurechtfinden m\u00fcssen, letzteres brauchen sie als traumatisierte Personen ja auch dringend, ist das sehr schwierig bis unm\u00f6glich.&nbsp;<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Und wenn man als Ehrenamtlicher mit den Gefl\u00fcchteten zu den \u00c4mtern geht, ist es schon erstaunlich, was man da erlebt. Man hat den Eindruck, den Leuten werden die ganze Zeit nur Kn\u00fcppel in den Weg gelegt. Selbst f\u00fcr die, die das wirklich gut hinkriegen k\u00f6nnten, wird es sehr schwierig gemacht. Auch wenn sie flei\u00dfig Deutsch lernen, vielleicht sogar schon eine einigerma\u00dfen gute Schulbildung haben oder bereit w\u00e4ren im Pflegebereich t\u00e4tig zu werden und sich in keinster Weise etwas zuschulden kommen lassen haben. Also diejenigen, wo man denkt, die k\u00f6nnten sich maximal leicht integrieren und wo wir auch sehr gro\u00dfes Interesse daran haben k\u00f6nnten, dass so jemand hier bleibt &#8211; selbst die sind ohne eine sehr engagierte Sozialarbeiterin plus in der Regel noch ehrenamtliche Helfer, ziemlich&nbsp; aufgeschmissen w\u00fcrde ich sagen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R:<\/strong> Angenommen, es g\u00e4be f\u00fcr Gefl\u00fcchtete ein \u201cHappy End\u201d: Sie k\u00f6nnen ankommen, sich integrieren, vielleicht sogar zur Ruhe kommen. Wie oft erlebst du das in deiner Arbeit?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Also ich kann das jetzt schwer in Prozenten angeben, wie viele gut ankommen und wie viele nicht. Gef\u00fchlt w\u00fcrde ich sagen, gibt es ein \u201cHappy End\u201d eher im Promillebereich. Und wenn ich jetzt versuche so zur\u00fcckzudenken, bei wem ich das so erlebt habe, dann fallen mir wieder nur Menschen ein, die jemanden gefunden haben, der sich wirklich sehr engagiert und f\u00fcr dieses wahnsinnige Beh\u00f6rden-Chaos die n\u00f6tige Zeit und Engagement mitbringt.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R: <\/strong>Was hat zu deiner Entscheidung gef\u00fchrt, dich in einer Erstaufnahmeeinrichtung psychotherapeutisch einzubringen?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Dass ich einfach gefragt worden bin (lacht)? Tats\u00e4chlich ging es mir seit 2015 schon so, dass ich immer dachte: Ja, da solltest du etwas machen. Ich habe es mir aber dann nicht so richtig zugetraut, wirklich jemanden zu Hause aufzunehmen oder so eine Art von Patenschaft zu \u00fcbernehmen, weil ich einfach nicht wusste, wie ich das hinkriegen sollte. Und dann war ich eigentlich ganz froh als eine Anfrage kam, ob ich da im kleinen Umfang mitarbeiten k\u00f6nnte. Da dachte ich: Ja, das kann ich wahrscheinlich hinkriegen. Und dann war ich selbst sehr \u00fcberrascht, wie sehr ich mich in diese Arbeit verliebt habe. Die Arbeit ist, was ich derzeit am allerliebsten mache, obwohl ich meine andere Arbeit auch sehr gerne mag.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Ich bin immer wieder total beeindruckt von dem, was Gefl\u00fcchtete hinkriegen. Wobei ich nat\u00fcrlich auch wei\u00df, dass diejenigen, die es schaffen hier anzukommen, diejenigen sind, die \u00fcberlebt haben. Viele andere haben eben nicht \u00fcberlebt. Ich glaube schon, dass die mit einer besonderen Resilienz es \u00fcberhaupt erst bis nach Deutschland schaffen. Deswegen schmerzt es mich umso mehr zu sehen, dass diese Leistung so wenig gew\u00fcrdigt wird \u2013 im Gegenteil. Wenn ich die Interviews vom BAMF (Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge, Anm. d. Interviewers) lese, scheint f\u00fcr mich teilweise wirklich eine menschenverachtende Haltung durch. Ich habe schon sehr viele Mitschriften solcher Anh\u00f6rungen gelesen. Die Frauen erz\u00e4hlen von Vergewaltigungen, vom Tod ihrer Kinder, von Zwangsprostitution, von Genitalverst\u00fcmmelung, von wirklich schrecklichen Dingen und es kommt ganz selten mal vor, dass in dem Interview dann die Person, die die Anh\u00f6rung macht, so etwas sagt wie \u201eTut mir leid\u201c oder irgendeine andere menschliche Geste schenkt. Da kommt \u00fcberhaupt keine Menschlichkeit f\u00fcr mich r\u00fcber. Klar, die m\u00fcssen ihre Arbeit machen. Das sehe ich schon. Aber irgendeine Art von Freundlichkeit m\u00fcsste an dieser Stelle Raum haben.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R:<\/strong> Was ber\u00fchrt dich bei deiner Arbeit mit Gefl\u00fcchteten am meisten?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Das h\u00f6rt sich jetzt vielleicht ein bisschen idealisiert an. Nat\u00fcrlich, es ist manchmal auch anders. Aber ich glaube am meisten ber\u00fchrt mich, die Kraft in den Menschen zu sehen, dass sie weitermachen k\u00f6nnen, auch wenn es so schlimm war. Dass Menschen da so eine hohe Resilienz und starken Willen haben und sagen: Ja, das Leben geht weiter.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R:<\/strong> Was hast du gelernt von der Zusammenarbeit mit Gefl\u00fcchteten?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Dass Menschen viel mehr aushalten k\u00f6nnen, als ich mir jemals h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Ich w\u00fcrde sagen, ich bekomme von den Gefl\u00fcchteten viel mehr Lebensmut, weil ich denke: Wow, so was k\u00f6nnen Menschen also.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R:<\/strong> Was sind aus deiner Sicht die Zutaten f\u00fcr so eine \u00dcberlebensf\u00e4higkeit, die du in deiner Arbeit beobachtest?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR: <\/strong>Die F\u00e4higkeiten, die gebraucht werden, auch wenn es noch so schwierig ist, irgendwie in sich zu finden. Zu den F\u00e4higkeiten geh\u00f6ren Pragmatismus und eine hohe soziale Kompetenz nat\u00fcrlich, um auch wieder Bindungen eingehen zu k\u00f6nnen und sich Hilfe holen zu k\u00f6nnen. Dann auch eine hohe Flexibilit\u00e4t sich in neuen Situationen trotzdem irgendwie hineinzufinden und nicht anzuhaften an irgendetwas. Und eine bestimmte Art von Optimismus. Verzeihen k\u00f6nnte man es vielleicht nennen, aber es ist eher eine F\u00e4higkeit loszulassen, obwohl man immer wieder misshandelt worden ist. Die T\u00e4ter halt T\u00e4ter sein zu lassen, auch wenn man wei\u00df, sie werden niemals bestraft werden. Irgendwie ist da eine F\u00e4higkeit, Sachen auch hinter sich zu lassen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Klar sind sie dann immer noch traumatisiert und werden sicher auch noch viel Unterst\u00fctzung, Medikamente oder Psychotherapie brauchen, aber trotzdem finde ich immer so das Allerwichtigste ist eigentlich das, was von den Menschen selber kommt. Und ich sage das auch ganz oft. Unser K\u00f6rper heilt Verletzungen und es entstehen Narben, die am Anfang schmerzen und sp\u00e4ter tun sie nicht mehr weh. Am Anfang sieht man sie sehr deutlich, sp\u00e4ter sieht man sie nicht mehr so deutlich. Und das ist eigentlich etwas, was der K\u00f6rper von ganz alleine erst mal macht. Und nat\u00fcrlich ist es manchmal wirklich dringend n\u00f6tig, \u00e4rztliche Versorgung zu haben. Aber meistens ist es doch so, dass der K\u00f6rper erst mal von alleine beginnt, das Ganze wieder zu richten. Die Tendenz des K\u00f6rpers geht immer zu Heilung. Und dann sage ich den Frauen, dass es bei ihrer Psyche genau gleich ist. Ihre Psyche hat auch eine Tendenz zur Heilung und kann vieles alleine richten. Was nat\u00fcrlich sehr gut ist, ist, wenn man dabei eine Begleitung und gute \u00e4u\u00dfere Bedingungen hat.&nbsp;<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Es gibt so ein italienisches Sprichwort, das geht so: Die Zeit heilt alle Wunden, aber den Verband liefert der Alltag. Klar, die Zeit heilt auch nicht wirklich alle Wunden. Denn wenn Frauen ihre Kinder verloren haben, dann ist das etwas, was nie komplett heilt. Aber was mir vor allem wichtig ist hier, ist dieser Alltag, der den Verband liefern kann. D.h. \u00e4u\u00dfere Bedingungen zu schaffen, dass sich diese Menschen dann wieder sicher f\u00fchlen k\u00f6nnen und gut aufgehoben sind. Dass sie auch wieder Menschen als eine positive Gemeinschaft erleben k\u00f6nnen, auch wenn sie so viel Schreckliches von Menschenhand erlebt haben. Das ist eigentlich das Wichtigste, was der Staat tun k\u00f6nnte, damit es f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in Richtung Happy End geht. Und genau da wird ganz oft versagt. Wenn ich mir dann ansehen muss, dass Frauen in Einrichtungen leben m\u00fcssen, wo sie mit alleinstehenden M\u00e4nnern zusammenleben, wo sie sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr raustrauen und so weiter. Das ist halt dann das genaue Gegenteil von einem Verband, den der Alltag liefern k\u00f6nnte. Es w\u00e4re meiner Meinung nach auch gar nicht so schwer, diesen Verband zur Verf\u00fcgung zu stellen. Das sieht man jetzt in Bezug auf die Ukraine. Ich finde es super, wie wir agieren. Ich finde, genauso sollte es sein. Ukrainische Kinder, sollen z. B. m\u00f6glichst schnell zur Schule gehen k\u00f6nnen usw. Diese M\u00f6glichkeiten sollten aber allen offen stehen und nicht nur denen, die wei\u00dfe Haut haben und Christen sind. Es schmerzt mich im Moment wirklich sehr zu sehen, wo sich doch schon Leute seit 2015 daf\u00fcr einsetzen, dass wir so mit Gefl\u00fcchteten umgehen sollten und von offizieller Seite immer Gr\u00fcnde gefunden wurden, warum das nicht m\u00f6glich sein sollte. Und jetzt geht es pl\u00f6tzlich. Was ja wirklich sch\u00f6n ist. Aber eben leider nicht f\u00fcr alle.&nbsp;<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R:<\/strong> Du hast ja am Anfang erw\u00e4hnt, dass es ein Ziel von dir war, den Menschen eine Stimme zu geben, die in unserer Gesellschaft keine Stimme haben. Gab es dar\u00fcber hinaus noch andere Ziele, zu denen du mit deiner Graphic Novel beitragen willst?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> In allererster Linie wollte ich, dass die Gefl\u00fcchteten geh\u00f6rt werden und dass das auch eine gr\u00f6\u00dfere Verbreitung findet. Weiters sollen Leser*innen nicht nur Fassungslosigkeit \u00fcber die Schicksale und das System empfinden, sondern die Graphic Novel soll sie dazu ermutigen, sich zu fragen, was sie tun k\u00f6nnten. Wie kann man denn anders mit Gefl\u00fcchteten umgehen und speziell an Psychotherapeut*innen gerichtet: Was sind Interventionen, die an der Stelle helfen k\u00f6nnen, damit Menschen, die traumatisiert sind, wieder stabiler werden? Was gibt es da auch an ganz pragmatischen, praktischen, kleinen Interventionen? Weil klar ist, das sind keine Bedingungen, wo wir jetzt eine gro\u00dfe, ausf\u00fchrliche Traumatherapie machen k\u00f6nnen. Ich denke, eigentlich m\u00fcssten die Leute, die bei uns sind, zu einem ganz gro\u00dfen Teil in die Trauma-Klinik, wo sie erst mal ein Jahr bleiben w\u00fcrden. Aber das geht nat\u00fcrlich nicht und das wird auch nicht passieren. Aber ich lebe ja immer nach dem Pareto-Prinzip und ich denke so \u00e4hnlich bietet der Comic sozusagen auch Pareto-Interventionen. Wenn man mit nur 20 % Input schon mal 80 % Erfolg hat, dann ist das schon ziemlich gut, finde ich. Die Interventionen sind auch alle im Wortlaut wiedergegeben und in mittlerweile insgesamt neun Sprachen verfasst, sodass man es leichter hat, sie zu vermitteln. Man kann die Interventionen zum Beispiel auch als Handout mitgeben.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R: <\/strong>Sp\u00e4testens seit dem Krieg in der Ukraine und der aktuellen Fl\u00fcchtlingsbewegung ist es ja so, dass sich viele Psychotherapeut*innen \u00fcberlegen, was sie denn beitragen k\u00f6nnten. Hast du Tipps f\u00fcr die, die sich in dem Bereich gern engagieren m\u00f6chten, was es da f\u00fcr M\u00f6glichkeiten gibt? Wo k\u00f6nnte man da starten?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Es gibt vermutlich in allen gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten Anlaufstellen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete. Von Pro Asyl, Refugio, \u00fcber verschiedene zentrale Asylzentren oder Kreise. Ich denke, die sind immer froh, wenn sich da Fachleute melden und verschiedene Arten von Sprechstunden geben und so weiter. Auch die Kirchen (Diakonie, Caritas) haben meistens irgendwelche Pools an Ehrenamtlichen, die etwas machen. Aber es ist einfach noch viel zu wenig und die Hilfe, die es gibt, wird dann vielleicht auch noch zu wenig intensiv betrieben. Wenn du jetzt wirklich jemandem Betreuung anbieten m\u00f6chtest, dann denke ich, ist es schon gut, wenn man bereit ist, ein bisschen mehr Zeit reinzustecken. Um jemanden z. B. durch den Beh\u00f6rdendschungel zu lotsen, braucht man halt mehr Zeit. Aber ich denke trotzdem, dass jedes bisschen Hilfe wertvoll ist.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R: <\/strong>Angenommen du w\u00fcrdest jetzt erst t\u00e4tig werden und k\u00f6nntest dir selber ein paar Ratschl\u00e4ge geben. Auf was sollte man achten?&nbsp;<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Ich w\u00fcrde mir raten, zuversichtlicher zu sein, dass, das Betreuungsangebot f\u00fcr sich schon viel bewirken kann. Und dass dieses wichtiger ist als extrem viel Fachwissen oder Erfahrung in dem Bereich. Nicht, dass Fachwissen jetzt irgendwie ein Fehler w\u00e4re, aber dass man mit einem offenen Beziehungsangebot schon viel bewegen kann und manches sogar ein bisschen anfangen kann, zu heilen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Ich w\u00fcrde mir auch einfach zu mehr Offenheit raten, sich da halt mal hin zu trauen. Es war bei mir selber auch so, dass ich am Anfang allein die Sprachbarriere als wahnsinnig hoch eingesch\u00e4tzt habe oder mir kulturelle Unterschiedlichkeiten zu Beginn noch sehr aufgefallen sind. Und irgendwann f\u00e4llt es einfach \u00fcberhaupt nicht mehr auf. Ich w\u00fcrde mal sagen, es ist wahrscheinlich leichter, als man denkt.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>R:<\/strong> Wie sorgst du f\u00fcr deine eigene Psychohygiene angesichts der traumatischen Erlebnisse, die dir in deiner Arbeit erz\u00e4hlt werden?<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><strong>MR:<\/strong> Ich versuche das in gewisser Weise genauso zu machen, wie es die Gefl\u00fcchteten, wenn es gut l\u00e4uft, auch machen. Ich frage mich, was kann hier der Sinn sein? Und f\u00fcr mich ist es einfach eine wahnsinnig sinnvolle Arbeit und daf\u00fcr lohnt es sich, sich schreckliche Sachen anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Und ich bin eigentlich ein extremes Weichei. Ich gucke nur Filme an, die ohne Altersbeschr\u00e4nkung sind, sonst kriege ich zuverl\u00e4ssig Alptr\u00e4ume. Mein Mann sagt immer, wir k\u00f6nnen nur \u201cBiene Maja\u201d zusammen gucken. Und ich habe das mal irgendwo gelesen, dass f\u00fcr Leute, die mit traumatisierten Menschen arbeiten wollen, empfohlen wurde, sich mal so ein paar richtig h\u00e4ssliche Horrorfilme anzuschauen, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob man in der Lage ist, sich solch schlimme Geschichten dann bei der Arbeit immer wieder anzuh\u00f6ren. Das fand ich f\u00fcr mich eine ganz abwegige Idee. Ich wusste genau, gib mir einen zehnmin\u00fctigen Ausschnitt aus \u201cSchweigen der L\u00e4mmer\u201c und ich traue mich zwei Jahre lang nachts nicht mehr alleine aufs Klo. Ich wei\u00df, dass mir das gar nicht guttut. Aber es ist f\u00fcr mich einfach ein ganz gro\u00dfer Unterschied, ob ich mir einen schrecklichen Film angucke oder mir bei der Arbeit schlimme Geschichten anh\u00f6re. Horrorfilme sind f\u00fcr mich einfach nur schreckliche Bilder ohne irgendeinen Sinn dahinter. Schaue ich mir aber zusammen mit den Frauen schlimme pers\u00f6nliche Videos an, dann kann ich das ganz gut. Also das h\u00e4ngt mir schon auch ein bisschen nach, aber das macht mir keine schlaflosen N\u00e4chte. Wenn jemand sagt, ich m\u00f6chte das mit dir teilen, guckst du das mit mir an, dann habe ich da einfach ein ganz tiefes Gef\u00fchl von Sinnhaftigkeit. Wenn die Person zu mir sagt, das hat ihr jetzt gut getan, das zusammen mit mir anzuschauen, dann bin ich damit total zufrieden und einig.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">\n<p dir=\"ltr\">Das Buch ist hier erh\u00e4ltlich:<\/p>\n<p dir=\"ltr\">\u200b<a href=\"https:\/\/www.carl-auer.de\/victoria-ankommen-und-uberleben-in-deutschland\" target=\"_blank\" style=\"outline: none;\">https:\/\/www.carl-auer.de\/victoria-ankommen-und-uberleben-in-deutschland<\/a>\u200b\u200b\u200b<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Autor: Raphael Kolic<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"width: 100%;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" title=\"3J5B1494_ausschnitt\" data-id=\"537\" src=\"\/\/hypnose.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/3J5B1494_ausschnitt-e1540385832287.jpg\" style=\"width: 100%;\" width=\"299\" height=\"267\"><\/span><\/p>\n<p>Raphael bloggt seit Mitte 2018 f\u00fcr die Milton Erickson Gesellschaft f\u00fcr Klinische Hypnose. Er macht gerade selbst die Ausbildung zum Psychotherapeuten. In Heidelberg, Wien und Hamburg hat er das Curriculum Klinische Hypnose als Praktikant durchlaufen. Ein paar seiner vergangenen Projekte sind unter anderem der Blog <a href=\"http:\/\/no-right-no-wrong.com\/\" target=\"_blank\">no-right-no-wrong.com<\/a>&nbsp;und sein Buch:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Achtsame-Selbsthypnose-behutsam-deinen-findest\/dp\/1530224284\/\" target=\"_blank\" style=\"outline: none;\"><em>Achtsame Selbsthypnose.<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martha Richards (Pseudonym) ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin in eigener Praxis. Sie &nbsp;betreut &nbsp;traumatisierte, gefl\u00fcchtete Frauen in einem &nbsp;Erstaufnahmezentrum in Deutschland. 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