Josua Handerer über innere Anteile, Theologie und Psychotherapie im Zeitalter der KI

Heute zu Gast ist Dipl.-Psych. Josua Handerer. Er ist Psychologischer Psychotherapeut, systemischer Therapeut und klinischer Hypnotherapeut. Nach einem Studium der Germanistik und Theologie führte ihn sein Weg über die Psychologie schließlich in die Psychotherapie. Heute leitet er die systemische Approbationsausbildung an der Psychologischen Hochschule Berlin und gemeinsam mit Maria Schnell und Till Jansen die Berliner Regionalstelle der Milton H. Erickson Gesellschaft.

In dieser Episode des Podcasts spricht er darüber:

  • Wie eine gescheiterte Promotion für ihn zu einer befreienden Neuorientierung wurde
  • Warum Sprache, Metaphern und Mehrdeutigkeit für seine therapeutische Arbeit so bedeutsam sind
  • Was ihn an der radikalen Ressourcenorientierung der systemischen und hypnosystemischen Therapie begeistert
  • Wie sich mit dem Seitenmodell innere Dynamiken sichtbar machen lassen, ohne Menschen auf feststehende Bilder von sich selbst zu reduzieren
  • Warum Teilearbeit für ihn weniger der Suche nach festen inneren Entitäten dient als der Verflüssigung vermeintlicher Gewissheiten
  • Welche strukturellen Parallelen er zwischen Theologie, Psychologie und Hypnotherapie erkennt
  • Wie sich gesellschaftliche Normen vom Sollen zum Können und vom moralischen Urteil zum Funktionieren verschoben haben
  • Was Günther Anders’ Begriff der „prometheischen Scham“ über unser Verhältnis zu Maschinen und künstlicher Intelligenz erzählen kann
  • Wie KI in der Psychotherapie als Dokumentationshilfe oder eine Art „Reflecting Team“ genutzt werden kann
  • Wo die Grenzen und Gefahren therapeutisch eingesetzter Chatbots liegen
  • Und warum körperliche Präsenz, Beziehung und unwillkürliches Erleben auch im Zeitalter künstlicher Intelligenz nicht ersetzbar sind

Eine Folge über innere und äußere Beziehungssysteme, die Weisheit des Unwillkürlichen und die Frage, wie wir in einer zunehmend technisierten Welt mit unserer eigenen Lebendigkeit in Kontakt bleiben können.

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Shownotes

Im Podcast erwähnte Personen

Hypnotherapie, systemische Therapie und Psychotherapie

  • Milton H. Erickson – Psychiater und Begründer der modernen Hypnotherapie; zentrale Bezugsfigur für die M.E.G. und die systemisch-hypnotherapeutische Arbeit.
  • Gunther Schmidt – Psychiater, Psychotherapeut und Begründer des hypnosystemischen Ansatzes. Im Gespräch wird unter anderem auf seinen erweiterten Trancebegriff, das Seitenmodell, die Utilisation unwillkürlicher Prozesse und das Bild des „inneren Kindergartens“ Bezug genommen.
  • Mechthild Reinhard – Systemische Therapeutin und Mitbegründerin der sysTelios Klinik. Die Begegnung mit ihr und ein Praktikum in der Klinik waren wichtige Stationen auf Josua Handerers hypnosystemischem Weg.
  • Burkhard Peter – Psychologischer Psychotherapeut, Hypnotherapeut und Mitbegründer der Milton H. Erickson Gesellschaft. Im Gespräch wird seine Auseinandersetzung mit dem Unbewussten als einem „Dritten“ im therapeutischen Beziehungsgeschehen angesprochen.
  • Till Jansen – Psychologe, Soziologe, systemischer Therapeut und klinischer Hypnotherapeut; gemeinsam mit Josua Handerer Leiter der M.E.G.-Regionalstelle Berlin.
  • Maria Schnell – Psychologische Psychotherapeutin, Ausbilderin und Supervisorin für klinische Hypnose sowie Gründerin der Berliner M.E.G.-Regionalstelle, die bis 2025 unter dem Namen IfHE geführt wurde.
  • Anja Rieken – Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalytikerin sowie Ausbilderin und Supervisorin für klinische Hypnose an der M.E.G.-Regionalstelle Berlin.
  • Sigmund Freud – Begründer der Psychoanalyse. Sein Instanzenmodell wird im Gespräch als historisches Seiten- beziehungsweise Teilemodell eingeordnet.
  • Carl Gustav Jung – Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie; erwähnt im Zusammenhang mit religiösen Prägungen bedeutender psychologischer Theoretiker.
  • Carl Rogers – Psychologe, Theologiestudent und Begründer der personzentrierten Psychotherapie; genannt als Beispiel für biografische Verbindungen zwischen Theologie und Psychotherapie.
  • John B. Watson – Psychologe und wichtiger Vertreter des Behaviorismus; erwähnt im Zusammenhang mit religiösen Prägungen in den Biografien einflussreicher Psychologen.
  • Peter Homans – Psychologie- und Religionshistoriker; genannt aufgrund seiner Arbeiten zu Glaubenskrisen und der Entstehung psychologischer Theorien.

Philosophie, Soziologie, Literatur und Systemtheorie

  • Karl Jaspers – Psychiater und Philosoph. Josua Handerer beschäftigte sich bereits in seiner theologischen Abschlussarbeit mit ihm. Im Interview werden die Gedanken „Im Scheitern kommen wir zu uns selbst“ und „Will ich es geradezu, so lähme ich es“ aufgegriffen.
  • Václav Havel – Schriftsteller, Dissident und ehemaliger tschechischer Staatspräsident. Im Gespräch wird ihm sinngemäß der Gedanke zugeschrieben, Hoffnung sei nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgehe, sondern dass etwas Sinn habe – unabhängig davon, wie es ausgeht.
  • Max Frisch – Schweizer Schriftsteller. Sein Text „Du sollst dir kein Bildnis machen“ dient im Gespräch als Bild für eine therapeutische Haltung, die Menschen nicht auf vermeintlich feststehende Eigenschaften reduziert. Der Text ist Teil des Tagebuchs 1946–1949.
  • Niklas Luhmann – Deutscher Soziologe und Systemtheoretiker. Seine Beschreibung sozialer Systeme anhand von Leitdifferenzen bildet den Hintergrund für Josua Handerers Gegenüberstellung von Transzendenz und Immanenz sowie Latenz und Manifestation.
  • William James – Philosoph und Psychologe sowie wichtiger Vertreter des Pragmatismus. Im Gespräch wird sein Einfluss auf das psychologische Denken und mittelbar auf Milton Erickson thematisiert.
  • Alain Ehrenberg – Französischer Soziologe. Seine Arbeiten beschreiben den gesellschaftlichen Wandel von Gehorsam und Disziplin hin zu Autonomie, Initiative und Kompetenz. Das Gespräch greift diese Perspektive als Verschiebung „vom Sollen zum Können“ auf.
  • Günther Anders – Philosoph und Techniktheoretiker. Seine Begriffe der „prometheischen Scham“, des „prometheischen Gefälles“ und des „invertierten Utopisten“ bilden einen zentralen Bezugspunkt des Gesprächs über KI, Maschinen und das menschliche Selbstverständnis.
  • Hannah Arendt – Philosophin und politische Theoretikerin; erwähnt im biografischen Zusammenhang mit Günther Anders.
  • Heinz von Foerster – Physiker, Kybernetiker und wichtiger Vertreter des radikalen Konstruktivismus. Im Gespräch wird seine Beschreibung des Menschen als „nichttriviale Maschine“ aufgegriffen.
  • Gregory Bateson – Anthropologe, Kybernetiker und bedeutender Impulsgeber der systemischen Therapie. Erwähnt wird seine Geschichte von einem Computer, der auf die Frage nach menschlichem Denken antwortet: „Das erinnert mich an eine Geschichte.“
  • Prometheus – Gestalt der griechischen Mythologie, die den Menschen das Feuer bringt; bei Günther Anders Ausgangsfigur für die Beschreibung der „prometheischen Scham“.

Erwähnte Bücher und Texte

Günther Anders

  • Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution
    Der 1956 erstmals erschienene Band enthält den Essay und das Konzept der „prometheischen Scham“. Die aktuelle C.H.-Beck-Ausgabe trägt die ISBN 978-3-406-72316-2.
  • „Über prometheische Scham“
    Essay innerhalb des ersten Bandes von Die Antiquiertheit des Menschen. Anders beschreibt darin das Gefühl menschlicher Unzulänglichkeit angesichts der scheinbaren Perfektion technischer Produkte.
  • Die Antiquiertheit des Menschen. Band II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution
    Fortsetzung von Anders’ Technik- und Zivilisationskritik, erstmals 1980 erschienen.

Max Frisch

  • Tagebuch 1946–1949
    Enthält den Text „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Im Podcast wird dieser Gedanke mit der konstruktivistischen und hypnosystemischen Arbeit mit inneren Seiten verbunden: Bilder können hilfreich sein, sollen aber nicht zu unveränderlichen Wahrheiten über einen Menschen werden.

Alain Ehrenberg

  • Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart
    Ehrenberg untersucht, wie gesellschaftliche Erwartungen an Eigenverantwortung, Selbstverwirklichung, Tatkraft und Leistungsfähigkeit mit modernen Formen psychischer Erschöpfung zusammenhängen. Die deutsche Ausgabe erschien erstmals 2004; eine erweiterte Neuausgabe erschien 2015 im Campus Verlag.

Erwähnte Einrichtungen und Weiterbildungsorte

  • Psychologische Hochschule Berlin – Hochschule, an der Josua Handerer die systemische Approbationsausbildung leitet.
  • M.E.G.-Regionalstelle Berlin – Von Josua Handerer und Till Jansen geleitete Regionalstelle der Milton H. Erickson Gesellschaft.
  • Helm Stierlin Institut Heidelberg – Prägender systemischer Weiterbildungsort für Josua Handerer.
  • sysTelios Klinik – Hypnosystemisch arbeitende Klinik, in der Josua Handerer 2013 hospitierte und an seinem damaligen Promotionsprojekt arbeitete.
  • Psychologische Hochschule Berlin, psychotherapeutische Ambulanz – Ausbildungs- und Tätigkeitsstation in Handerers beruflichem Werdegang.

Erwähnte digitale Ressource

VIA HealthTech

VIA HealthTech ist eine KI-gestützte Software für die psychotherapeutische Dokumentation.

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