wirkung metapher

Wie Metaphern in der Politik auf dich Einfluss nehmen

2015 sprach die ehemalige österreichische Innenministerin Mikl-Leitner von einem „Zustrom“ an Flüchtlingen, der größer als der „Abfluss“ sei. Überschwemmung, Chaos und Bedrohung. Flüchtlinge ergießen sich über uns.

Einen ganz anderen metaphorischen Vergleich machte der Rottenburger Oberbürgermeister Stephan Neher:

„Stellen Sie sich vor, es wären 43 Menschen in einer Gaststätte und einer käme hinzu. Niemand würde sagen, das geht nicht.” Zuversicht, Entspannung und Solidarität.

Beide Politiker sprechen über dasselbe Thema. Beide gebrauchen kognitive Metaphern, um die Situation zu beschreiben. Und beide Metaphern haben eine Wirkung, die kaum gegensätzlicher sein könnte.

Was sind kognitive Metaphern?

Du kennst Metaphern wahrscheinlich als rhetorisches Stilmittel aus dem Deutschunterricht. Wenn ich hier über Metaphern schreibe, meine ich allerdings kognitive Metaphern (Lakoff & Johnson, 1980).

Metapher als Stilmittel: Eine Metapher überträgt einen Begriff in einen Kontext, der mit dem ursprünglichen Begriff nichts zu tun hat – ohne einen direkten Vergleich zu ziehen. Verliebt sein = im 7. Himmel schweben.

Kognitive Metaphern: In den kognitiven Sprachwissenschaften steht der Begriff kognitive Metapher für das Verstehen einer Idee durch eine andere. Zum Beispiel kann das Konzept „Menge” durch das Konzept „Richtung” verstanden werden: „Der Preis für eine friedliche Lösung steigt.” Kognitive Metaphern sind allgegenwärtig und prägen nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch die Art und Weise, wie wir denken und uns verhalten. Sie färben unsere emotionale Haltung zu einem Thema – unabhängig davon, ob wir die Metapher bewusst oder unbewusst verwenden.

Lass uns das ganz praktisch ausprobieren: In den folgenden Kästchen A und B findest du zwei Texte. Wähle ein Kästchen und lies dir den Text durch. Bleib bei diesem einen Kästchen und lies das andere erst, wenn das Experiment aufgelöst wurde. Bist du bereit?

Wähle jetzt:

Kästchen A

Kästchen B

Dieses Experiment ist aus einem Studiendesign von Lera Boroditsky (2011). Sie wollte untersuchen, wie sich Metaphern auf die Meinung von Menschen auswirken und ob Menschen die Wirkung von Metaphern wahrnehmen.

Wenn du dir noch nicht das andere Kästchen durchgelesen hast, tu es bitte jetzt. Beide enthalten denselben Text, beginnen aber mit einem jeweils anderen metaphorischen Rahmen. In A wird Kriminalität mit einem wilden Tier verglichen, das den BürgerInnen Baltimores auflauert. In B ist Kriminalität ein Virus, das sich ausbreitet und die Straßen Baltimores plagt.

metaphern in der politik

Text A: Kriminalität als wildes Tier  

Text B: Kriminalität als Virus

74 % der Versuchspersonen, die Text A (Kriminalität als wildes Tier) gelesen hatten, schlugen vor, dass Kriminelle gejagt, weggesperrt und bestraft werden sollten. Im Vergleich dazu fielen nur 56 % der Vorschläge der Gruppe, die Text B (Kriminalität als Virus) gelesen hatte, in diese Kategorie. Hier kamen jedoch im Vergleich zur Gruppe A öfters Vorschläge wie: „Nach der Ursache suchen und diese bekämpfen.”

Nur 3 % (15 Versuchspersonen) erwähnten, dass die Metapher Einfluss auf ihre Entscheidung hatte. Alle anderen nannten die Zahlen und Statistiken als grundlegend für ihre Vorschläge auf die 1. Frage.

Nun hast du vor dem Experiment ja schon über Metaphern gelesen und warst für Metaphern sensibilisiert. Was denkst du, hatten die Metaphern dennoch Einfluss auf deine Meinung? Und wie ist es im Alltag, bist du dir da bewusst, welchen Einfluss Metaphern auf deine Entscheidungen und deine Meinung haben?

Wirkung von Metaphern: Wie kommt es eigentlich, dass Metaphern einen so großen Einfluss auf uns haben?

Laut George Lakoff und Johnson (1980) sind Metaphern Träger unserer kognitiven Struktur. Metaphern sind nicht nur Teil unserer Sprache, sondern auch in unserem Denken und Verhalten allgegenwärtig. Lakoff & Johnson nennen folgendes Beispiel, um ihre These zu untermauern:

„Argumentieren ist Krieg.”

In dieser Metapher wird das Konzept „Argumentieren” durch das Konzept „Krieg” verstanden. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass diese Metapher nicht nur eine theoretische Idee in unseren Köpfen ist. Sie zeigt sich auch in unserem Verhalten:

Wir gewinnen oder verlieren Debatten. Wir attackieren die Positionen unseres Kontrahenten. Wir entwerfen Strategien, um die Diskussion zu gewinnen. Wir kämpfen zwar nicht physisch, aber sehr wohl verbal. Wie wir uns in Diskussionen verhalten und fühlen, wird von dieser Metapher wesentlich geprägt.

Stell dir im Vergleich dazu eine Kultur vor, in der Argumentieren nicht als Krieg, sondern als Tanz gesehen wird, bei dem man nicht gewinnen kann. Statt dessen gibt es Menschen, deren Ziel es ist, die unterschiedlichen Positionen „auszutanzen”. Kannst du dir vorstellen, wie Diskussionen in einer solchen Kultur aussehen würden?

Argumentieren ist Krieg

Argumentieren als Tanz

Unsere Konzepte, wie wir die Welt einteilen und verstehen, sind metaphorisch strukturiert. Metaphern sind daher ein integraler Bestandteil unseres Denkprozesses (wie z. B. auch im Artikel über Hypnose im Abschnitt bildhaftes Denken deutlich wird). Und Metaphern wirken auch, wenn wir sie bewusst nicht wahrnehmen, wie die Studie von Lera Boroditsky (siehe oben) beweist.

Metaphern in der Politik

Eine der am häufigsten genutzten Metaphern in der Politik ist die Metapher, dass die Nation eine Person ist. Im Irakkrieg wurde nicht Krieg gegen den Irak und dessen Bevölkerung geführt, sondern gegen Saddam Hussein. Der Irak wurde mit Saddam Hussein gleichgesetzt. „Saddam ist ein Tyrann und muss gestoppt werden.

Metaphern heben bestimmte Aspekte der Wirklichkeit hervor und verbergen gleichzeitig andere. Die Metapher „Wir sind im Krieg mit Saddam Hussein” blendet aus, dass die ersten 3000 Bomben, die fallen, nicht Saddam Hussein treffen werden, sondern ZivilistInnen.

Metaphern haben also hohe politische Relevanz. Sie werden genutzt, um von der Bevölkerung Zustimmung zu einer politischen Maßnahme zu erhalten. Lakoff nannte in seinem Artikel zum 2. Golfkrieg (2003) folgendes Beispiel: „Im Fall des Irakkriegs versuchte Bush Senior, den Krieg über eine „Selbstverteidigungsmission“ zu verkaufen. Saddam bedrohe die amerikanischen Ölpipelines. Die US-Bevölkerung hat ihm diese Geschichte nicht abgekauft. Also erzählte er eine andere Geschichte. Er machte den 1. Golfkrieg zur Rettungsmission: die Vergewaltigung Kuwaits. Diese Geschichte kam unter den US-AmerikanerInnen gut an und ist bis heute noch eine populäre Erzählweise des Golfkriegs.”

Aber auch andere politische Maßnahmen wurden durch Metaphern unterstützt. Die demokratische Partei in den USA verwendete eine Metapher, um die Zustimmung zur Gesundheitsreform zu erhöhen. Sie nutzten den Begriff Familie und dass es unmoralisch sei, sich in einer Familie nicht umeinander zu kümmern: der Staat als Familie.

Ebenfalls bemerkenswert ist folgende Metapher von Yuval Noah Harari (2015): Er wollte deutlich machen, dass der Terrorismus wenig bewirken kann. In den letzten Jahren gab es ein überschaubares Ausmaß an Schäden (inkl. Todesopfern) durch Terrorismus. Im Vergleich dazu sind die Schäden, die durch den Straßenverkehr, die Fehlernährung oder die Umweltverschmutzung angerichtet wurden, weit höher. Im Lichte dieser Relation sind die Auswirkungen des Terrorismus verschwindend gering. Durch jeden Krieg entsteht mehr Schaden als durch Terrorismus. Yuval gebrauchte für diese Situation folgende Metapher: „Terrorismus ist wie eine Mücke im Porzellanladen. Die wirft keine einzige Tasse um. Aber sie setzt sich auf das Ohr des Elefanten, und der zertrümmert alles.”

Terror-Mücke

Entwickle einen sechsten Sinn für Metaphern

Ein kritischer Umgang mit Metaphern ist notwendig für jedes Individuum, das sich selbstbestimmt in den politischen Diskurs einbringen will. Welche Aspekte werden durch eine Metapher hervorgehoben? Welche verborgen? Welchen Zielen dient diese Metapher und stehen diese Ziele im Einklang mit deinen Werten?

Metaphern sind übrigens auch wesentlich für deine ganz persönlichen Herausforderungen. Welche Metaphern verbindest du mit aktuellen Herausforderungen? Und dienen diese deinem Ziel? Wie dich Metaphern auf persönlicher Ebene unterstützen können, ist Thema eines zukünftigen Artikels.

Kennst du andere geniale Beispiele für die Wirkung von Metaphern? Schreib einen Kommentar.

Alles Liebe,
Raphael

Quellen:

Harari, Y. N. (2016). Homo Deus: A brief history of tomorrow

Lakoff, G. & Johnson, M. (1980). Metaphors we live by

Lakoff, G. (2003). Metaphor and war, again

Thibodeau, P. H., & Boroditsky, L. (2011). Metaphors we think with: The role of metaphor in reasoning. PloS one, 6(2), e16782.

Newsletter von Ortwin Meiss (2016)

Autor: Raphael Kolic

Raphael bloggt seit Mitte 2018 für die Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose. Er macht gerade selbst die Ausbildung zum Psychotherapeuten. In Heidelberg, Wien und Hamburg hat er das Curriculum Klinische Hypnose als Praktikant durchlaufen. Ein paar seiner vergangenen Projekte sind unter anderem der Blog no-right-no-wrong.com und sein Buch: Achtsame Selbsthypnose.

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