Gedanken für den Umgang mit medialer Aufmerksamkeit in extremen Zeiten

Die Ereignisse überschlagen sich – erst Thüringen, dann Hanau, dann Corona

Die politischen Ereignisse in Deutschland haben sich in den letzten Wochen überschlagen. Zunächst die Aufruhr um die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen und den Einfluss der AfD. Darauf folgte die Verhaftung der sogenannten „Gruppe S“ und dann die Morde in Hanau. Einige Tage später wurde vom Verfassungsschutz erklärt, dass sie den „Flügel“ der AfD unter Beobachtung stellen.

Doch diese sehr bedenkliche Entwicklung wurde von der Verschärfung der „Corona“-Pandemie medial fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt. Zurzeit dreht sich alles um Infektionszahlen und Ausgangssperren.

Gerade weil es momentan in der medialen Berichterstattung kein anderes Thema als „Corona“ zu geben scheint, finde ich es wichtig noch einmal bewusst zu machen, dass es eine Reihe von gravierenden Ereignissen in Deutschland gegeben hat, die im Zusammenhang mit rechtsradikalen Gedanken und Handlungen stehen.

Vielleicht bietet uns die Zeit, in der wir zu Hause bleiben die Gelegenheit, über die Geschehnisse der letzten Wochen nachzudenken. Denn sie drohen schon wieder in Vergessenheit zu geraten. Das finde ich aufgrund der gesellschaftlichen Tragweite erstaunlich: Ein bestimmtes Ereignis wird von einem anderen abgelöst und gerät in Vergessenheit ohne aufgearbeitet zu werden.

Daher möchte ich das Bewusstsein dafür schärfen, wie in den Medien Themen angesprochen werden, wenn sie viel Aufmerksamkeit versprechen. Kurze Zeit später verschwinden sie dann wieder. Hier gibt es durchaus Parallelen zur psychotherapeutischen Arbeit, auf die ich im weiteren Verlauf des Artikels noch eingehen werde.

Mann mit Megafon ruft Buchstaben aus

Der Kampf um mediale Präsens wird durch das gezielte Auswählen von den Themen geführt, die viel Aufmerksamkeit versprechen.

Mehr als nur Einzelfälle 

Nach den Morden in Hanau stellt sich bei vielen die Überzeugung ein: Es reicht. Zu viele rechtsextreme Ereignisse sind in letzter Zeit geschehen.

Aus traurigen „Einzelfällen“ (wie der Verfolgung von Menschen in Chemnitz, dem Mord an Walter Lübcke oder dem Angriff auf eine Synagoge in Halle/Saale, der ebenfalls zu Morden führte) ist erkennbar geworden: Dahinter stecken mehr als einzelne Anschläge auf Menschen oder auf alles, was nicht vermeintlich „ur-deutsch“ ist.

Auch wenn die Täter nicht persönlich vernetzt sind: Ideologisch sind sie es sehr wohl. Ihr Weltbild speist sich aus der Vorstellung, dass es in Deutschland eine „Umvölkerung“ gebe. Dies wurde nicht zuletzt durch Reden der Politiker*innen der AfD propagiert. Es wird ein Klima der Angst erzeugt, in dem man dann vermeintliche Lösungen anbieten kann, wie eben die „wohltemperierte Grausamkeit“3. Hier formt Sprache ein bestimmtes Weltbild - das ist Alltag in der Politik.

Doch mir ist aufgefallen, wie schnell auch in den Medien ein bestimmtes Wording eingeführt wird: In Hanau ist zum Beispiel die Rede von rechtsradikalen oder fremdenfeindlichen „Anschlägen auf Shisha-Bars“. Doch was verbirgt sich hinter einer solchen Darstellung wirklich?

Sprache formt Denken und Handeln

Aus hypnotherapeutischer Sicht ist Sprache ein sehr wichtiger Faktor. Sie formt das menschliche Denken und somit schafft sie auch Realitäten.

Sprachliche Formulierungen haben dadurch auch Auswirkungen auf unsere Gefühle. Gefühle wiederum beeinflussen unsere Handlungen.

Vielleicht merkt ihr im Gespräch mit Freund*innen, eurer Familie oder auch Klient*innen, dass diese unachtsam mit ihrer Wortwahl sind. Daher sollten wir unsere Mitmenschen auch darauf hinweisen, wenn sie unbedacht sprechen. Je nachdem, wie wir unsere Worte wählen, verändert sich auch der Fokus und die Wirkung unserer Worte.

Daher erscheint es mir wichtig, sprachlich sauber bei der Beschreibung vorzugehen. Wie wollen wir über die Taten sprechen? Sind es Anschläge? Das Wort „Anschlag“ verschleiert sprachlich was diese Tat war: Es waren gezielte Morde. Diese Morde waren motiviert durch Hass. Wem gilt dieser Hass? Ausländern? Viele der Opfer dieser Morde haben einen deutschen Pass.

Wenn man von "Fremdenfeindlichkeit" spricht, dann impliziert das, dass es sich um Fremde handelt. Aber das stimmt nicht. Es waren Morde an Menschen, die Bestandteil unserer Gesellschaft sind. Einige von ihnen haben einen deutschen Pass. Auch wenn Nationalitäten natürlich keine Rolle spielen, zeigt es doch wie irrational eine Denkweise ist, die Menschen in Kategorien nach ihrer Herkunft einteilt.

Wem galten also diese Morde eines Täters, der zuvor antisemitische und islamfeindliche Botschaften im Internet verbreitete? Muslim*innen, Jüd*innen, „Andersdenkenden“, „Andersseienden“, „Nicht-Deutschen"? Allen, die offen sind für Neues?

Der Einfluss der AfD auf die gesellschaftliche Stimmung

Bis vor kurzem hätten die meisten Menschen vermutlich nicht gedacht, dass solche Morde in Deutschland geschehen könnten. Wir haben gedacht, dass „das politische Klima“ zwar „rauer“ wird, aber dass die öffentlichen Demonstrationen von Pegida und die Reden von AfD-Politiker*innen eben nur das sind: Reden. Doch die Worte können auch das Denken beeinflussen - sie haben also einen psychologischen Einfluss.

Daher sind viele Menschen nun der Ansicht, dass die Reden der AfD diese Morde direkt begünstigt haben. Das Ganze hat etwas Surreales und doch ist es etwas geworden, dass Einzug in den Alltag unseres Lebens geschafft hat. Vielleicht ist es richtig, sogar von Terror zu sprechen. Terror, der sich aus Hass auf alles speist, was anders ist als das, was die Täter*innen befürworten.

Wie tolerant kann man gegenüber Intoleranz sein?

Ist es aber ausreichend, hassmotivierten Terror als solchen zu benennen? Gibt es noch andere Möglichkeiten aktiv für eine bessere Gesellschaft einzustehen?

„Nie wieder“ ist wieder geschehen. Also müssen wir uns darauf einstellen, dass es wieder passiert. Was können wir tun, um aktiv an einer Gesellschaft zu arbeiten, die Intoleranz nicht toleriert?

Eine Möglichkeit wäre im Alltag die Gespräche, die wir mit unseren Mitmenschen führen, selbst stärker auf politische Themen zu lenken. Anstatt über das Wetter zu sprechen, können wir gezielt Stellung beziehen. Zum Beispiel darüber, was verbessert werden kann für Menschen, die an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden, weil ihre Vorfahr*innen aus einem anderen Land kommen.

Nachdem 2018 in Chemnitz Menschen von Rechtsradikalen verfolgt wurden, hat es eine Demo gegeben mit dem Slogan "Wir sind mehr". Dieses „Wir sind mehr“ sollte zeigen: „Wir toleranten Menschen sind zahlenmäßig mehr als ihr Rechtsradikalen“.

Dass es nicht reicht, dass „wir“ einfach nur zahlenmäßig überlegen sind, zeigt sich nun. Doch wie kann ein vielfältiger und dauerhafter Einsatz für eine tolerante und offene Gesellschaft aussehen?

Ich finde, dass wir zeigen können, dass „deutsch sein“ bedeutet: tolerant sein, Vielfalt akzeptieren und - vor allem - sich klar gegen Intoleranz einsetzen. Habt ihr auch schon erlebt, dass nichts gesagt wurde, wenn jemand über „die Ausländer" schimpft, weil man denkt, dass das in jenem Moment sowieso nichts bringt?

Das bisherige Engagement hat nicht gereicht

Ich finde, wir sollten uns klarmachen, dass das bisherige Maß an Auseinandersetzung mit dem Problem nicht gereicht hat. Wir brauchen mehr: Mehr Bekenntnis zu unseren Mitmenschen, die „anders" sind. Wir brauchen Solidarisierung mit Menschen, die zu uns gekommen sind, um an einer offenen Gesellschaft teilhaben zu dürfen und sich Schutz vor Verfolgung erhofft haben.

Was können wir im Alltag tun, um eine Gesellschaft zu erschaffen, in der klar ist, dass wir Menschen akzeptieren, die „anders" sind? Denn sie sind nicht anders. Sie sind genau wie wir auf der Suche nach Zugehörigkeit und Anerkennung.

Agenda-Setting: Wie schnell die Themen wechseln

Mir ist aber noch ein weiteres Phänomen in der Berichterstattung der Medien aufgefallen. Neben der Tatsache, dass Verschleierungen auf sprachlicher Ebene stattfinden, passiert das auch auf thematischer Ebene.

Waldbrände in Australien Anfang 2020

Dazu zwei Beispiele: Vielleicht erinnert ihr euch zum einen noch an die schlimmen Waldbrände in Australien. Das ist noch nicht einmal zwei Monate her und doch medial gesehen für die meisten schon wieder weit weg. Damals war von der „Klimakrise" die Rede, genauso wie jetzt von der „Corona-Krise“.

Mediale Aufmerksamkeit erhält also vor allem immer die aktuellste „Krise“. Anderes gerät in Vergessenheit. Auch wenn zuvor noch leidenschaftlich darüber diskutiert wurde. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es weniger um den Inhalt der Diskussion geht. Eher geht es darum, dass es etwas gibt, worüber öffentlichkeitswirksam berichtet werden kann.

Mit einer solchen Berichterstattung wird zwar die Sensationslust befriedigt. Aber es ist keine tiefere Auseinandersetzung möglich.

Das erkennt man an dem zweiten aktuellen Beispiel: die Thematisierung der Grenzöffnung zwischen der Türkei und Griechenland, die gerade drei Wochen zurückliegt, ist ebenfalls stark in den Hintergrund getreten. Die Probleme der Flüchtenden haben sich in den letzten Wochen aber eher verschärft als gebessert - nicht zuletzt wegen der Ausbreitung von Corona-Viren in den sogenannten „Flüchtlingslagern“. Der ausschlaggebende Grund für die Flüchtenden - der Bürgerkrieg in Syrien - war zuvor lange ein Thema in den Medien. Das ist durch die Berichterstattung über Corona weitestgehend in Vergessenheit geraten.

Daher gilt es aufmerksam zu sein und sich zu fragen: Worum geht es aktuell? Welches Thema wird in den Medien verstärkt behandelt und von welchem Thema bewegen wir uns weg? Hier kann man eine Parallele zwischen der Themensetzung der Medien und Gesprächen mit anderen Menschen ziehen - und zwar sowohl im Alltag als auch in einem therapeutischen Setting.

Wie behält man den Überblick?

Auch in Alltagsgesprächen haben manche Menschen die Angewohnheit, von unangenehmen Themen abzulenken und sich etwas Neuem zuzuwenden, um sich nicht mehr so eingehend mit etwas Schwierigem beschäftigen zu müssen.

Als aufmerksame Zeitgenoss*innen können wir hier einen Unterschied machen: Wenn ihr merkt, dass jemand sich von einem herausfordernden Thema wegbewegen will, obwohl es nicht geklärt ist, dann weist die Person doch einfach darauf hin. Bleibt am Ball und lasst euch nicht so leicht abwimmeln. Oftmals geht es Menschen darum, im Dialog in einem guten Licht zu erscheinen.

Eine Möglichkeit könnte dann sein, freundlich aber bestimmt darauf hinzuweisen, dass ihr das Gefühl habt, dass das eigentliche Thema doch gerade noch ein ganz anderes war.

Gerade für Psycho- und Hypnotherapeut*innen ist es wichtig den Fokus beibehalten zu können. Wenn man immer nur den Themen hinterherfolgt, die assoziativ von den Klient*innen kommen, läuft man Gefahr, den thematischen Überblick zu verlieren. Manchmal kann es nützlich sein, den Klient*innen zumindest anzubieten, den Blick wieder auf ein unliebsames Thema zu richten, das noch nicht geklärt wurde.

Fokus beibehalten: Ob in Medien oder Beratung 

Diesen Fokus zu behalten können wir auch im Umgang mit der medialen Berichterstattung trainieren. Man kann immer wieder prüfen: Welche Themen werden gerade besonders ins Zentrum der Berichterstattung gebracht? Was war vorher Thema und wie wird dieses Thema jetzt behandelt - wird es überhaupt noch angesprochen?

In Bezug auf die Morde in Hanau fällt nämlich auf: Das Thema ist fast völlig untergegangen. Und das obwohl es gerade mal einen Monat her ist und es ein schwerwiegendes Ereignis war.

Es heißt also aufmerksam sein, damit wir nicht den Fokus verlieren in Bezug auf die Themen unserer Zeit. Das kann sogar aufmerksamen Menschen passieren: Ein Thema wird durch ein anderes ersetzt. Dann gerät es in Vergessenheit - anstatt gelöst zu werden.

Was können wir tun?

Hier noch einige Anregungen von einem Post bei Instagram von Julius Feldmeier (@julius_fmr)

Was sind eure Vorschläge, um sprachlicher Verschleierung zu begegnen? Wie geht ihr damit um, wenn ihr merkt, dass Menschen diskriminiert werden? Habt ihr schon mal jemanden darauf hingewiesen, dass er oder sie gerade das Thema wechseln wollte, als es unangenehm wurde? Wie hat dein Gegenüber reagiert?

Autor: Aldo Haumann MA. MSc.

Aldo ist Master of Arts der Philosophie und absolvierte in Wien ein Masterstudium für hypnosystemische Beratung und Interventionen. Er macht zurzeit eine Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater und systemischen Coach. Im Zuge dieser Ausbildung betreut er hypnosystemische Kongresse und Institute in Deutschland und Österreich.

Quellen/Links:

[1] https://www.dw.com/de/medien-terrorzelle-gruppe-s-sprach-%C3%BCber-anschl%C3%A4ge-auf-moscheen/a-52578677

[2] https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-02/rassismus-hanau-anschlag-rechte-gewalt-wir-sind-hier

[3] https://www.sueddeutsche.de/wissen/australien-waldbraende-feuer-flammen-1.4825223

Klicke hier, um zu kommentieren