Welche psychotherapeutische Verfahren gibt es?

Spielst du mit dem Gedanken, Psychotherapeutin oder Psychotherapeut zu werden und fehlt dir eine Übersicht über die unterschiedlichen psychotherapeutischen Verfahren?  Erfahre in diesem Artikel, wie du dich im Dschungel unterschiedlichster Psychotherapierichtungen zurecht findest.

Neben deinen persönlichen Vorlieben und Wertehaltungen spielen praktische Bedingungen eine Rolle bei der Auswahl der Psychotherapieform. Diese unterscheiden sich für Deutschland, Österreich und die Schweiz. In diesem Artikel erfährst du auch mehr über die Unterschiede der Psychotherapie im deutschsprachigen Raum.

Disclaimer: Dieser Artikel ist von Menschen im Psychologiestudium bzw. der Psychotherapieausbildung für Menschen, die sich für die Psychotherapieausbildung interessieren, geschrieben und spiegelt nicht notwendigerweise die offizielle Haltung der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose wider. Anregung, Feedback und konstruktive Kritik bitte an die Autorin am Ende des Artikels.

Du bist kein Studierender und möchtest dich trotzdem über die Angebote und Unterschiede der Einrichtungen, auch über Ländergrenzen hinaus, informieren? Dann findest du hier bestimmt auch, was du suchst.

Einleitung Psychotherapie: Was ist das?

Du hast sicher bereits viel über Psychotherapie in deinem Studium gehört oder hast dich bereits aus Interesse ausgiebig damit beschäftigt. Die vielzitierte Definition von Strotzka (1982) gilt allgemein:

Psychotherapie sei ein bewusster, geplanter, interaktionaler Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsens für behandlungsbedürftig gehalten werden. Zum Einsatz kommen psychologische Mittel, die lehrbar sind und eine theoretische Basis besitzen, in Richtung eines gemeinsam definierten Ziels. Voraussetzung sei eine tragfähige emotionale Bindung.

Diese relativ allgemein gehaltene Definition lässt sich vereinfacht auch so ausdrücken:

Psychotherapie ist ein freundschaftliches Austausch in dem seelische Probleme mit Hilfe psychologischer Mittel gelöst werden können.

Das bedeutet, dass auf wissenschaftlich gesicherter Basis, Menschen geholfen wird, indem man sich individuell auf sie konzentriert und effektiv für nachhaltiges Wohlbefinden sorgt.

Bei der Definition handelt es sich allerdings lediglich um eine grobe Vorstellung von der Tätigkeit, die sich in den verschiedensten Formen manifestieren kann. Das Spektrum möglicher Arbeitsweisen - von Tiefenpsychologie á la Freud bis hin zu neueren Methoden wie dem Somatic Experiencing -  greift die Grundideen jeweils spezifisch auf. Bevor eine Entscheidung getroffen werden kann, welcher Weg es sein soll, sollten die psychotherapeutischen Verfahren, Methoden und Regelungen genau betrachtet werden.

Begrifflichkeiten: Therapieverfahren und Therapierichtungen

Therapieverfahren sind im Folgenden jene Psychotherapierichtungen, die in Deutschland von den Kassen abgerechnet werden können. Alle anderen Psychotherapierichtungen gelten in Deutschland als Methoden oder Techniken und können nicht von den Kassen abgerechnet werden.

Die verschiedenen Psychotherapieverfahren (Deutschland)

In Deutschland sind gegenwärtig nur wenige psychotherapeutische Verfahren anerkannt. Das bedeutet, folgende Richtungen können als wissenschaftlich gesichert angenommen und demnach auch mit der Kasse abgerechnet werden. 

Von der Kasse in Deutschland psychotherapeutische Verfahren:

die Verhaltenstherapie (verhaltenstherapeutisch fundierte Psychotherapie)

Psychodynamische Verfahren (Psychoanalyse und Weiterentwicklungen)

Systemische Therapie (wahrscheinlich ab dem 2. Halbjahr 2019)

Neben diesen im Psychotherapeutengesetz verankerten Therapieverfahren in Deutschland, kann man sich in anderen Therapierichtungen und Methoden weiterbilden, wenn man einmal approbiert ist. 

Weitere Psychotherapierichtungen:

Gesprächstherapie

Und wo ist die Hypnotherapie in Deutschland zu finden?

Die Hypnotherapie gilt als wissenschaftlich anerkannte Methode. Das bedeutet, man kann sie im Rahmen einer verhaltenstherapeutischen Arbeit als Instrument einsetzen. Als eigenständiges Verfahren ist die Hypnotherapie nicht eingetragen. Durch ihre methodische Ausrichtung und relative Unabhängigkeit von Paradigmen ist diese Methode inhaltlich aber problemlos mit den zugelassenen Richtungen vereinbar (auch wenn sie in Deutschland zur Zeit noch nicht formal mit psychodynamischen Verfahren kombiniert werden darf) und kann für gute Synergieeffekte sorgen.

Mehr zu Hypnotherapie und Hypnose.

Wie werde ich Psychotherapeutin oder Psychotherapeut in Deutschland?

Um in Deutschland psychologischer Psychotherapeut zu werden, musst du zunächst Psychologie studieren und den Master abschließen. Danach kannst du eine 3-jährige Ausbildung (Vollzeit) oder eine 5-jährige Ausbildung (Teilzeit) zum psychologischen Psychotherapeuten machen. Wenn du einen Master in Pädagogik abgeschlossen hast, darfst du die Ausbildung zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten machen, nicht aber zum psychologischen Psychotherapeuten für Erwachsene. 

Als Ärztin oder Arzt hast du zudem die Möglichkeit, die Weiterbildung zum Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder Psychiatrie und Psychotherapie zu machen.

Demnächst ist eine Reform des Psychotherapeutengesetzes in Deutschland angedacht. Sollte der derzeitige Entwurf verabschiedet werden, kannst du in Zukunft an Universitäten den Lehrgang Psychotherapie belegen und abschließen. Mit dem Abschluss des Masters in Psychotherapie erlangst du dann auch die Approbation (also die Befugnis den Beruf als Psychotherapeutin oder Psychotherapeut auszuüben.) 

Mehr Informationen zum Psychotherapiestudium in Deutschland findest du in dieser Vorlesung an der Universität Salzburg: "Psychotherapieausbildung in Deutschland. Neue Entwicklungen bei den aktuellen und zukünftigen Zulassungen von Dr. Wolfram Dorrmann und Dr. Andreas Rose." Stand 28. Januar 2019 (Zu den Folien. Zum Audio.)

Österreich und Schweiz

In Österreich und der Schweiz werden von Deutschland abweichende Richtungen angeboten und von der Kasse anerkannt. Sollte für dich in Deutschland die gewünschte Praxis nicht angeboten werden bzw. erscheint eine Ausbildung in diesen Richtungen nicht als zukunftsweisend für deinen Weg, so lohnt sich ein Blick über die südliche Landesgrenze hinaus.

Österreich

In Österreich gilt die Psychotherapie als eigene Disziplin, ein Psychologiestudium ist nicht verpflichtend. Die Ausbildung besteht aus einem allgemeinen Propädeutikum und einer Spezialisierung im Fachspezifikum. Für das Propädeutikum gibt es keine Zulassungsbeschränkungen, um sich jedoch für das Fachspezifikum einschreiben zu können, muss man zunächst eine Aufnahmeprüfung absolvieren und einen Quellberuf erworben haben. Diesen weist man z.B. nach einem Studium der Psychologie, Pädagogik, Philosophie und Theologie vor. Eine vollständige Aufzählung aller Quellberufe findest du hier. Die Ausbildung zur Psychotherapeutin oder zum Psychotherapeuten kann man in Österreich entweder an einem anerkannten Institut  oder im Rahmen eines Studiums (Bachelor, Master) an einer Universität machen. 

universität wien psychotherapie

An der Universität Wien kann man beispielsweise im Master das Fachspezifikum für Individualpsychologie nach Alfred Adler machen.

Insgesamt gibt es in Österreich 23 verschiedene zugelassene Psychotherapierichtungen, die man auch mit der Kasse abrechnen kann. Die 23 Richtungen werden wiederum auf vier Therapieschulen aufgeteilt:

  • tiefenpsychologisch-psychodynamisch: Analytische Psychologie, Gruppenpsychoanalyse, Individualüsychologie, Psychoanalyse, Psychoanalytisch orientierte Psychotherapie, autogene Psychotherapie, Daseinsanalyse, dynamische Gruppenpsychotherapie, Hypnosepsychotherapie, katathym imaginative Psychotherapie, konzentrative Bewegungstherapie, transaktionsanalytische Psychotherapie
  • humanistisch: Existenzanalyse, Existenzanalyse und Logotherapie, Gestalttheoretische Psychotherapie, Integrative Gestalttherapie, integrative Therapie, klientenzentrierte Psychotherapie, personenzentrierte Psychotherapie, Psychodrama
  • systemisch: Neuro-Linguistisches Programmieren, systemische Familientherapie
  • lerntheoretisch: Verhaltenstherapie

Alle diese Richtungen können als Individual-, Paar-, Familien-, und Gruppentherapie, sowie als Kinder- und Jugendtherapie angeboten werden. Anders als in Deutschland wird einem in Österreich nicht der volle Betrag erstattet, sondern nur ein Teilbetrag, abhängig von der Versicherungskasse, der man angehört.

Bei der Fülle an verschiedenen Richtungen muss beachtet werden, dass sich auch Methoden finden, die keiner streng empirischen Prüfung standhalten würden. Einige Verfahren wurden bis vor Kurzem bzw. in anderen Ländern noch als Para- oder Pseudopsychologie bezeichnet.

Die Hypnotherapie ist in Österreich - anders als in Deutschland - als eigenständiges Psychotherapieverfahren zulässig. Hier müssen keine Restriktionen umgangen werden und kann von den Kassen genau so abgerechnet werden, wie jedes andere Psychotherapieverfahren in Österreich.

Schweiz

In der Schweiz werden ähnlich wie in Österreich über 20 verschiedene Verfahren zugelassen, die in einem bestimmten Anteil von der Kasse übernommen werden. Jedoch gehört das Feld der Psychotherapie größtenteils den Medizinern.

In der Schweiz ist die Hypnotherapie nicht mit der Kasse abrechnungsfähig. Ausbildungen zum Fachtherapeuten gibt es allerdings, die in Kombination mit anerkannten Verfahren von Vorteil sein können.

Weiterführende Informationen lassen sich auf der Website der Föderation der Psychologinnen und Psychologen finden.

Abgrenzungen im Berufsfeld

Das besondere am Berufsfeld der Psychotherapie ist, dass nicht nur Psychologen und Psychologinnen Zugang dazu haben, sondern auch Vertreter aus der Medizin und der Heilpraxis. Jedoch muss man sich nicht um einen Konkurrenzkampf sorgen, da sich die Zielgruppen unterscheiden.

Mediziner können als Psychiater auf ihren medizinischen Background zurückgreifen und medikamentös behandeln. Grundsätzlich unterscheidet sich eine psychotherapeutische Facharztausbildung nicht von einer rein psychotherapeutischen Ausbildung. Jedoch wird aufgrund der Kombination mit psychiatrischen Inhalten meist eng mit medikamentösen Therapien gearbeitet.

Heilpraktiker besitzen in der Regel keinen akademischen Hintergrund und sind neben anerkannten Therapieverfahren auch auf alternativtherapeutischen Verfahren spezialisiert. Heilpraktiker sind im deutschen Gesetz nicht streng reguliert, womit es nicht selten zu Fehlbehandlungen und Scharlatanerie kommt. Auf der positiven Seite steht allerdings eine enorme Berufsfreiheit.

Ihr habt nun umfangreiche Informationen zu den Zugangswegen zum Berufsfeld der Psychotherapie erhalten. Vielleicht sagt euch bereits die eine oder andere Richtung zu. Jedenfalls wünsche ich euch, für welchen Weg ihr euch entscheidet, alles Gute.

Quellen:

Autor: Beatrix Kunas

​Beatrix ​unterstützt seit ​September 2018 ​den Blog der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose. ​Sie beendet gerade ihr Masterstudium in klinischer Psychologie an der Universität Salzburg (Österreich) und an der Universität Basel (Schweiz). ​Ihr Engagement und ihre Interessensschwerpunkte liegen in neuen ​sowie aufstrebenden Psychotherapiemöglichkeiten. 

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