psychotherapeutische verfahren

Welche psychotherapeutische Verfahren gibt es im deutschsprachigen Raum?

Spielst du mit dem Gedanken, Psychotherapeutin oder Psychotherapeut zu werden und fehlt dir eine Übersicht über die unterschiedlichen psychotherapeutischen Verfahren? Wie du dich im Dschungel unterschiedlichster Therapierichtungen zurecht findest, erfährst du in diesem Artikel.

Neben deinen persönlichen Vorlieben und Wertehaltungen spielen auch praktische Bedingungen eine Rolle bei der Auswahl der Psychotherapieform. Diese unterscheiden sich für Deutschland, Österreich und die Schweiz. In diesem Artikel erfährst du auch mehr über die Unterschiede der Psychotherapie im deutschsprachigen Raum.

Disclaimer: Dieser Artikel ist von Menschen im Psychologiestudium bzw. der Psychotherapieausbildung für Menschen, die sich für die Psychotherapieausbildung interessieren, geschrieben und spiegelt nicht notwendigerweise die offizielle Haltung der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose wider. Anregung, Feedback und konstruktive Kritik bitte an die Autorin am Ende des Artikels.

Eine gelungene Ausbildung ist Voraussetzung für eine therapeutische Arbeit in Kliniken, sozialen Einrichtungen oder der eigenen Praxis. Bereits bei der Auswahl der Ausbildungsstelle sollte man mit einem Auge auf die verschiedenen Regelungen werfen, die später im Berufsleben gelten. Möchte man z.B. Gesprächstherapie anbieten und über die Krankenkasse abrechnen, so muss man sich mit den Bestimmungen der Nachbarländer auseinandersetzen, um diesen Wunsch möglich zu machen. Zudem muss jemand der in Österreich die Psychotherapie-Ausbildung durchlaufen hat in Deutschland gegebenenfalls erst noch Seminare und Praxisstunden nachholen, um als Psychotherapeut anerkannt zu werden (und umgekehrt).

Du bist kein Studierender und möchtest dich trotzdem über die Angebote und Unterschiede der Einrichtungen, auch über Ländergrenzen hinaus, informieren? Dann findest du hier bestimmt auch, was du suchst.

Einleitung Psychotherapie: Was ist das?

Du hast sicher bereits viel über Psychotherapie in deinem Studium gehört oder hast dich bereits aus Interesse ausgiebig damit beschäftigt. Die vielzitierte Definition von Strotzka (1982) gilt allgemein:

Psychotherapie sei ein bewusster, geplanter, interaktionaler Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsens für behandlungsbedürftig gehalten werden. Zum Einsatz kommen psychologische Mittel, die lehrbar sind und eine theoretische Basis besitzen, in Richtung eines gemeinsam definierten Ziels. Voraussetzung sei eine tragfähige emotionale Bindung.

Diese relativ allgemein gehaltene Definition lässt sich salopp auf folgendes runterbrechen; Eine Definition, die mir ein Kollege im Studium treffend gegeben hat:

Psychotherapie ist die professionalisierte Form eines Freundschaftsdienstes.

Das bedeutet, das auf wissenschaftlich gesicherter Basis, Menschen geholfen wird, indem man sich individuell auf sie konzentriert und effektiv auf für nachhaltiges Wohlbefinden sorgt.

Wenn dir diese Beschreibungen der Tätigkeit zusagt, ist die Psychotherapie genau das richtige Berufsfeld für dich!

Bei der Definition handelt es sich allerdings lediglich um eine grobe Vorstellung von der Tätigkeit, die sich in den verschiedensten Formen manifestieren kann. Das Spektrum möglicher Richtungen - von Tiefenpsychologie á la Freud bis hin zu exotischen Ausläufern wie dem Neurolinguistischen Programmieren -  greift die Grundideen jeweils spezifisch auf. Bevor eine Entscheidung getroffen werden kann, welcher Weg es sein soll, sollten die Richtungen genau betrachtet werden.

Wenn du bereits die Hypnotherapie als das Feld für dich entdeckt hast, schau doch hier vorbei: Was ist Hypnotherapie.

Die verschiedenen Psychotherapierichtungen (Deutschland)

In Deutschland sind gegenwärtig nur wenige verschiedene Richtungen anerkannt. Das bedeutet, folgende Richtungen können als wissenschaftlich gesichert angenommen und demnach auch mit der Kasse abgerechnet werden. Solltest du dich also für eine Ausbildung in Deutschland unterscheiden, so zieh in betracht, dich in eine der folgenden Richtungen ausbilden zu lassen, um später einen optimalen Berufseinstieg zu erfahren.

Von der Kasse in Deutschland anerkannte Psychotherapieformen:

Verhaltenstherapie

Psychodynamische Therapie

In den letzten Jahren aufkommend gelten folgende Richtungen. Sie sind mittlerweile weit verbreitet, jedoch noch nicht vollständig von der Kasse erstattungsfähig. Dennoch lohnt es sich, diese Richtungen auch einmal zu vergegenwärtigen, da die Forschung dort große Fortschritte macht, Initiativen zur Anerkennung mit großem Engagement laufen. Als Ergänzungsspezialisierung zu eine der anerkannten Richtungen finden sie derzeit großen Anklang.

Weitere integrative Psychotherapieformen in Deutschland:

Gesprächstherapie

Systemische Therapie

Wie Ihr seht, gibt es in Deutschland eine Reihe an Möglichkeiten, sich der Psychotherapie anzunähern. Mit der Option, Verfahren aus noch nicht anerkannten Richtungen (Gesprächs- und systemische Therapie) mit den anerkannten Richtungen (Verhaltens- und psychodynamische Therapie) zu verbinden, ergeben sich einige Kombinationsmöglichkeiten, bei denen für jeden etwas passendes dabei sein kann.

Und wo ist die Hypnotherapie in Deutschland zu finden?

Die Hypnotherapie gilt als wissenschaftlich anerkannte Methode. Das bedeutet, man kann sie im Rahmen einer verhaltenstherapeutischen Arbeit als Instrument einsetzen (zur Zeit kann man Hypnose - und damit auch Hypnotherapie - noch nicht mit TP oder PA kombiniert anwenden). Als eigenständiges Verfahren ist die Hypnotherapie nicht eingetragen. Durch ihre methodische Ausrichtung und relative Unabhängigkeit von Paradigmen ist diese Methode inhaltlich aber problemlos mit den zugelassenen Richtungen vereinbar (auch wenn sie in Deutschland zur Zeit noch nicht formal mit psychodynamischen Verfahren kombiniert werden darf) und kann für effektive Synergieeffekte sorgen.

Österreich und Schweiz

In Österreich und der Schweiz werden von Deutschland abweichende Richtungen angeboten und von der Kasse anerkannt. Sollte für dich in Deutschland die gewünschte Praxis nicht angeboten werden bzw. erscheint eine Ausbildung in diesen Richtungen nicht als zukunftsweisend für deinen Weg, so lohnt sich ein Blick über die südliche Landesgrenze hinaus.

Österreich

In Österreich gilt die Psychotherapie als eigene Disziplin, ein postsekundäres Psychologiestudium ist nicht obligatorisch. Das bedeutet, die Psychotherapieausbildung kann bereits parallel zum Studium an einem Ausbildungsinstitut gemeistert werden. Die Ausbildung besteht aus einem allgemeinen Propädeutikum und einer Spezialisierung im Fachspezifikum.

Insgesamt gibt es in Österreich 23 verschiedene zugelassene Psychotherapierichtungen. Anders als in Deutschland, umfassen die Richtungen in Österreich eher einzelne Verfahren und stellen nicht Grundparadigmen dar - daher auch die größere Anzahl. Folgende Richtungen sind in Österreich zugelassen und (teils) erstattungsfähig:

  • tiefenpsychologisch-psychodynamisch: Analytische Psychologie, Gruppenpsychoanalyse, Individualüsychologie, Psychoanalyse, Psychoanalytisch orientierte Psychotherapie, autogene Psychotherapie, Daseinsanalyse, dynamische Gruppenpsychotherapie, Hypnosepsychotherapie, katathym imaginative Psychotherapie, konzentrative Bewegungstherapie, transaktionsanalytische Psychotherapie
  • humanistisch: Existenzanalyse, Existenzanalyse und Logotherapie, Gestalttheoretische Psychotherapie, Integrative Gestalttherapie, integrative Therapie, klientenzentrierte Psychotherapie, personenzentrierte Psychotherapie, Psychodrama
  • systemisch: Neuro-Linguistisches Programmieren, systemische Familientherapie
  • lerntheoretisch: Verhaltenstherapie

Alle diese Richtungen können als Individual-, Paar-, Familien-, und Gruppentherapie, sowie als Kinder- und Jugendtherapie angeboten werden.

Bei der Fülle an verschiedenen Richtungen muss beachtet werden, dass sich auch Methoden finden, die keiner streng empirischen Prüfung standhalten würden. Einige Verfahren wurden bis vor Kurzem bzw. in anderen Ländern noch als Para- oder Pseudopsychologie bezeichnet.

Die Hypnotherapie ist in Österreich - anders als in Deutschland - als eigenständige Psychotherapierichtung zulässig. Hier müssen keine Restriktionen umgangen werden und kann von der Kassa genau so abgerechnet werden, wie jede andere Psychotherapierichtung in Österreich.

Schweiz

In der Schweiz werden ähnlich wie in Österreich über 20 verschiedene Verfahren zugelassen, die in einem bestimmten Anteil von der Kasse übernommen werden. Jedoch gehört das Feld der Psychotherapie größtenteils den Medizinern.

In der Schweiz ist die Hypnotherapie nicht mit der Kasse abrechnungsfähig. Ausbildungen zum Fachtherapeuten gibt es allerdings, die in Kombination mit anerkannten Verfahren von Vorteil sein können.

Weiterführende Informationen lassen sich auf der Website der Föderation der Psychologinnen und Psychologen finden.

Abgrenzungen im Berufsfeld

Das besondere am Berufsfeld der Psychotherapie ist, dass nicht nur Psychologen und Psychologinnen Zugang dazu haben, sondern auch Vertreter aus der Medizin und der Heilpraxis. Jedoch muss man sich nicht um einen Konkurrenzkampf sorgen, da sich die Zielgruppen unterscheiden.

Mediziner können als Psychiater auf ihren medizinischen Background zurückgreifen und medikamentös behandeln. Grundsätzlich unterscheidet sich eine psychotherapeutische Facharztausbildung nicht von einer rein psychotherapeutischen Ausbildung. Jedoch wird aufgrund der Kombination mit psychiatrischen Inhalten meist eng mit medikamentösen Therapien gearbeitet.

Heilpraktiker besitzen in der Regel keinen akademischen Hintergrund und sind neben anerkannten Therapieverfahren auch auf alternativtherapeutischen Verfahren spezialisiert. Heilpraktiker sind im deutschen Gesetz nicht streng reguliert, womit es nicht selten zu Fehlbehandlungen und Scharlatanerie kommt. Auf der positiven Seite steht allerdings eine enorme Berufsfreiheit.

Die Hypnose als Instrument kann bei allen genannten Arten von Therapeuten wiedergefunden werden. Vertreter aus der medizinischen Richtung praktizieren Hypnose im Rahmen einer psychotherapeutischen Weiterbildung, während Heilpraktiker das Feld relativ ungebunden ausgestalten können.

Ihr habt nun umfangreiche Informationen zu den Zugangswegen zum Berufsfeld der Psychotherapie erhalten. Vielleicht sagt euch bereits die eine oder andere Richtung zu. Für den Fall, dass ihr weitere Informationen zu der Ausbildungssituation in Deutschland benötigt, schaut auf der Website des Verbandes für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vorbei. Jedenfalls wünsche ich euch, für welchen Weg ihr euch entscheidet, alles Gute.

Autor: Beatrix Kunas

​Beatrix ​unterstützt seit ​September 2018 ​den Blog der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose. ​Sie beendet gerade ihr Masterstudium in klinischer Psychologie an der Universität Salzburg (Österreich) und an der Universität Basel (Schweiz). ​Ihr Engagement und ihre Interessensschwerpunkte liegen in neuen ​sowie aufstrebenden Psychotherapiemöglichkeiten.