Covid-19: Hysterie oder reales Risiko? Systemische und individuelle Perspektiven auf die Ausbreitung von Covid-19

Zurzeit überschlagen sich die Berichte über die Verbreitung und Gefahren des Virus Sars-Cov-2. Täglich werden in Europa neue Maßnahmen zur Eindämmung des Virus gesetzt. Bayern untersagt alle Veranstaltungen über 1000 Teilnehmer*innen. Davon betroffen ist auch die diesjährige MEG-Tagung

Was ist an der derzeitigen Berichterstattung Hysterie und worüber ist es aus einer hypnotherapeutischen Sicht sinnvoll zu berichten? Welche Denkweisen werden durch die Krise in Menschen ausgelöst und was hilft aus unserer Sicht im mentalen Umgang mit Covid-19? Diesen und anderen Fragen widmen wir uns in diesem Artikel.

Covid-19 und Medien: Reales Risiko oder Hysterie?

Es war unmöglich im letzten Monat im Internet zu surfen und dabei nicht auf Berichte über das Coronavirus zu stoßen. Zugegeben habe ich durch die vielen Medien-Hysterien der letzten Jahre die Berichte zunächst nicht wirklich ernst genommen. Aber das Thema hielt sich hartnäckig und breitet sich - ähnlich wie das Virus selbst - exponentiell in unseren Medien aus, darum habe ich mich hinter meinen Schreibtisch geklemmt und etwas recherchiert.

Zuerst die schlechten Nachrichten:

Covid-19 hat nach derzeitigen Schätzungen eine Reproduktionsrate von ca. 2,4 bis 3,3. Das heißt, in der Regel stecken sich für jede Person, die an Covid-19 erkranken, 3 weitere Personen an. Das ist dreimal mehr als z.B. bei der Schweinegrippe (H1N1), die ca. 10-20% der gesamten Erdbevölkerung infizierte. Zusätzlich scheinen an Covid-19 verhältnismäßig wesentlich mehr Menschen lebensgefährlich zu erkranken als bspw. an der saisonalen Grippe. Erste Schätzungen lagen da bei ca. 2-3% der Erkrankten. 

Aber - und jetzt können alle einmal tief durchatmen - scheinen die ersten Zahlen und Schätzungen wenig präzise. Der Großteil der Schätzungen stammt aus der Stadt Wuhan in Hubei, China - eine der am dichtesten besiedelten Orte auf der Welt. Auch Hygiene- und Sauberkeitsstandards unterscheiden sich zu denen in Europa. Außerdem wurde der Ausbruch des Coronavirus zunächst von der chinesischen Regierung vertuscht, was eine weitere Ausbreitung und höhere Sterberate begünstigte.

In Hubei leben über 50 Millionen Menschen, knapp 70.000 Menschen wurden bis heute in der Region Hubei positiv auf Covid-19 getestet. Wäre also Hubei ein Dorf mit 1000 Einwohner, dann wären daran bis heute nur 1,4 Personen erkrankt. 1,4 aus 1000 infizierte Menschen von Januar bis heute und das am Ort, wo das Virus unter günstigen Bedingungen ausbrach, klingt schon gar nicht mehr so beängstigend.

​​​​​​​​Zu alldem kommt, dass viele Fälle mit milden Symptomen gar nicht erfasst werden. Derzeitige Schätzungen des Robert-Koch-Instituts gehen davon aus, dass die Zahl der Erkrankten um den Faktor 4,5-11 unterschätzt wurde. Setzt man die Sterblichkeitsrate mit den korrigierten Zahlen der Erkrankten in Relation, so enden weniger als 1% aller Fälle tödlich. Das sind immer noch mehr als die saisonale Grippe, aber dennoch wesentlich weniger als die ersten Schätzungen vermuten ließen. 

Quarantänen, abgesagte Großveranstaltungen, Schulen und Universitäten, die geschlossen werden, säumen die Titel sämtlicher Zeitungen. Handelt es sich bei den Maßnahmen und der Berichterstattung um eine unnötige Hysterie?

Screenshot vom 11.3.2020 Die Zeit

 Als Hypnotherapeut*innen wissen wir, dass das, worauf wir uns konzentrieren, in unserem Erleben größer wird. In diesem Fall die Angst vor dem Virus. Und doch ist es gerade in diesem Fall sinnvoll sich in einem gesunden Ausmaß mit Covid-19 zu beschäftigen.

Aus einer individuellen Sicht ist das Virus für den Großteil der Bevölkerung nicht gefährlich. Für viele sind die Symptome sogar so mild, dass sie für das subjektive Empfinden kaum spürbar sind. Gehört man nicht einer Risikogruppe an, hat man kaum mit gesundheitlichen Folgen für sich zu rechnen.

Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass die Quarantänen NICHT dazu dienen, dass sich die Krankheit nicht ausbreitet. Vielmehr geht es darum die Geschwindigkeit der Ausbreitung einzudämmen. 

Ungefähr 15-20% der Menschen, die infiziert werden, müssen in die Klinik. Epidemiologen schätzen, dass im nächsten Jahr ca. 40-70% der Weltbevölkerung sich mit dem Virus identifizieren wird. Angenommen es handelt sich bei diesem Wert um eine Übertreibung und nehmen wir stattdessen eine etwas konservativere Schätzung von 30% an. Für Deutschland würde das bedeuten, dass knappe 25 Millionen Menschen am Virus erkranken und davon ca. 2.500.000 ein Krankenhaus benötigen werden. 

Jedoch sind nur ca. 500.000 Krankenhausbetten in ganz Deutschland verfügbar.

Während also aus einer individuellen Sicht die Quarantänen und Maßnahmen als Überreaktion angesehen werden können, sind sie aus einer systemischen Sicht höchst sinnvoll. Je mehr Menschen ohne Rücksicht ihrem alltäglichen Leben nach gehen, desto schneller wird sich dieses Ding verbreiten und desto mehr Spitäler werden überflutet und desto mehr Menschen sterben unnötigerweise.

Und das ist der erste Grund, warum es wichtig ist, sich mit der Situation zu beschäftigen: Die Konsequenzen einer schnellen Ausbreitung des Virus sind in aller Wahrscheinlichkeit für unsere Gesellschaft nicht zu unterschätzen. Darum ist es sinnvoll, jetzt wirksame Maßnahmen zu setzen, auch wenn sie im ersten Moment vielleicht etwas übertrieben wirken.

Ängste werden von Unklarheit angefacht

Viele Menschen reagieren auf die Bedrohung instinktiv mit eingeengtem Denken, einem Tunnelblick und erhöhter Wachsamkeit: Wir kennen diese Art zu reagieren als Kampf-, Flucht- oder Totstellen-Reaktion. Aus evolutionsbiologischen Gründen ist es sinnvoll so auf Bedrohungen zu reagieren. Doch was wir jetzt bei Covid-19 brauchen ist ein kühler Kopf und überlegtes Vorgehen. Und hier kommt ein weiterer Beitrag der transparenten Berichterstattung zur Geltung:

Alles, was in unserem subjektiven Erleben hilft, die Situation besser kontrollieren und vorhersagen zu können mindert unsere Angst. Wenn präzise und klare Informationen einfach zugänglich sind, begünstigen diese einen stressärmeren Umgang mit der Situation. Auch eine transparente Maßnahmen-Kommunikation seitens der Regierung hilft, sich als Max Mustermann und Ursula Musterfrau mehr in Kontrolle zu fühlen und die Risiken besser einschätzen zu können.

Wenn wir nicht einschätzen können, was auf uns zu kommt, tendiert unser Kopf die Risiken noch bedrohlicher zu machen als sie sind. Trauma entsteht dann, wenn wir ängstlich sind und das Gefühl haben in der Falle zu sitzen (Levine & Fredericke, 1997). Darum ist es wichtig, den Ängsten mit transparenten Informationen und Vorhersagen entgegenzuwirken. Und zudem Möglichkeiten aufzuzeigen, was jeder und jede gegen die Ausbreitung tun kann. Regelmäßiges Händewaschen ist übrigens eine der günstigsten Möglichkeiten, einen großen Unterschied zu machen.

In meiner Einschätzung werden viele unserer Medien dieser informativen, transparenten und klärenden Rolle gerecht. Natürlich muss jeder für sich entscheiden, welche Information einem gerade guttut und was nur unnötig Angstgefühle füttert.

Außerdem ist es wichtig, dem Geschehen eine gute Rahmung zu geben. Beispielsweise sterben in Deutschland mehr Menschen in Verkehrsunfällen, als aller Voraussicht nach in diesem Jahr an Covid-19 versterben werden. Das setzt die vage Bedrohung in einen vertrauten Bezugsrahmen.

Covid-19 und irrationales Denken

Covid-19 wird gern mit der saisonalen Grippe verglichen. Während dieser Vergleich uns einen Bezugsrahmen gibt und unsere Ängste abmildert, ist es wichtig, dass wir dabei nicht kognitiven Verzerrungen unterliegen.

Beispielsweise konzentrieren wir uns in Krisenfällen vor allem auf unmittelbare Effekte nicht aber auf Folgeeffekte, die dadurch mitausgelöst werden. Wenn mein Auto einen Totalschaden hat, dann ärgere ich mich zunächst über das kaputte Auto (unmittelbarer Effekt), nicht darüber, wie ich ab jetzt die Kinder vom Kindergarten abhole (1. Folgeeffekt) oder an die gesteigerte Versicherungsprämie, die sich durch den Unfall ab jetzt monatlich auf mein Budget auswirkt (2. Folgeeffekt).

Die meisten Analysen und Einschätzungen zu Covid-19 beschäftigten sich bisher mit unmittelbaren Effekten: Wasche die Hände, fass dir nicht ins Gesicht. Doch die Folgeeffekte könnten weit schwerere Folgen für unsere Gesellschaft haben. 

Die Wahrnehmung der Folgeeffekte ändert sich allerdings auch gerade in Deutschland und Österreich, da erste Maßnahmen mit weitreichenden Folgen von den Regierungen angekündigt werden. In Österreich schließen bspw. erste Schulen ab Montag. Alle Veranstaltungen über 100 Menschen in Innenräumen müssen zudem ab sofort abgesagt werden. Clubs, Theater, Museen, Veranstalter und andere werden durch diese Maßnahmen herbe wirtschaftliche Verluste verbuchen müssen. 

Interessant zu beobachten ist an diesem Punkt auch die unterschiedliche Herangehensweise verschiedener Länder. Während in Europa eine Wirtschaftskrise einer ausufernden Gesundheitssystemkrise vorgezogen wird, ist die USA trotz steigender Covid-19 Fallzahlen noch ein Stück davon entfernt ähnliche Maßnahmen zu setzen. (Wobei diese Entscheidung langfristig wahrscheinlich größere Kosten für Gesellschaft und Wirtschaft haben könnten als anders herum).

Entweder Panik oder Leugnung

Spannend am Diskurs über Covid-19 ist auch, dass Menschen entweder in Panik verfallen oder das reale Risiko komplett leugnen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie so oft in der Mitte. Individuell sind wir kaum Gefahr ausgesetzt, systemisch jedoch stellt Covid-19 ein ernstzunehmendes Risiko dar.

So jetzt habe ich genug von Krisen, Risiko und Krankheit. Ich gehe jetzt einen Tee trinken. Doch zuvor lass uns mit ein paar positive Perspektiven auf die derzeitige Lage abschließen:

Erstens ist es wichtig zu wissen, dass Epidemien wie Covid-19 in der menschlichen Geschichte die Norm sind. In den letzten Jahren wurden wir in diesem Bereich geschont.

Zweitens sind Wirtschaftskrisen notwendig, um den ganzen toten Ballast, der sich im System angesammelt hat, abzuwerfen. Das Wirtschaftssystem muss sich auch einmal zusammenziehen, um sich dann wieder ausdehnen zu können (das ist zumindest meine Laienmeinung). Außerdem ist Zerstörung auch immer ein günstiger Zeitpunkt, um etwas Neues zu schaffen: Vielleicht ein stabileres, nachhaltigeres, umweltfreundlicheres Wirtschaftssystem?

Drittens sind viele der Leser*innen hier in Selbsthypnose geschult. Solltest also du oder jemand anderes sich mit Covid-19 infizieren, was nach derzeitigen Schätzungen wahrscheinlich ist, ist es gut zu wissen, dass du Selbsthypnose nutzen kannst, um dein Immunsystem zu stärken. Mehr dazu kannst du z.B. hier oder im Buch Bewusstseinsmedizin: Psychogene Heilung durch Vorstellungskraft von Gary Bruno Schmid lesen.

Wenn wir durch Trauma und Schmerz gehen, ist das einerseits leidvoll und andererseits eine Möglichkeit Neues zu schaffen und sich neu zu erfinden. Sollte es also wirklich hart auf hart kommen, könnte dies der notwendige Auslöser sein, um umweltfreundlichere, nachhaltigere und stabilere Strukturen zu schaffen.

Pass also auf dich auf, wasch dir die Hände, fass dir nicht ins Gesicht, bleib in Kontakt mit Oma und Opa aber fürs Erste lieber nur übers Telefon. 

PS: Humor hilft auch: Nicht grüßen, keine sozialen Kontakte: Wien perfekt für Corona gerüstetDie Tagespresse oder Zahl der Corona-Experten in Deutschland sprunghaft angestiegen - Der Postillon

Autor: Raphael Kolic

Raphael bloggt seit Mitte 2018 für die Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose. Er macht gerade selbst die Ausbildung zum Psychotherapeuten. In Heidelberg, Wien und Hamburg hat er das Curriculum klinische Hypnose als Praktikant durchlaufen. Ein paar seiner vergangenen Projekte sind unter anderem der Blog no-right-no-wrong.com und sein Buch: Achtsame Selbsthypnose.

Quellen

Levine, P. A., & Frederick, A. (1997). Waking the tiger: Healing trauma: The innate capacity to transform overwhelming experiences. North Atlantic Books.

Schmid, G. B. (2013). Bewusstseinsmedizin: Psychogene Heilung durch Vorstellungskraft. In Suggestionen: Forum der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie eV–DGH Ausgabe (Vol. 2013, pp. 6-40).

Robert Koch Institut: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html Stand 11.3.2020

Covid-19 the basics you need to know, medium.com

Krankenhausbettenstatistik: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157049/umfrage/anzahl-krankenhausbetten-in-deutschland-seit-1998/

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