Wei Kai Hung: Ericksons Hypnotherapie, Taoismus und die Nutzung von Hindernissen
Wei Kai Hung ist in Taipeh geboren, lebt aktuell in New York und ist ausgebildeter Hypnotherapeut, Supervisor und Lehrender, der eng mit Dr. Jeffrey Zeig zusammenarbeitet. In seiner Praxis und Lehre verbindet er die Ericksonsche Hypnotherapie mit taoistisch inspirierten Haltungen, um therapeutische Herausforderungen nicht nur zu meistern, sondern als Ressourcen zu nutzen.
In dieser Episode des Hypnose Podcasts der Milton Erickson Gesellschaft erfährst du:
- Wie Wei Kai Hungs beruflicher Weg von Taipeh über New York zu internationaler Lehrtätigkeit führte – inklusive langjähriger Zusammenarbeit mit Jeffrey Zeig.
- Weshalb er die Prinzipien des Taoismus mit der Ericksonschen Hypnotherapie verknüpft und welche Perspektiven daraus für den therapeutischen Prozess entstehen.
- Welche Bedeutung „Utilisation“ in seinem Ansatz hat – nicht nur Widerstände zu umgehen, sondern sie bewusst zu nutzen, um Wandel und Ressourcenarbeit zu fördern.
- Vor welchen Herausforderungen und Chancen er stand, als er hypnotherapeutische Bücher ins Chinesische übersetzte.
- Wie sich Achtsamkeit, Körperarbeit und tägliche Praxis in den eigenen Berufsalltag integrieren lassen.
Freu dich auf einen tiefgründigen, kulturübergreifenden Dialog über Hypnose, Lebensweisheit und therapeutische Haltung.
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Transkript und deutsche Übersetzung
Disclaimer: Diese Übersetzung wurde mithilfe von KI erstellt und danach manuell geprüft und überarbeitet. Trotz sorgfältiger Prüfung könnten unter anderem z.B. Fachbegriffe nicht vollständig korrekt übersetzt sein. Gerne nehme ich in den Kommentaren Feedback und Hinweise entgegen, um die Übersetzung noch weiter zu verbessern:
Raphael Kolic: Alles klar. Herzlich willkommen im Podcast der Milton Erickson Gesellschaft, Wei Kai.
Wei Kai Hung: Vielen Dank. Es ist mir eine Ehre.
Raphael Kolic: Ja, es ist uns eine Ehre, dass du dir hier Zeit aus deinem vollen Terminkalender nimmst. Und ich würde gern mit einer grundlegenden Frage beginnen. Du bist Mental Health Counselor und Erickson’scher Therapeut. Was hat dich dazu gebracht, diesen beruflichen Weg einzuschlagen?
Wei Kai Hung: Okay. Ich habe an der Columbia University studiert, in einem Studiengang für Beratungspsychologie, und dort meinen Masterabschluss gemacht. Ich wollte eigentlich schon seit meiner Schulzeit Psychotherapeut werden.
Der Hintergrund ist, dass mein Vater gestorben ist, als ich elf Jahre alt war. Danach wurde meine Mutter depressiv. Es waren dann nur noch meine Mutter und ich, während ich aufgewachsen bin. Ich habe versucht, ihr mit ihrer Depression zu helfen, aber ich konnte das nicht. Und viele Jahre später wurde mir klar: Genau das ist eigentlich das, was ich machen möchte. Ich wollte Psychotherapeut werden, um Menschen helfen zu können.
Also habe ich an der Columbia University studiert und bin dann Psychotherapeut geworden. Ich habe etwa zehn Jahre in New York gearbeitet.
Raphael Kolic: Zehn Jahre.
Wei Kai Hung: Und zu dieser Zeit kannte ich den Erickson’schen Ansatz noch überhaupt nicht. Ich habe NLP gelernt, kognitive Verhaltenstherapie, viel Familientherapie im Bowen-Stil und auch traditionelle Hypnose.
Dann bin ich 2011 zurück nach Taipeh. Dort habe ich beschlossen, eine neue berufliche Phase zu beginnen. Und dort habe ich Jeff Zeig kennengelernt. Er hat in Taipeh eine Masterclass gegeben.
Die Geschichte ist folgende: Ich dachte damals, dass ich nach meiner Zeit in New York schon ziemlich viel weiß. Aber als ich Jeff bei seiner Arbeit gesehen habe, habe ich erlebt, wie er innerhalb einer einzigen Stunde therapeutisch unglaublich viel bewirken konnte. Das, was er in einer Stunde gemacht hat, hätte mich früher vielleicht ein ganzes Jahr gekostet. Ich war wirklich erstaunt über das, was er getan hat.
In einer Pause bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: „Jeff, das, was du machst, ist wirklich hervorragend. Ich möchte unbedingt von dir lernen. Ich habe vorher noch nie vom Erickson’schen Ansatz gehört, aber es klingt großartig. Wenn ich dir folgen möchte, um diesen Ansatz zu lernen, was sollte ich dann tun?“
Er trank gerade chinesischen Tee, nahm einen Schluck und sagte nur: „Der Tee wird kalt.“ Das war alles, was er gesagt hat. Und ich habe es verstanden. Ich dachte: Das ist der Mensch, dem ich für den Rest meines Lebens folgen möchte.
Er hat mir nicht gesagt: „Hier ist ein Programm in Phoenix, geh dort hin“, oder „Mach diese oder jene Ausbildung“. Er sagte einfach nur: „Der Tee wird kalt.“ Für mich war das wie ein Zen-Satz, fast wie ein Koan.
Ich habe verstanden: Im richtigen Moment gibt es die richtige Person und den richtigen Zugang. Und ich habe daraus die Botschaft mitgenommen, dass ich, wenn ich von ihm lernen möchte, einfach so viel wie möglich tun sollte, um meinen eigenen Lernweg zu finden und zu gehen.
Seitdem bin ich viel mit ihm gereist. Und ich sage ihm immer wieder: „Ich bin jetzt bei meiner zweiten Tasse Tee“ oder „bei meiner dritten Tasse Tee“. Bis heute lerne ich noch von Jeff.
Für mich ist der Erickson’sche Ansatz deshalb so faszinierend, weil er sich ständig weiterentwickelt. Wenn man zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie oder Familientherapie lernt, dauert es Jahre, bis man sagen kann: „Jetzt kann ich das gut.“ Beim Erickson’schen Ansatz ist es anders. Man folgt einer Lehrperson, einem Mentor, lernt bestimmte Dinge, und einige Jahre später entwickeln sich diese Lehrpersonen weiter, werden noch besser, noch feiner in ihrer therapeutischen Arbeit, und man versucht immer wieder, Schritt zu halten.
Es gibt immer etwas Neues zu lernen. Ich lerne von Jeff, ich lerne von Steve, und ich habe das Gefühl: Das ist genau das, was ich lernen möchte. Es ist, als würden sie selbst immer weiter von Milton Erickson lernen. Es gibt immer neue Möglichkeiten.
Für mich ist es faszinierend, dass wir mit dem Unbewussten arbeiten und dort alle Ressourcen vorhanden sind, wie Erickson sagte: unendliche Möglichkeiten. Man wird nie müde, diesen Ansatz zu lernen.
Raphael Kolic: Ja, das ist sehr interessant, weil es weniger um etwas geht, das man einmal lernt und dann beherrscht, sondern eher um eine Art Kunstform, die man immer weiter entwickelt. Vielleicht kann man es so ausdrücken: Es ist eine Kunstform, und man wird immer besser darin. Zum Beispiel Utilisation. Man kann Utilisation überall anwenden. Und mit der Zeit merkt man immer mehr: „Ah, hier kann ich es einsetzen, dort auch.“
Wei Kai Hung: Genau. Erickson hat gesagt, dass wir alles nutzen sollten, was Patient:innen oder Klient:innen in den Raum mitbringen, egal ob es positiv oder negativ ist. Das passt sehr gut zur taoistischen Haltung. Wir nehmen sowohl das Positive als auch das Negative und halten beides, nicht um das Problem zu eliminieren, sondern um etwas Neues daraus zu transformieren.
Wenn ich eine Sitzung mache, ist es für mich oft wie ein Spiel. Ich spiele gemeinsam mit der Klient:in. Wir können beide dieses Spiel genießen. Das Ziel dieses Spiels ist es, die Ressourcen zu finden, die bereits im Inneren der Klient:innen vorhanden sind. Es geht nicht darum, dass ich ihnen Ressourcen gebe. Ihr Unbewusstes hat diese Ressourcen bereits. Wir müssen sie nur entdecken, wie einen Schatz im Unbewussten. Deshalb macht mir therapeutische Arbeit so viel Freude.
Raphael Kolic: Und das ist auch gut für unsere eigene Psychohygiene, oder?
Wei Kai Hung: Ja, genau. Es ist wirklich eine Kunstform der Psychotherapie. Im Erickson’schen Ansatz schätzen wir Utilisation und Individualisierung. Wir richten uns immer an den individuellen Bedürfnissen und am individuellen Stil der Klient:innen aus und nutzen alles, was sie oder auch wir selbst in den Prozess einbringen. Es ist eine wechselseitige Interaktion.
Raphael Kolic: Gestern waren wir auf der MEG-Tagung hier in Kassel. Du hast dort einen Vortrag gehalten. Der Titel war: „Integrating the Ericksonian Approach and Taoism to Transform Obstacles into Resources“. Welche zentralen Prinzipien überschneiden sich aus deiner Sicht zwischen Hypnotherapie, dem Erickson’schen Ansatz und dem Taoismus?
Wei Kai Hung: Das ist eine sehr gute Frage. Das erste große Prinzip ist Utilisation. Und ein weiteres zentrales Konzept ist das Sein statt das Tun. Wenn wir sehen, dass Patient:innen ein Problem haben, dann versuchen wir nicht sofort, etwas zu machen, sondern wir sind erst einmal einfach da, in unserer Haltung.
Die Patient:innen nehmen diese Haltung wahr. Sie bekommen ein Modell, ein Vorbild. Sie sehen: „Ah, die Therapeut:in ist so und so im Sein.“ Das erinnert sehr an Erickson. Wenn man sich Erickson in seinen späteren Lebensjahren anschaut, dann hat er nicht mehr Konzepte oder Techniken unterrichtet und auch keine festen Methoden vermittelt. Er hat Trancen angeleitet, Geschichten erzählt oder Gruppentrancen gemacht, und es hat einfach gewirkt.
Wie das wirkte, war schwer in Worte zu fassen. Es war wie eine Art Energie, die von ihm auf die Lernenden überging. Das ist sehr ähnlich zum chinesischen Taoismus. Dort geht es darum, Yin und Yang zusammenzubringen und alles zu nutzen, was auftaucht. Daraus können sehr viele unterschiedliche Veränderungen und Möglichkeiten entstehen. Man hält Yin und Yang gleichzeitig und lässt die Entwicklung ihren eigenen Weg gehen.
Der Erickson’sche Ansatz geht deshalb nicht um Kontrolle. Es geht darum, mit dem Fluss zu gehen, so wie Wasser. Das Bild ist: Wenn Wasser auf ein Hindernis trifft, etwa auf einen Stein, bleibt es nicht stehen. Es fließt darum herum und bewegt sich weiter. Genauso arbeiten wir therapeutisch. Wir wissen, dass es ein Hindernis gibt und dass Klient:innen daran feststecken. Aber wir bleiben in Bewegung, gehen weiter in die gewünschte Richtung und erreichen irgendwann das Ziel.
Raphael Kolic: Ein zentraler Punkt ist also Utilisation in der Hypnotherapie. Wenn zum Beispiel eine Klient:in in Widerstand geht, also sich dem Prozess widersetzt, dann ist das kein Problem, sondern etwas, das wir wertschätzen und nutzen. Im Taoismus ist es ähnlich. Man akzeptiert das Hindernis und fließt darum herum.
Wei Kai Hung: Genau, du meinst Widerstand. Widerstand ist im Erickson’schen Ansatz etwas, das wir lieben. Herausfordernde, widerständige Klient:innen, die viele Fragen stellen oder sich nicht sofort einlassen können, bringen sehr viel Material mit. Erickson mochte diese Herausforderung, weil Widerstand immer etwas ist, mit dem man arbeiten kann. Utilisation entsteht oft genau rund um den Widerstand.
Im Taoismus ist es ähnlich. Wenn du Tai Chi kennst: Wenn jemand dich angreift, blockierst du nicht die Energie, sondern leitest sie um. Du nutzt die Energie der anderen Person. Genauso ist es in der Therapie. Selbst Kritik oder Angriff können genutzt und in etwas Positives verwandelt werden.
Wir nennen das manchmal Transformation, aber eigentlich geht es darum, das zu nutzen, was das Unbewusste der Klient:innen zeigt. Natürlich braucht das viel Übung.
Ich erinnere mich an eine Situation, als ich noch relativ neu im Erickson’schen Ansatz war. Ich fragte Stephen Gilligan, meinen Mentor, wie man etwas Negatives in etwas Positives verwandelt. Er hielt einfach seine Hand hoch, als würde er ein Hindernis darin halten, drehte sie um und sagte: „Schau es von der anderen Seite an.“ Das hat mich erst irritiert, weil wir so gewohnt sind, Probleme immer nur als Probleme zu sehen.
Als Therapeut:innen und auch als Klient:innen schauen wir oft nur auf das Negative. Wir denken: „Da ist ein Problem, das muss gelöst werden.“ Aber wir schauen selten aus einer anderen Perspektive darauf. Diese Perspektive kann neutral oder sogar positiv sein. Seitdem versuche ich, Hindernisse aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und kreativere Wege zu finden, damit umzugehen. Das kann sanft sein, spielerisch, manchmal auch kraftvoll. Alles gehört zum Hindernis dazu.
Ich denke, Taoismus und der Erickson’sche Ansatz sind sich darin sehr ähnlich. Wir versuchen nicht, Probleme zu eliminieren oder zu reduzieren, sondern wir unterstützen Menschen darin, vollständiger zu werden. Menschen haben positive und negative Anteile, viele verschiedene Facetten und Rollen. All das gehört zu ihnen.
Gestern in meinem Vortrag hat mich jemand gefragt, wie wir mit der vielen Negativität in der Welt umgehen können, mit Aggression und Gewalt. Ich habe zunächst gesagt, dass wir beides halten und auch loslassen müssen. Manchmal halten wir das Gute fest, manchmal lassen wir es los. Das Böse ist stark, aber das Gute ist auch stark.
Später habe ich darüber nachgedacht und mir ist eine indigene Geschichte eingefallen: Ein älterer Mensch erzählt Kindern von zwei Wölfen, einem weißen und einem schwarzen Wolf. Der weiße Wolf steht für das Gute, der schwarze für das Schlechte. Beide existieren. Die Frage ist: Welcher Wolf wird stärker? Die Antwort lautet: Der Wolf, den du fütterst.
Wenn du dich auf das Gute konzentrierst, wird das Gute stärker. Wenn du dich auf das Negative konzentrierst, wird das Negative stärker. Wir können also wählen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Das ist auch etwas, das Erickson uns gezeigt hat. Er hatte Polio, war teilweise gelähmt und saß im Rollstuhl. Das war der negative Teil seiner körperlichen Situation. Aber er hat sich entschieden, den Fokus auf seine Ressourcen zu legen. Dadurch wurden diese stärker.
Raphael Kolic: Würdest du sagen, dass das auch auf gesellschaftlicher oder politischer Ebene gilt? Oder eher auf der individuellen Ebene?
Wei Kai Hung: Beides. Viele Menschen machen sich Sorgen darüber, was in der Welt passiert. Aber gleichzeitig gilt das auch auf individueller Ebene. Nachrichten sind oft sehr negativ. Wir können bewusst entscheiden, wie viel davon wir aufnehmen. Wir können uns auch auf positive Dinge konzentrieren, zum Beispiel auf Sportereignisse, die uns Freude machen.
Im eigenen Leben erleben wir immer Gutes und Schwieriges. Es geht nicht darum, nur positiv zu denken, denn das wäre nicht realistisch. Wichtig ist Balance. Viele Patient:innen neigen dazu, nur das Negative zu sehen und glauben, sie hätten keine Ressourcen. Dabei haben sie in ihrem Leben schon vieles gemeistert, auch wenn sie sich dessen nicht mehr bewusst sind. Unsere Aufgabe ist es, ihnen diese Ressourcen wieder zugänglich zu machen.
Erickson hat oft frühe Lernerfahrungen genutzt. Zum Beispiel: Als man gelernt hat zu schreiben oder zu gehen, war das sehr schwierig. Später übernimmt das Unbewusste diese Fähigkeiten ganz selbstverständlich.
Wenn Menschen nur auf ihre traumatische Vergangenheit schauen, fällt es ihnen schwer, in die Zukunft zu gehen. Wir müssen sowohl die Vergangenheit würdigen als auch Zukunftsperspektiven entwickeln.
Heute leben wir in einer sehr schnellen Welt mit Technologie und KI. Wir wollen ein besseres Leben, tragen aber auch viel Vergangenheit mit uns. Menschsein bedeutet, all das zu integrieren, im Hier und Jetzt zu leben und gleichzeitig Zukunft zu gestalten.
Wei Kai Hung: Ich denke, der Schlüssel für ein glückliches Leben liegt darin, mit dem Fluss zu gehen, Moment für Moment. Manchmal passieren gute Dinge, manchmal schwierige. Beides existiert gleichzeitig auf individueller Ebene.
Raphael Kolic: Wie unterscheidest du persönlich zwischen einer Haltung von Positivität oder Optimismus und dem taoistischen Prinzip von Utilisation und Mit-dem-Fluss-Gehen? Das eine kann ja leicht zu einem „Immer positiv denken“ werden, während das andere eher Akzeptanz bedeutet, auch von Leid.
Wei Kai Hung: Für mich ist das zentrale Wort Balance. Wenn man sich das Tai-Chi-Symbol anschaut, dann sieht man nicht einfach eine Hälfte schwarz und eine Hälfte weiß, sondern in jeder Seite gibt es einen Punkt der jeweils anderen Farbe. Im Positiven gibt es etwas Negatives und im Negativen etwas Positives. Ziel ist es, diese Balance zu halten.
Manche Ansätze der Positiven Psychologie fokussieren sehr stark auf das Positive und versuchen, das Negative zu vermeiden. Das halte ich für problematisch, weil man das Negative nicht ignorieren kann. Es geht darum, beides anzuerkennen. Wenn man versucht, das Glück zu kontrollieren und festzuhalten, verliert man letztlich die Kontrolle, weil das Dunkle früher oder später wieder auftaucht. Wenn man sich zu sehr auf das Dunkle fokussiert, verliert man ebenfalls die Balance, weil man das Licht nicht mehr sieht.
Ich vergleiche das manchmal mit Star Wars: Es gibt eine dunkle Seite und eine helle Seite der Macht. Beide sind stark. Das Ziel ist nicht, eine Seite auszurotten, sondern die Balance wiederzufinden. Wichtig ist Geduld. Wenn man versucht, Dinge zu erzwingen, funktioniert es oft nicht. Veränderung braucht Zeit.
Ich habe ein einfaches Modell: Es gibt Sicherheit, Gefahr und dazwischen das Abenteuer. Wenn wir in Sicherheit sind, haben wir das Gefühl von Kontrolle. Aber das Leben besteht nicht nur aus Sicherheit. Wenn wir zum Beispiel eine Ausbildung abschließen, einen neuen Job beginnen oder eine Trennung erleben, geraten wir in eine Phase der Unsicherheit oder Krise. Menschen kommen oft in Therapie, wenn sie sich in einer solchen Phase befinden.
Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, wieder einen inneren sicheren Ort zu finden, damit sie von dort aus wieder ins Abenteuer des Lebens gehen können. In meinem Vortrag habe ich ein Zitat von Erickson erwähnt: Das Leben ist nichts, worauf man sofort eine Antwort finden muss. Man darf den Prozess des Werdens genießen, so wie man Samen pflanzt und nicht weiß, welche Blume daraus entstehen wird.
Das bedeutet, wir müssen unserem Unbewussten vertrauen und Geduld haben. In Krisen verlieren Menschen oft das Vertrauen, in sich selbst und in andere. Vertrauen ist deshalb zentral.
Raphael Kolic: Ja, gerade in unserer heutigen Welt wollen viele Menschen schnelle Antworten und sofortige Lösungen.
Wei Kai Hung: Genau. Heute wollen wir alles sofort: Informationen, Ergebnisse, Sicherheit. Im Taoismus hingegen wird Verlangsamung geschätzt. Wenn man langsamer wird, kann man sich wieder mit sich selbst und mit der Natur verbinden. Wenn man immer nur schnell unterwegs ist, kann man die Landschaft nicht genießen.
Deshalb geht es darum, eine Balance zu finden zwischen Geschwindigkeit und Langsamkeit.
Raphael Kolic: Wenn du magst: Welche persönlichen Krisen hast du erlebt und wie haben dir der Erickson’sche Ansatz und der Taoismus geholfen?
Wei Kai Hung: Vor einigen Jahren hatte ich eine große Krise. Während der Corona-Zeit habe ich meine Arbeit verloren und hatte kaum Geld. Ich wusste nicht, wie meine Zukunft aussehen würde und wurde depressiv.
Ich erinnerte mich an Erickson, der mit Polio schwer beeinträchtigt war und trotzdem seinen Weg gefunden hat. Und ich erinnerte mich an das taoistische Bild von Wasser: Wasser fließt immer nach unten, es konkurriert nicht und findet seinen Weg auch durch schwierige Bedingungen.
Im Taoismus gibt es ein Sprichwort: Wer nicht mit anderen konkurriert, wird nicht angegriffen. In meiner Krise habe ich mich bewusst „unten“ gehalten, mir erlaubt zu weinen, langsam zu sein und meinem Unbewussten zu vertrauen. Einige Monate später begannen sich Dinge zu verändern. Mein beruflicher Weg entwickelte sich neu und erfolgreicher als zuvor.
Im Chinesischen gibt es das Wort „Krise“, das aus zwei Zeichen besteht: Gefahr und Chance. Beides gehört zusammen. Ich habe gelernt, Krisen anzunehmen und dem Prozess zu vertrauen.
Heute nutze ich diese Erfahrung auch in meiner therapeutischen Arbeit. Ich helfe Klient:innen, innere sichere Orte zu finden, damit sie wieder mutig ins Leben gehen können.
Raphael Kolic: Das bedeutet also, nicht gegen die Krise zu kämpfen, sondern sie anzunehmen und dem Unbewussten zu vertrauen.
Wei Kai Hung: Ja. Das bewusste Denken will oft schnelle Antworten und Kontrolle. Das Unbewusste hingegen braucht Zeit. Wenn man beginnt, dem Unbewussten zu vertrauen und auf die leise innere Stimme zu hören, entstehen oft gute Lösungen.
Jeff spricht manchmal davon, auf seine „Baby-Gedanken“ zu hören, also auf diese ganz leisen Impulse. Wir haben viele Stimmen in uns: die der Eltern, der Gesellschaft, der eigenen Erwartungen. Die leise innere Stimme wird oft überhört, ist aber sehr wertvoll.
Raphael Kolic: Hast du ein Beispiel dafür?
Wei Kai Hung: Ja. Einmal hatte ich mit Jeff eine sehr intensive Sitzung. Danach bat er mich, mich umzudrehen und spontan den ersten Buchtitel zu nennen, den ich sehe. Ich dachte kurz, hoffentlich ist es kein depressiver Titel, aber ich vertraute dem Prozess. Ich sah den Titel „Poetic Medicine“. Das passte perfekt zur Sitzung. Das war ein schönes Beispiel für Vertrauen in das Unbewusste.
Ein anderes Beispiel: In einer Masterclass hatte ich das Ziel, innerhalb eines Jahres fünf Workshops zu geben, obwohl ich damals noch angestellt war und keine Erfahrung mit Organisation hatte. In einer Trancearbeit erschien Feuerwerk und Feuer als Symbol. Einige Monate später kündigte ich meinen Job, lernte neue Menschen kennen und am Ende des Jahres hatte ich tatsächlich fünf Workshops durchgeführt. Mein bewusster Verstand hätte diesen Weg nie planen können, aber mein Unbewusstes hat Lösungen gefunden.
Raphael Kolic: Hast du Empfehlungen, wie wir Therapeut:innen deine Ideen in unsere tägliche Praxis integrieren können?
Wei Kai Hung: Ich denke, Achtsamkeit und Meditation sind sehr hilfreich. Ebenso das Konzept der Zentrierung. Für mich persönlich ist Tai Chi sehr wichtig. Die langsamen Bewegungen helfen mir, mich zu sammeln und mich innerlich auf Herausforderungen einzustellen.
Als ich gestern meinen Vortrag gehalten habe, habe ich das Publikum eingeladen, gemeinsam mit mir Tai Chi zu machen. Das hatte zwei Funktionen: Zum einen konnten die Teilnehmer:innen diese Erfahrung selbst machen. Zum anderen hat es mir geholfen, meine eigene Nervosität zu regulieren. Wenn ich ruhig bin, kann auch das Publikum ruhiger werden. Dann entsteht eine gemeinsame gute Atmosphäre.
Ich empfehle allen, kleine tägliche Rituale zu finden. Das kann Musik hören sein, Kochen, Spazierengehen, Joggen, Zeit im Wald. Wichtig ist, dass es regelmäßig passiert und nicht leistungsorientiert ist. Es geht nicht darum, etwas zu erreichen, sondern darum, präsent zu sein.
Ich hatte zum Beispiel früher Angst vor Wasser. Jeff hat mir in einer Sitzung geholfen, diese Angst zu lösen. Danach habe ich Schwimmen gelernt und genieße es heute sehr. Beim Schwimmen komme ich in einen Zustand, in dem der Kopf ruhig wird und der Körper den Rhythmus übernimmt. Schon zwanzig oder dreißig Minuten können sehr regenerierend sein.
Manchmal springe ich auch Seil oder gehe laufen. Wichtig ist, in eine Synchronisation mit sich selbst zu kommen. Im Taoismus nennen wir das „Nicht-Handeln“ im Sinne von mühelosem Sein. Man tut etwas, weil man es genießt, nicht aus einem Zweck heraus.
Erickson sagte einmal sinngemäß: Das Leben ist dazu da, genossen zu werden. Und das ist besonders kraftvoll, wenn man bedenkt, wie viel körperliches Leid er erlebt hat.
Raphael Kolic: Du hast auch viele Bücher ins Chinesische übersetzt, unter anderem Werke von Jeffrey Zeig und Stephen Gilligan. Wie gut lässt sich der Erickson’sche Ansatz deiner Erfahrung nach in die chinesische Sprache und Kultur übertragen?
Wei Kai Hung: Das ist eine sehr gute Frage. Chinesisch und Englisch oder Deutsch sind sprachlich und kulturell sehr unterschiedlich. Wenn man Bücher übersetzt, reicht es nicht, Wort für Wort zu übersetzen. Man muss den Sinn und die Erfahrung transportieren.
Ich habe viele Workshops besucht, um den Kern des Erickson’schen Ansatzes wirklich zu verstehen. Erst dann konnte ich beginnen, diese Inhalte so zu formulieren, dass sie für chinesische Leser:innen verständlich und erlebbar werden.
Utilisation zum Beispiel lässt sich nicht einfach direkt übersetzen. Wir haben nach Begriffen gesucht, die im Taoismus verankert sind und eine ähnliche Bedeutung tragen. Es geht immer darum, Bedeutung zu vermitteln, nicht nur Wörter.
Auch im Taoismus sind Texte oft präzise und gleichzeitig offen formuliert. Das berühmte Daodejing besteht aus relativ wenigen Worten, wird aber seit Jahrtausenden immer wieder neu interpretiert. Das ist sehr ähnlich zum Erickson’schen Ansatz: Eine Geschichte kann für jede Person etwas anderes bedeuten.
Beim Übersetzen lasse ich manchmal bewusst einen Abschnitt liegen, wenn ich noch keine passende Formulierung finde. Nach einigen Tagen taucht dann oft wie von selbst eine Lösung auf. Auch hier vertraue ich dem Unbewussten.
Raphael Kolic: Das heißt, Übersetzen ist für dich auch ein Lernprozess und eine Vertiefung deiner eigenen therapeutischen Haltung.
Wei Kai Hung: Absolut. Übersetzen zwingt mich, sehr genau zu verstehen, was eigentlich gemeint ist. Es ist nicht nur sprachliche Arbeit, sondern auch persönliche Entwicklung.
Raphael Kolic: Gibt es eine Frage, die ich dir nicht gestellt habe, die du aber gerne beantworten würdest?
Wei Kai Hung: Ich glaube, jede Antwort ist immer vom Moment abhängig. Wenn du mir dieselbe Frage zu einem anderen Zeitpunkt stellen würdest, würde ich vermutlich anders antworten. Man steigt nie zweimal in denselben Fluss. Das entspricht der Haltung der Offenheit und der unendlichen Möglichkeiten im Erickson’schen Ansatz.
Raphael Kolic: Das passt sehr gut zu der Idee, dass man nie „fertig“ ist, sondern immer weiter lernt.
Wei Kai Hung: Ja. Auch ich bleibe manchmal stecken, aber ich versuche, nicht zu lange in diesem Zustand zu bleiben. Das Thema Resilienz auf dieser Tagung finde ich deshalb sehr passend. Resilienz bedeutet, wie schnell man nach einem Sturz wieder aufsteht. Manchmal darf man auch eine Zeit im Tal bleiben, bevor man wieder aufsteigt.
Raphael Kolic: Lieber Wei Kai, vielen Dank für dieses inspirierende Gespräch.
Wei Kai Hung: Vielen Dank.Ressourcen und Links
- Hung, W. K. (2025). Integrating the Ericksonian Approach and Taoism to Transform Obstacles into Resources.
Vortrag auf der Jahrestagung der Milton Erickson Gesellschaft in Kassel. - Jeffrey K. Zeig
Gründer der Milton Erickson Foundation, Leiter der internationalen Master-Class-Trainings und zentraler Mentor von Wei Kai Hung. - Zeig, J. K. The Induction of Hypnosis.
Fachbuch zur Hypnoseinduktion, von Wei Kai Hung ins Chinesische übersetzt. - Zeig, J. K. The Anatomy of Experiential Impact through Ericksonian Psychotherapy.
Zentrales Werk zur Wirkweise erlebnisorientierter Hypnotherapie, im Gespräch mehrfach indirekt referenziert. - Zeig, J. K. The Habit of a Happy Life.
Buch über psychotherapeutische Haltungen und Ressourcenentwicklung, von Wei Kai Hung übersetzt. - Zeig, J. K. Psychoaerobics.
Werk zur Aktivierung innerer Ressourcen und Veränderungsprozesse. - Gilligan, S. Generative Trance.
Buch zur Generativen Trance, von Wei Kai Hung ins Chinesische übersetzt. - Gilligan, S. The Hero’s Journey.
Buch zur therapeutischen Arbeit mit Entwicklungsprozessen und inneren Übergängen. - Gilligan, S. Trance Camp
Internationales Trainingsformat, in dem Wei Kai Hung als Supervisor tätig ist. - Ericksonian Therapy Now: The Master Class with Jeffrey K. Zeig, PhD.
Sammelband mit aktuellen Beiträgen zur Erickson’schen Therapie, inklusive eines Kapitels von Wei Kai Hung. - Dokumentarfilm: Jeffrey Zeig’s Influence to Taiwan Psychotherapy
Filmprojekt von Wei Kai Hung über den Einfluss der Erickson’schen Hypnotherapie in Taiwan. - Daodejing von Laozi
Zentrales taoistisches Werk, mehrfach als philosophische Referenz für Offenheit, Prozessdenken und Nicht-Kontrolle angesprochen. - I Ging. Das Buch der Wandlungen
Klassischer chinesischer Text, indirekt erwähnt im Kontext taoistischer Denkmodelle und zyklischer Veränderung.