Imagination „Körper“: Wie wir uns unseren Körper vorstellen und wie sich das in der Therapie verwenden lässt

Auf der diesjährigen Super Bowl in Miami, Florida, wurden zwei besonders erheiternde Werbeclips ausgestrahlt. Sie waren nicht nur witzig und kreativ – sie hatten meiner Meinung nach auch eine Menge mit Psychotherapie zu tun. Was und wie man Metaphern und Darstellungen wie in diesem Video für die Psychotherapie nutzen kann, diskutiere ich in diesem Blogartikel.

Doch bevor wir einsteigen, sieh dir die Clips einmal an, falls du sie nicht schon kennst:

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Die metaphorische Vermenschlichung der verschiedenen Organe und körperlichen Prozesse erinnerte mich an Methoden aus der Psychotherapie und an eine Sendung aus meiner Kindheit. Kannst du erraten welche ich meine?

Ich möchte dir in diesem Artikel die fantasievollen „Einblicke“ in unseren Körper aus Medien und Therapie präsentieren und dich inspirieren, deinen Körper mit anderen Augen zu sehen.

Unser Körper in einer bekannten Zeichentrickserie von 1986


Vielleicht ging es dir gerade wie mir und auch du musstest auch unwillkürlich an die Zeichentrickserie von 1986 „Es war einmal ... das Leben“ denken? Wenn nicht, dann bist du entweder zu jung, zu alt oder hast etwas verpasst! 🙂 Du kannst dir diese Sendung übrigens aktuell auf Netflix anschauen – ist gegebenenfalls eine nette, nostalgische Zeitreise oder einfach ein erheiternder Zeitvertreib. Oder hier eine Folge auf YouTube:

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In „Es war einmal … das Leben“ werden Kindern und Jugendlichen körperliche Prozesse erklärt, indem sie vermenschlicht illustriert werden. So werden zum Beispiel unsere roten Blutkörperchen als kleine Männlein (mit Ausnahme eines Blutkörperchen-Mädchens), die Sauerstoff- bzw. Kohlenmonoxid-Bläschen huckepack tragen, gezeichnet; weiße Blutkörperchen sind die Polizisten, die für die Immunabwehr gerne mal ihr Leben opfern, indem sie den Eindringling (beispielsweise einen Keim) verschlucken und somit die roten Blutkörperchen wieder ihre Reiseroute durch den Körper aufnehmen können.

Es gibt auch Schaltzentralen und Kontrollräume mit alten weisen Männlein, die Prozesse überwachen und regulative Entscheidungen treffen. Natürlich haben sie viele kleine Helferlein an ihrer Seite, die emsig an den Kontrollpulten werkeln, Knöpfe drücken, Informationen analysieren u.s.w. Die Informationen bekommen sie von kleinen Kuriermännchen (den Nervenzellen und Neuronen), die durch den gesamten Körper mit einer kleinen Papierrolle rasen.

Die Körpermetapher aus anderen Blickwinkeln


Es gibt einige Parallelen zwischen der Werbung und der Zeichentrickserie in der Art wie sie unser körperliches Innenleben darstellen. Was ist das Interessante an diesen Parallelen?

Zum einen ist es spannend, sich kurz (und ganz grob) anzuschauen, wie der Körper als Metapher herangezogen wurde. Von Titus Livius, einem römischen Geschichtsschreiber, der vor etwa 2000 Jahren gelebt hat, ist die Parabel vom Streit der Glieder mit dem Magen überliefert. Sie handelt von einem römischen Politiker und Konsul, der einen groß angelegten Streik der Plebejer gegen die Patrizier (angeblich) dadurch beilegte, indem er ihnen folgende Geschichte erzählte:

Die Glieder beschlossen zu streiken, weil sie nicht damit einverstanden waren, so viel zu arbeiten, während sich der Magen faul bedienen ließe. Als sie merkten, dass ein leerer Magen den gesamten Körper mitsamt seiner Glieder schwächte, erkannten sie die wichtige Funktion des Magens und nahmen ihre Arbeit wieder auf.

Livius zufolge hätten die Plebejer nach der Geschichte eingesehen, dass das römische Reich einem Körper gleiche, in dem Plebejer und Patrizier aufeinander angewiesen seien und keine der Parteien den Reichs-“Körper“ verlassen könne. Eine wirksame Metapher, die dazu führte, dass auch spätere Staatsführer diesen Vergleich nutzten, um Proteste zu verhindern oder zu beschwichtigen.

Metaphern und Bilder über den menschlichen Körper


So wie der Staat oder eine andere Organisation als Körper „begriffen“ wurde, so kann man die Metapher auch umdrehen: Der Körper als Staat oder Gesellschaft. Im Sinne dieser Metapher haben wir die Analogie der körpereigenen Polizisten (weiße Blutkörperchen), des Putztrupps (die Makrophagen) und Kuriere oder Boten (Nerven und Neuronen).

Aber es gibt noch eine andere Metapher, die seit der industriellen Revolution das Verständnis unseres Körpers geprägt hat: Der Körper als Maschine (Gugutzer, 2002), Mechanismus oder Fabrik. So lässt sich z.B. begreifen, wie die Verdauung funktioniert: Etwas wird „verbrannt“ und das erzeugt Energie (s. der Magen in der Werbung). Eine Folge aus “Es war einmal … das Leben” illustriert die Verdauung wie einen Fabrikprozess.

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Dazu gehört auch das Bild des Kontrollraumes, das genau so aufgebaut ist wie beispielsweise Kontrollzentren von Atomkraftwerken.

Abbildung 1: Kernkraftwerk in Greifswald 1990. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0221-029,_Greifswald,_St%C3%B6rfall_im_Kernkraftwerk.jpg

Und wo ist nun der Bezug zur Hypnotherapie? Hier!


Da sich Psychisches oft im Körper offenbart und körperliche Beschwerden manchmal psychische Folgen haben, geht der Weg in der Therapie nicht selten über den Körper. Und insbesondere in der Hypnotherapie, wo Imaginationen eine zentrale Rolle spielen, wird gerne mal „ein Blick in den Körper geworfen“.

Erstes Beispiel: Raucherentwöhnung mit Hypnose. Das Tübinger Programm zur Raucherentwöhnung von Dr. Cornelie Schweizer (Schweizer, 2009) beinhaltet – natürlich unter vielen anderen Techniken und Suggestionen – ein Bild von einem Wald. Dieser Wald hat einen gesunden Teil (die Bäume sind am Austreiben, es scheint Frühling zu sein, die Luft hier ist frisch, man kann frei atmen) und einen kranken Teil (schwarz, neblig, angenehm schemenhaft mit weichen Konturen).

Ganz im Sinne von „die Regenwälder sind die Lungen der Erde“, ist auch in der Hypnotherapie zur Raucherentwöhnung der Wald als Sinnbild für die Lunge gemeint, wenn auch diese Analogie nicht explizit genannt wird. Der gesunde Teil der Lunge wird in Hypnose visualisiert, um das gewünschte Zielbild einer gesunden Lunge und freien Atmung zu verankern. Das ist es, wofür man aufhören möchte! Das ist der Zustand, auf den man sich freut!

Zweites Beispiel: Hypnotherapie in der Psychoonkologie. Vorab möchte ich deutlich erwähnen, dass es keine seriösen Studien gibt, die für irgendeine Art von Psychotherapie eine Heilung von Krebs versprechen! Es geht in der Psychoonkologie – so auch für die Hypnotherapie in diesem Bereich – eher darum, die Chemo-/Strahlentherapie und ihre Nebenwirkungen verträglicher zu gestalten, mit den sozialen und psychischen Folgen der Erkrankung besser zurechtzukommen und insgesamt die Lebensqualität möglichst gut zu erhalten.

Um mehr Kontrollgefühl über das, was in der medizinischen Therapie passiert, zu bekommen und möglichst kooperativ den Behandlungsplan zu verfolgen, gibt es die Möglichkeit, sich vorzustellen, „wie die Medikamente im Körper wirken, z.B. wie im Kinderbiologiebuch Arbeiter in der Körperfabrik alles optimieren“ (Lang, 2015, S. 119). Der Fantasie sind natürlich keine Grenzen gesetzt. Wie auch immer man sich die Krebszellen und die Abwehrzellen vorstellen möchte, so soll man sie sich auch vorstellen. Ob man gegen sie ankämpfen möchte oder ihnen anders begegnen möchte, ist auch ganz den Wünschen des Patienten oder der Patientin überlassen.

Außerdem führt eine Krebserkrankung häufig dazu, dass man das Vertrauen in den eigenen Körper verliert, dass man sich von ihm betrogen fühlt. In solchen Fällen gilt es, wieder eine positive Beziehung zum Körper herzustellen.

Drittes Beispiel: Selbsthypnose für Kinder mit Allergien und Asthma. Im Buch „Selbsthypnose“ von Alman und Lambrou (2013) wird ein Fall von einem zehnjährigen Jungen beschrieben, der sich in Hypnose vorstellte, in seinem Körper sei ein „Nintendo-Land“. In diesem spielte er ein Labyrinth-Spiel, wo er neue Wege und Öffnungen suchte. Als er das ein paar Wochen lang geübt hatte, waren seine allergischen und asthmatischen Symptome verschwunden, obwohl er davor nie mehr als eine Woche von ihnen verschont geblieben ist.

Viertes Beispiel: Imaginäre Körperreisen nach Sabine Fruth zur Aktivierung von Selbstheilungskräften. In dieser sehr sympathischen Variante der körperorientierten Hypnotherapie wird man auf eine Reise in den eigenen Körper geschickt, um den Ort der Beschwerde in Bildern zu erkunden u.v.m.

Es wird beispielsweise vorgeschlagen, eine Schaltzentrale auszusuchen, sich beispielsweise in ein Gespräch mit den eigenen Helferinnen und Helfern einzulassen, einen Ressourcenraum im Körper einzurichten... Ansonsten gibt es kaum Vorgaben, denn die Assoziationen und Bilder des Patienten/der Patientin geben die Richtung vor. Meiner Erfahrung nach kann eine solche imaginäre Körperreise zu erstaunlichen Erkenntnissen und berührenden Momenten führen und stärkt oft schon nach einer Sitzung die Beziehung zum eigenen Körper.

Aber wozu fragst du dich vielleicht an dieser Stelle? Zum Beispiel bei der Behandlung von chronischen Schmerzen ohne organische Ursache, bei sogenannten „austherapierten“ (was ich für einen unsympathischer und falschen Begriff halte!) Fällen, bei denen keine Therapie Erfolge erbracht hat, oder bei den vielen anderen psychosomatischen Beschwerden als Begleitung zur medizinischen Therapie.

Worauf sollte man bei der Wahl der Metaphern achten?


Ich bin der Ansicht, dass wir Vorsicht walten lassen sollten, welches kulturspezifische Bild unseren Körperimaginationen zugrunde liegt. Denn unsere Metaphern und Analogien beeinflussen unsere Sicht auf Dinge und unser Verhalten.

Es färbt auf unser Verhalten ab, wenn wir glauben, dass man Argumentationen gewinnen muss, dass man Schwachpunkte in einer Argumentation angreifen kann, dass Kritik ins Schwarze treffen kann etc. (Argumentieren = Krieg). Außerdem ist in unserer westlichen Kultur in Metaphern verankert, dass alles, was positiv ist, oben ist („ich fühle mich auf der Höhe“, „diese Erfahrung hat mich heruntergezogen“) (Lakoff & Johnson, 2004). Auch unser Verstand wird seit ein paar Jahrhunderten über die Gefühle gesetzt – und der Sitz des Verstandes ist oben, im Gehirn. Aber ist das immer eine gesunde/hilfreiche Einstellung?

Metaphern vereinfachen oft komplexe Sachverhalte. Die Vereinfachung hilft, bestimmte Dinge besser einordnen zu können, hat aber möglicherweise auch ungewollte Implikationen. Den Körper als Maschine zu sehen, hilft manches besser zu verstehen, um besser für den Körper zu sorgen. Gleichzeitig erschwert es vielleicht auch, den Körper, als lebendiges, anpassungsfähiges und komplexes System zu sehen, zu dem man eine liebevolle Beziehung aufbauen will.

Und nun gehe ich wieder auf eine kleine Körperreise, um mich mal geschwind bei meinen kleinen Helferinnen für die gute Arbeit zu bedanken. Denn mein jährlicher Gesundheitscheck hat heute meinem Körper ein 1A-Zeugnis ausgestellt 🙂

Was sind deine Erfahrungen mit diesem Thema? Hast du auch bestimmte Bilder für dein Inneres? Teile sie bitte mit uns oder schreibe mir deine Gedanken in die Kommentare und fühle dich frei, diesen Beitrag zu teilen, wenn du möchtest. Bis nächstes Mal!

Autorin: Lisa Anton-Boicuk MSc

Lisa hat ihren Masterabschluss in Klinischer Psychologie an der Universität Wien absolviert und erforscht dort als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin den Einfluss von Hypnose auf das Wahrnehmen, Denken und Fühlen. Am Milton-Erickson-Institut Rottweil hat sie die Curricula der Klinischen Hypnose und Hypnosystemischen Kommunikation durchlaufen. Privat ist sie ambitionierte Kaffeesomelière und Leseratte.

Zitierte und weiterführende Literatur:

  • Alman, B. M., & Lambrou, P. T. (2013). Selbsthypnose. Ein Handbuch zur Selbsttherapie. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme-Verlag.
  • Caby, A., & Caby, F. (2017). Die kleine psychotherapeutische Schatzkiste (Teil 2). Dortmund: Borgmann Media.
  • Gugutzer, R. (2002). Leib, Körper und Identität. Eine phänomenologisch-soziologische Untersuchung zur personalen Identität. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Lakoff, G., & Johnson, M. (2004). Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme-Verlag.
  • Lang, A. M. (2015). Selbsthypnose in der Psychoonkologie – auch hypnosystemisch betrachtet. In E. Muffler (Hrsg.): Kommunikation in der Psychoonkologie. Der hypnosystemische Ansatz (S. 109–128). Heidelberg: Carl-Auer-Verlag.
  • Schweizer, C. C. (2009). Vom blauen Dunst zum frischen Wind. Hypnotherapeutische Raucherentwöhnung in 5 Sitzungen. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag

Internetquellen zum Nachstöbern:

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