Wie Trancephänomene zu besseren Leistungen im Sport führen können

"Sport und Hypnose?! Ich will mich doch bewegen und nicht mit geschlossenen Augen dasitzen“

Wie Trancephänomene zu besseren Leistungen im Sport führen können

Der Zusammenhang von Ritualen und Flow

Er zupft an seiner Hose, dann an seinem T-Shirt, an den Schultern, fasst sich an die Nase, ans linke Ohr, wieder an die Nase und dann ans rechte Ohr. Währenddessen dribbelt er den Ball mit seinem Schläger auf den Boden. Das alles geschieht in wenigen Sekunden kurz vor dem Aufschlag, sodass es bei einer oberflächlichen Beobachtung kaum auffällt. Wenn man aber sieht, wie sich dieser Ablauf vor jedem Aufschlag in der genau gleichen Reihenfolge passiert, kann man sich schon wundern.

Als ich vor einigen Jahren als passionierter Tennisfan die Grand Slam Turniere im Fernsehen verfolgte, fiel mir bei Spielen von Rafael Nadal sein Verhalten kurz vor einem Aufschlag auf. Mir erschien es damals wie ein komisches Ritual und ich habe mich gefragt, ob er vielleicht eine Art Zwangsverhalten an den Tag legt. Damals habe ich mich allerdings auch noch nicht mit den verschiedenen Formen von therapeutischer Hypnose und der hierbei wichtigen Aufmerksamkeitsfokussierung beschäftigt.

Heute ist mir klar, dass Rafael Nadal diesen immer gleichen - quasi rituellen - Ablauf nutzt, um sich in einen Zustand von gesteigerter Fokussierung zu bringen. Er beabsichtigt also ein gezieltes Hervorrufen eines Flow-Zustandes.

Rituale sind kein Aberglaube

Nadal betont übrigens, dass es sich hierbei keineswegs um Aberglauben handelt. Beim Aberglauben übt man ein bestimmtes „magisches“ Verhalten aus, weil man glaubt, dass es Erfolg bringt. Wenn es dabei nicht zum Erfolg führt, gibt man es unter Umständen wieder auf. Rituale hingegen helfen dabei sich zu fokussieren und so zu einem optimalen Level der Fokussierung zu gelangen.

Auch in anderen Sportarten findet man beispielsweise durch die Suche bei YouTube „Pre-Game rituals“, die teilweise lustig oder bizarr anmuten, aber allesamt den gleichen Sinn verfolgen: „In the zone“ zu kommen.

Damit ist gemeint, dass ein Zustand erreicht wird, in dem das Erregungslevel in einem optimalen Mittel liegt (Vgl. Liggett, 2000, S.94). Wenn der Erregungszustand zu niedrig ist, sind Menschen nicht aufmerksam genug: Ihnen fehlt die Spannung um optimale Leistungen zu bringen. Ist das Erregungslevel hingegen zu hoch, kann es passieren, dass sie verkrampfen, einen zu hohen Druck spüren und fahrig werden. Dadurch passieren unnötige, leichte Fehler.

In the Zone - Trance als Leistungsbooster

Daher ist es wichtig, zu einem mittleren Erregungsniveau zu gelangen, bei dem möglichst viel „automatisch“ - also unwillkürlich - abläuft. Ein*e Sportler*in, die jahrelange praktische Erfahrung in der Sportart hat, kann auf ein riesiges unterbewusstes Repertoire an Erlebnissen und Wissen aufbauen. Müsste dieses Wissen durch langes Nachdenken abgerufen werden, wären Sportler*innen nicht dazu in der Lage in Wettkampfsituationen blitzschnell ihre Leistung zu bringen. Daher ist es so wichtig, „in the zone“ zu gelangen, sodass sich ein mittleres Erregungslevel mit einer möglichst automatisierten und unterbewussten Spielweise kombiniert.

Da ich selber sehr gerne Tischtennis spiele, habe ich mich gefragt, wie man Trancephänomene gezielt nutzen kann, um in sportlichen Wettkampf-Situationen - also immer dann, wenn Menschen unter einer besonderen Form von performativer Erwartung stehen - so gut spielen zu können, wie das in Trainingssituationen der Fall ist.

Wie gehen Sportler*innen mit negativen Gedanken um?

Ich kann oft an mir selbst beobachten, dass ich mir in Wettkampf-Situationen, egal wie unbedeutend sie eigentlich sein mögen, selber Druck mache, etwas Besonderes leisten zu müssen oder aber auch mit hinderlichen Gedanken zu kämpfen.
Daher war es für mich besonders spannend herauszufinden, wie man Hypnose und Trancen nutzen kann, um mit solchen Situationen umgehen zu können.

Dabei möchte ich „Trancephänomene" hier im Sinne Gunter Schmidts als das „Vorherrschen von unwillkürlichem Erleben“ definieren (Vgl. Schmidt, 2019, S. 19) Denn das ist genau das, was im Sport ja entweder besonders hilfreich, aber auch besonders hinderlich sein kann.

Entweder komme ich in einen Flow-Zustand, bei dem mir scheinbar mühelos alles gelingt oder aber ich bin in einer Problemtrance gefangen, wenn es nicht so läuft wie ich es mir wünsche. Dann blockieren mich vermutlich bestimmte Gedanken und ich hadere mit dem Umgang mit mir selbst.

Mentale Stärke ist entscheidend

Das Erreichen eines Flow-Zustandes wird oft als Zeichen von mentaler Stärke angesehen. Mentale Stärke kann man dabei als die Fähigkeit definieren, in schwierigen Situationen Zugang zu den Mechanismen der Selbststeuerung zu haben. Somit können „Ressourcen genutzt, Kompetenzen erhöht und Stress reduziert werden“ (Klock, 2018, S. 13). Was der Autor hier als Voraussetzung für öffentliche Sprechsituationen schildert lässt sich auf andere Situationen übertragen, in denen Menschen unter Druck stehen und daher konkurrierende Anteile in sich haben.

Während meiner Recherche zu diesem Artikel bin ich der Frage nachgegangen, wie Spitzensportler*innen mit diesen Phänomenen umgehen.

Dabei bin ich auf ein Video über das „Mental Game of Tennis“ von Roger Federer gestoßen. In diesem Video wird ein Interview mit ihm zitiert. Er spricht über seine Gefühle vor und während des Finales der Australian Open. Hierin erzählt er, dass er vor und auch während des Matches sehr nervös war und dass er sich gefragt hat, wie er sich fühlen würde wenn er gewinnt und wie wenn er verliert.

Das ist aus meiner Sicht sehr spannend, denn bei einem Weltklassespieler wie Roger Federer könnte man denken, dass es für ihn keinen Grund gäbe nervös zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall: Auch einen der besten Spieler der Welt beschäftigen sogenannte „negative“ Gedanken.

Er unterscheidet sich damit nicht von einem gewöhnlichen Hobbyspieler in Bezug auf die Gedanken die ihm unwillkürlich während eines Matches kommen.

Und hier sind wir mitten im spannenden Terrain der unwillkürlichen Erlebnisprozesse. Denn entscheidend ist anscheinend nicht, ob ein*e Spieler*in unangenehme Gedanken während eines Wettkampfes hat, sondern wie er oder sie damit umgeht.

„Hin zu“- statt „Weg von“-Prozesse

Das finde ich besonders spannend, weil sich hier eine deutliche Parallele zu anderen Alltags-Trancephänomenen zeigt. Auch in Alltagssituationen ist es oft so, dass Menschen, wenn sie in eine Beratung kommen, ein bestimmtes Verhalten „weghaben“ wollen. Meistens handelt es sich dabei um unwillkürliches Verhalten, was im Widerspruch zu den „eigentlichen“, bewussten Wünschen der Personen steht - zum Beispiel Rauchen, Wutanfälle oder negative Gedankenspiralen.

Bei solchen Themen betont beispielsweise Gunter Schmidt, dass nicht das Ziel sein sollte diese Phänomene „wegzumachen“. Man solle sie stattdessen als kompetenten Ausdruck eines achtenswerten Bedürfnisses betrachten. (Vgl. Schmidt, 2019, S.59-62.) Am Beispiel von Roger Federer sehen wir auch, dass ein Eliminieren der Gedanken gar nicht möglich ist. Selbst als einer der besten Spieler der Welt leidet man an diesen Phänomenen.

Aufbau einer Beobachterposition - „Was kann ich brauchen?“

Wichtig sei es daher laut Gunter Schmidt, eine Beobachterposition aufzubauen. Diese dient dazu, zu prüfen, was man brauchen kann, um mit dem, was ohnehin kommt (den negativen Gedanken) gut umgehen zu können - statt zu schauen, was weg soll.

Bei den Angeboten, die Gunter Schmidt in seinen Beratungen macht, klingt das dann ungefähr so: „Wenn du dann in so einer schwierigen Situation bist: Was könnt´s dafür gebrauchen - Überblick, sicherer Stand, gute Atmung, Schubidubidu… wenn du das so machen tät´s, welche Auswirkungen hätte das dann?“ Hierbei muss man sich den Dialekt und die humorvolle Arbeitsweise von Gunter Schmidt natürlich hinzudenken.

Genau darum geht es letztendlich bei der Entwicklung von mentaler Stärke: Zu prüfen, welche Auswirkungen nützlich wären für die beabsichtigten Ziele. Das ist dann auch hilfreich, um den Fokus zu wechseln. Statt einer „Weg von…“-Fokussierung zu einer „Hin zu…“- Fokussierung.

Das könnte im Fall von Roger Federer bedeuten: Statt sich zu fragen „Wie werde ich bloß den Gedanken los, dass ich verlieren könnte?“ könnte er sich zum Beispiel fragen: „Was brauche ich, um mit diesen Gedanken so spielen zu können, dass ich meine optimale Leistung abrufen kann?“

Die unterschiedlichen Fragestellungen lösen unterschiedliche unwillkürliche mentale Suchprozesse aus.

Es geht also darum, die „schwierigen“ (also die nicht nützlichen) Gedanken und Emotionen zu akzeptieren und fokussiert zu bleiben auf die übergeordneten Ziele.

Was hat das mit Hypnose zu tun?

Was das alles mit Hypnose zu tun hat? Hypnose beschäftigt sich mit dem Umgang mit unwillkürlichen Erlebnisinhalten. Diese automatisch aufkommenden Erlebnisinhalte spielen in Drucksituationen eine besonders große Rolle. Der Umgang mit ihnen ist ausschlaggebend bei der Frage über Sieg oder Niederlage.

So sieht man, dass hypnotische Phänomene im Sport nichts damit zu tun haben, dass man in einem Dämmerzustand in einem Stuhl sitzt - eine Tatsache, die von Hypnotherapeut*innen immer wieder betont wird.

Gibt es also überhaupt Situationen, in denen es sinnvoll ist, sich außerhalb des Spielfeldes mittels Hypnose auf einen Wettkampf vorzubereiten? Tatsächlich bin ich auf ein Buch gestoßen, das sich damit beschäftigt, wie man therapeutische Hypnose dafür nutzen kann, Sportler*innen in besseren Kontakt mit ihren inneren Potenzialen zu bringen.

Der Autor Donald Liggett beschreibt darin, wie er mit Sportler*innen in Hypnose Bewegungsabläufe modelliert, die ihnen helfen, in Wettkampf-Situationen ihre Leistung zu steigern.

Durch Hypnose ist mit weniger Aufwand mehr Leistung möglich

Das Spannende daran ist, dass die Athlet*innen dafür oftmals weniger „Mühe“ brauchen. Die Sportler*innen berichten also davon, dass sie sich weniger körperlich anstrengen müssen als vor der Arbeit mit dem Hypnose-Coach. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb erzielen sie bessere Ergebnisse.

So berichtet Liggett von einem Footballspieler, dessen Zeit bei einem Sprint gemessen wurde. Er konnte sich verbessern, nachdem er in Trance die Visualisierung eines Panthers nutze mit der er sich im Sprint immer mehr verband. (Vgl. Liggett, 2000, S.54)

Hierzu sollte man betonen, dass es anscheinend einen deutlichen Unterschied macht, ob man sich diese Visualisierungen aus einem bewussten Alltagszustand „vorstellt“ oder ob man die hilfreichen Imaginationen in einer Trance „von selbst“ entstehen lässt.

Auch wenn das Ergebnis der inneren Bilder ähnlich sein könnte, scheint es für den langfristigen Erfolg wesentlich zu sein, dass die Imagination möglichst unwillkürlich geschieht. So kann das Unterbewusstsein Körper und Geist anscheinend besonders zielführend miteinander in Einklang bringen.
Dabei ist es nicht so wesentlich, ob diese Hypnose von außen durch einen Mental-Coach angeleitet wird oder von den Athlet*innen selbst entwickelt wird. Wichtig ist nur, dass ein Zustand erreicht wird, in dem das Erleben fließender und bildhafter wird. So werden Sinneseindrücke als spontan beschrieben und eine „sowohl-als-auch“-Logik entsteht.

Das erste Bundesligator mit 33 Jahren schießen - ein Tranceerlebnis

Ein besonders unterhaltsames Beispiel, wie Trancephänomene im Sport zum Ausdruck kommen können, findet sich in einem Interview mit dem Fußballspieler Michael Parensen, der mit 33 Jahren sein erstes Bundesligator erzielt - als Abwehrspieler.

In dem Interview spricht er darüber, wie er sich an dieses Erlebnis erinnert. Wenn man sich ein wenig mit Tranceprozessen beschäftigt, erkennt man, dass während des Spiels sein Erleben vornehmlich unwillkürlich geprägt war, was als eine Form von Wach-Trance verstanden werden kann.

So erzählt er, dass er verwundert war, als er sich eine Aufzeichnung des Spiels im Nachhinein angesehen hat: Seine Mannschaft habe gar nicht so lange gejubelt, wie er es in Erinnerung hatte. Das Erleben von Zeitverzerrung ist ein wesentliches Indiz für Tranceprozesse.

Er sagt zudem, dass er sich nicht an die Zeit vor dem Tor erinnern kann. Durch dieses für ihn einschneidende Erlebnis scheint eine Musterunterbrechung entstanden zu sein, die zu einer Amnesie führt, was ebenfalls ein Indiz für Tranceprozesse ist.

Amnesie, veränderte Zeitwahrnehmung und Intuition als Trancephänomene

Parensen, der als Abwehrspieler kein besonderer Torjäger ist, musste den Ball nach einer Ecke nur noch aus kurzer Distanz freistehende über die Torlinie schieben. Der Interviewer fragt ihn, ob er in diesem Moment noch etwas gedacht hat. Parensen antwortet, dass es in einem solchen Moment schlecht wäre über etwas nachzudenken. In solchen Situationen müsse man sich auf seine Intuition verlassen - was wieder als Hinweis auf ein Tranceerleben gesehen werden kann.

Zum Schmunzeln brachte mich die Frage, wie Parensen seinen Torjubel empfunden hat. Denn auch hier sagt er, dass er es beim nachträglichen Betrachten der Bilder als komisch empfindet sich selbst zu sehen, was er in dem Moment gemacht hat. Er muss also in diesem Moment gehandelt haben ohne dass die bewussten Teile von ihm hier Einfluss genommen hätten.

Zudem sagt er, dass er den Jubel der Fans im Moment des Torjubels nicht bewusst wahrgenommen habe - ein Hinweis darauf, dass unser Erleben von innen heraus individuell erzeugt wird. Der Fokus von Parensen lag in diesem Moment auf etwas anderem als der akustischen Verarbeitung. Im Laufe des Interviews beschreibt er zudem noch, wie er durch das Tor in einen besonderen Flow-Zustand gekommen sei.

Tranceprozesse beflügeln Sportler*innen - oder hemmen sie

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Tranceprozesse im Sport von besonderer Bedeutung sind. Entweder weil sie die Sportler*innen hemmen oder beflügeln. Die Fähigkeit in einen nützlichen Trancezustand - „in the zone“ - zu kommen und mit negativen Gefühlen so umzugehen, dass diese die Sportler*innen nicht blockieren, ist entscheidend für gute Ergebnisse. Hypnose im Sport kann auf dem Platz oder auch außerhalb davon genutzt werden - sie hat aber fast nie etwas damit zu tun, dass man mit geschlossenen Augen auf einer Couch liegt.

Hast du selbst schon einmal beim Sport Flow-Zustände nutzen können? Wie kommst du am besten in diesen Zustand? Und wie gehst du mit negativen Gedanken beim Sport um? Ich würde mich freuen, wenn du deine Gedanken in den Kommentaren teilst.

Vielleicht hat dich dieser Artikel ja auch inspiriert, beim nächsten Wettkampf etwas an deinen Abläufen zu verändern, um besser in einen Trancezustand zu kommen. Viel Erfolg und gutes Spiel!

Literatur

Klock, Thomas (2018): Fit für alle Sprechsituationen; Leykam: Graz.

Liggett, Donald R.  (2000): Sport Hypnosis; Human Kinetics; Champaign.

Schmidt, Gunter (2018): Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung; Carl-Auer-Systeme; Heidelberg.

Autor: Aldo Haumann MA. MSc.

Aldo ist Master of Arts der Philosophie und absolvierte in Wien ein Masterstudium für hypnosystemische Beratung und Interventionen. Er macht zurzeit eine Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater und systemischen Coach. Im Zuge dieser Ausbildung betreut er hypnosystemische Kongresse und Institute in Deutschland und Österreich.

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