Hypnose und Wissenschaft: Was die Erforschung von Hypnose schwierig macht und warum es sich dennoch lohnt.

Das erste mal bin ich 2014 mit dem Thema „Hypnose“ in Berührung gekommen. Damals habe ich ein Buch gelesen, das mir versprach, die Gedanken anderer Menschen lesen zu lernen. Rückblickend bin ich froh über meine Unfähigkeit, „schlechte“ Bücher ungelesen zur Seite zu legen - denn im letzten Kapitel ging es darum, wie man lernen kann, Menschen zu hypnotisieren.

Damals war ich überzeugt, dass Hypnose ein weiterer Trick für die Bühne sei. Wie ein Zaubertrick, den man nicht zu ernst nehmen darf.

Ich las das Buch brav zu Ende und stürzte mich aufs Internet. Es war ein Leichtes, allerlei YouTube-Videos zu finden, die mir erklären wollten, wie man hypnotisiert. Nach und nach ließ ich mich davon überzeugen, dass das hypnotische Verhalten nicht gespielt war.

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Ich recherchierte weiter. Hypnose als Behandlungsmöglichkeit in der klinischen Psychologie?! Daran blieb ich als damalige Psychologiestudentin hängen. Und dann machte ich parallel drei Dinge: Ich versorgte mich mit Einführungsliteratur, belegte ein Hypnose-Seminar an der medizinischen Universität und suchte nach einem Praktikum in klinischer Hypnose.

Heute, fünf Jahre später, hänge ich immer noch begeistert an der klinischen Hypnose. Nach acht Monaten Praktikum, zahlreichen Seminaren, verschiedenen Tagungen und mancherlei Büchern später, beschäftige ich mich nun auch wissenschaftlich mit Hypnose. Selbstverständlich halte ich Hypnose längst nicht mehr für einen Zaubertrick und sehe nüchtern ihre Grenzen. Und obwohl ich wesentlich mehr Wissen auf diesem Gebiet habe als vor fünf Jahren, ist die grundlegende aller Fragen immer noch offen:

Was genau ist denn nun Hypnose?

In früheren Blogartikeln wurden diese Fragen bereits teilweise beantwortet. Dieser Blogartikel schaut sich Hypnose durch die Brille der Wissenschaft an. Es ist, als könne man mit dieser Brille nur einen ganz kleinen Bereich scharf sehen. Aber dieser scharfe Bereich sieht spannend aus! Und diesen Bereich möchte ich euch in diesem und weiteren Blog-Artikeln gern vorstellen. Der heutige Beitrag beleuchtet insbesondere die Schwierigkeiten, Hypnose wissenschaftlich zu untersuchen.

Bild 2: Die Nerd-Brille 🤓

Hypnose und Wissenschaft: Das Problem der Messbarkeit

Warum ist Messbarkeit wichtig

Angenommen, ein Objekt fällt vom Himmel direkt in meinen Garten und ich preise es in alle Richtungen als Sensation an! Ihr fragt euch wahrscheinlich, was für ein Objekt das sein soll. Wenn ich euch erzähle, dass es 15 Kilogramm wiegt und dass die Farbe der Wellenlänge 390nm entspricht, würdet ihr mich zurecht fragend anschauen. Es könnte ein violettfarbenes UFO oder ein Wollknäuel riesigen Ausmaßes sein. Je mehr Informationen ich hinzufüge, desto „greifbarer“ wird das Objekt.

Und es braucht die mehr oder weniger universellen Maßeinheiten (Gewicht und Wellenlänge). Ich könnte beispielsweise mit meinem selbst-entworfenen Gewichtssystem ankommen und behaupten, das Objekt wiege 3 Neuroscience-Lehrbuch-Einheiten (NLE). Damit könnte nur ich selbst etwas anfangen. Diese vergleichbare “Fassbarmachung” oder wissenschaftliche Untersuchbarmachung von Objekten und Zuständen nennt man dann Operationalisierung.

Bild 3: 1 Neuroscience-Lehrbuch-Einheit

Operationalisierung als Notwendigkeit und Falle

Operationalisierungen können natürlich auch einschränken. Die Gleichung mit dem Hammer ist euch vermutlich bekannt: Wer einen Hammer in der Hand hält, sieht überall Nägel. Ein Religionswissenschaftler sagte mal, dass man den Inhalt tief in einem Brunnen niemals mit einem Lineal wird messen können, womit er auf die begrenzten Möglichkeiten wissenschaftlicher Erkenntnis hinwies. Aber um handlungsfähig zu bleiben, muss die Wissenschaft nun mal einige Kompromisse eingehen.

In den meisten Naturwissenschaften ist es relativ einfach, die Dinge zu operationalisieren. Nicht so in den Sozialwissenschaften wie der Psychologie. Der Mensch als soziales und kulturelles Wesen ist so komplex, dass sogar beobachtbares Verhalten oft nicht klar operationalisierbar ist. 

Angenommen ich beobachte im Club, dass Männer zu Beginn des Abends hübschere Frauen ansprechen, als zu späterer Stunde. Welche Aussage dürfte ich darüber äußern? Richtig: keine. Sollte ich am nächsten Tag inspiriert von meiner Cluberfahrung eine Studie darüber anstellen wollen, so müsste ich zunächst klären: Was ist eigentlich (menschliche) Schönheit? Wie messe ich sie? Es könnte nämlich sein, dass mein Begriff von Schönheit nicht dem der Allgemeinheit entspricht. Nicht umsonst widmet sich ein riesiger internationaler Forschungsbereich dem Thema „Schönheit“ oder „Ästhetik“.

Hypnose und Messbarkeit

Mit Studien zu Hypnose verhält es sich ähnlich kompliziert. Um Hypnose zu erforschen, muss man zunächst feststellen, dass Hypnose etwas ist, das sich von anderen Dingen unterscheidet, also universell messbar ist. 

Warum ist das wichtig? Hysterie war vor circa einem Jahrhundert in aller Munde; eine Erkrankung, die fast ausschließlich bei Frauen diagnostiziert wurde. Die Symptome waren recht unspezifisch, körperliche Gründe ließen sich keine finden. Frauen wurden mit allem Möglichen von martialischen Ovarienpressen bis hin zu Vibratorenanwendungen behandelt. Heutzutage wird das Wort „hysterisch“ höchstens noch von Personen verwendet, die (oft weibliches) Extremverhalten beschreiben wollen. Ein Störungsbegriff ist es jedenfalls längst nicht mehr. Hysterie war also nicht zeitstabil messbar.

Zurück zu Hypnose: Es muss also zuerst geklärt werden, ob  Hypnose etwas ist, was sich universell, zeitstabil, kulturunabhängig und objektiv messen lässt. Wir wollen vermeiden, uns auf die Suche nach einer Fata Morgana zu machen, richtig? Um in diesem Sinne etwas zu sein, muss es sich von anderen Dingen abgrenzen lassen.

Hypnose und Gehirnscans

Es gibt seit über zwei Jahrzehnten Versuche, den hypnotischen Zustand im Gehirnscanner nachzuweisen, um ihn von anderen Zuständen abzugrenzen. Es gibt vielversprechende Ergebnisse, die für den suggestionslosen hypnotischen Zustand (eine sogenannte Leertrance) ein Aktivitätsmuster gefunden haben (Halsband, 2015; McGeown et al., 2009). Es gibt allerdings kritische Stimmen, die anzweifeln, ob dieses Aktivitätsmuster wirklich spezifisch für den hypnotischen Zustand oder nicht doch vergleichbar mit bestimmten Wachzuständen ist (Landry & Raz, 2015).

Bild 4: fMRT-Bilder

Hypnose und Wissenschaft: Das Problem der Replizierbarkeit

Operationalisierbarkeit ist ein wichtiges Kriterium in der Wissenschaft – Replizierbarkeit ist ein anderes. Replizierbarkeit bedeutet, dass die Ergebnisse einer Studie von einer unabhängigen anderen Forschungsgruppe repliziert werden müssen, um an Bedeutung zu gewinnen. Das bedeutet, dass eine gute Studie mit einem wünschenswerten Ergebnis an sich eine spannende Sache ist, jedoch mit viel Vorsicht behandelt werden muss, solange es keine anderen ähnlichen Studien mit ähnlichen Ergebnissen gibt. 

Wenn ich beispielsweise meine Clubbeobachtung mit gut durchdachten wissenschaftlichen Kriterien und einer großen Stichprobe bestätigen kann, dann braucht es möglichst viele andere Personen aus den verschiedenen Ländern der Welt, die sich inspiriert fühlen, meine Studie zu replizieren. Dann kann es beispielsweise sein, dass eine Kollegin in China auf das entgegengesetzte Ergebnis kommt: Dass im Verlauf der Nacht, die männlichen Besucher von Nachtclubs im Schnitt deutlich hübschere Frauen ansprechen. Es kann auch sein, dass ein anderer Kollege keinerlei Veränderung in seinen Daten findet.

Ein großes Problem bei der Replizierbarkeit von Studienergebnissen vor allem im Forschungsfeld „Hypnose“ ist, dass aus verschiedenen Gründen selten eine Studie genug der anderen gleicht, um die Ergebnisse vergleichen zu können. 

Ein Beispiel: Die meisten Gehirnscanner-Studien benutzen eine hypnotische Induktion und darauffolgende hypnotische Suggestionen. Unter Induktion versteht man die gesprochene Einleitung in einen hypnotischen Zustand (übliche Formulierungen zielen auf Entspannung bei gleichzeitiger Aufmerksamkeitsfokussierung). Die Gestaltung dieser beiden Elemente ist meistens nicht vergleichbar und somit liegen zwar zahlreiche Studienergebnisse vor, die jedoch bei genauerem Blick nicht vergleichbar sind.

Hypnose und Wissenschaft: Das Problem der Standardisierung

Es war die Rede von Operationalisierbarkeit und Replizierbarkeit. Ich möchte noch kurz ein anderes Kriterium für gute wissenschaftliche Arbeit anführen: die Standardisierung. Darunter versteht man, dass bei Experimenten alle Bedingungen gleich bleiben müssen, damit die absichtliche Veränderung an einer Bedingung Rückschlüsse erlauben kann.

Angenommen ich wende Hypnose an einer Gruppe von Menschen in der Fakultät der Psychologie an, um mithilfe des imaginären Bildes einer Schutzblase, die den Körper umgibt, ihre allergischen Reaktionen zu reduzieren. Und angenommen ich wende Hypnose an einer anderen Gruppe von Menschen in meinem WG-Wohnzimmer an und biete ihnen das Bild von einem Schutzbalsam an, den sie imaginativ so anwenden, dass Pollen keinen Zugang zu ihrem Körper finden.

Die erste Gruppe zeigt eine deutliche Verbesserung im Vergleich zur zweiten. Aus diesen Ergebnissen kann ich leider keine Rückschlüsse ziehen, weil es entweder sein könnte, dass die Räumlichkeiten einen Unterschied gemacht haben (man ist erwartungsvoller, wenn der Kontext Professionalität vermittelt, und eine größere Erwartungshaltung kann an sich bereits wirken), oder dass das angebotene mentale Bild den entscheidenden Unterschied macht. 

Wenn mich der Effekt der Räumlichkeiten interessiert, hätte ich die verschiedenen Räumlichkeiten beibehalten und nur eins der beiden hypnotischen Suggestionen anbieten müssen. Interessiert mich jedoch der Effekt der Suggestionen, so hätte ich beide Gruppen im gleichen Laborraum der Fakultät untersuchen müssen.

Hypnotherapieforschung und Standardisierung

Und damit kommen wir zur – wie ich finde – größten Herausforderung der wissenschaftlichen Untersuchung von Hypnose, aber insbesondere der therapeutischen Wirkung von Hypnose. Nach dem Begründer der modernen Hypnose, dem US-amerikanischen Psychiater Milton H. Erickson, ist Hypnose eine hochindividualisierte Form der Kommunikation. Er passte Tonfall, Körpersprache und selbstverständlich den Inhalt des Gesprochenen hochindividuell an die Bedürfnisse der Personen an, an deren Weltbild und aktuelles Befinden.

"Each person is a unique individual. Hence, psychotherapy should be formulated to meet the uniqueness of the individual’s needs, rather than tailoring the person to fit the Procrustean bed of a hypothetical theory of human behavior." - Milton H. Erickson (Zitat aus dem Tagungsprogramm des First International Congress on Ericksonian Approaches to Hypnosis and Psychotherapy in Phoenix, Arizona vom 4.-8. Dezember, 1980)

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Die Wissenschaft kann sich diesen Luxus aus Gründen der Standardisierbarkeitsprämisse nicht leisten. Das bedeutet, dass in einer Studie mit beispielsweise 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer jede einzelne Person genau die gleichen hypnotischen Suggestionen erhält bzw. erhalten muss. Ob sie zur Person und den gegebenen Umständen passen oder nicht. Manchmal reicht ein veränderter Satz – und die Ergebnisse der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind streng genommen nicht mehr untereinander vergleichen. 

Wenn man also untersuchen möchte, ob Hypnose als therapeutisches Mittel effektiv sein kann, ist dieser Punkt ein besonderes Hindernis. Es könnte grundsätzlich sein, dass Hypnose viel besser wirkt, als es Studien nahelegen, weil insbesondere die systemische Hypnotherapie sehr individuell vorgeht.

Andererseits spielt natürlich auch die therapierende Person und VersuchsleiterIn eine sehr große Rolle. Ich habe häufig gehört, dass es so viele Arten zu therapieren gibt, wie es Therapeutinnen und Therapeuten gibt. Denn selbstverständlich spielt die Weltsicht und die Erfahrung derjenigen Person die größte Rolle darin, wie sie therapiert. Diese, mal subtilen und mal offensichtlichen Unterschiede in der therapeutischen Herangehensweise, sind unmöglich zu kontrollieren bzw. zu standardisieren. Und deshalb, wenn man Hypnose als Therapie wissenschaftlich untersucht, werden vorgeschriebene Manuale sehr streng eingehalten.

Lohnt sich Hypnose-Forschung trotz all dieser Herausforderungen?

Forscherinnen und Forscher lassen sich glücklicherweise von all diesen Hindernissen nicht leicht entmutigen. Hypnose wird seit ein paar Jahrzehnten und vermehrt seit Beginn dieses Jahrhunderts zunehmend untersucht - mit gutem Grund! Es müssen dann vorläufige Definitionen bzw. vorläufige Annahmen über Hypnose und ihrer Wirkung herhalten.

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In diesem Blogartikel ging es viel um Schwierigkeiten und Hindernisse bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Hypnose. Es gibt jedenfalls viele spannende und berichtenswerte Studienergebnisse über die erstaunlichen Auswirkungen von Hypnose auf das menschliche Verhalten und die Wahrnehmung (Stichworte: hypnotische Halluzinationen, Wirkung und Möglichkeiten posthypnotischer Suggestionen)! Diese werden jedoch Thema späterer Blogbeiträge werden.

Wie hat euch der Blick durch die Wissenschaftsbrille gefallen? Lasst es mich wissen, indem ihr diesen Beitrag in sozialen Netzwerken teilt oder indem ihr es in die Kommentare schreibt. Und wenn ihr Fragen habt, dann ruhig drauflosfragen – ich bin gespannt!

Literatur:

  • Erickson, M. H., Zeig, J. K., & Geary, B. B. (2000). The Letters of Milton H. Erickson. Phoenix, AZ: Zeig Tucker & Theisen Publishers.
  • Halsband, U. (2015). Neurobiologie der Hypnose. In D. Revenstorf & B. Peter (Hrsg.), Hypnose in der Psychotherapie, Medizin und Psychosomatik (S. 802–820) (3. Aufl.). Heidelberg: Springer.
  • Landry, M., & Raz, A. (2015). Hypnosis and imaging of the living human brain. American Journal of Clinical Hypnosis, 57(3), 285–313.
  • McGeown, W. J., Mazzoni, G., Venneri, A., & Kirsch, I. (2009). Hypnotic induction decreases anterior default mode activity. Consciousness and Cognition, 18(4), 848-855.

Autorin: Lisa Anton-Boicuk MSc

Lisa hat ihren Masterabschluss in Klinischer Psychologie an der Universität Wien absolviert und erforscht dort als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin den Einfluss von Hypnose auf das Wahrnehmen, Denken und Fühlen. Am Milton-Erickson-Institut Rottweil hat sie die Curricula der Klinischen Hypnose und Hypnosystemischen Kommunikation durchlaufen. Privat ist sie ambitionierte Kaffeesomelière.

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