MEG-Tagung 2019: Die Mehrgeschlechtlichkeit der Psychotherapie

Bad Kissingen, 20. März 2019. Während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen Jahrestagung unter dem Titel „gender, sex und identität: Hypnotherapie und Vielfalt“ den Beginn am kommenden Mittag erwarten, laufen die letzten Vorbereitungen im Hintergrund auf Hochtouren. 76 Helferinnen und Helfer versammeln sich pünktlich um 18:00 Uhr, um ihre diesjährigen Aufgaben in Empfang zu nehmen. Das abendliche Briefing bildet in gewisser Form die Schwelle in eine andere Welt. Zu meiner Linken und Rechten sitzen die vertrauten Gesichter von Leonie und Astrid. Für viele der Anwesenden ist es ein Wiedersehen, für manche die erste hautnahe Berührung mit dem Thema „Hypnotherapie“.

Claudia Winkhardt und ihr Team informieren über Neuerungen und Bewährtes, Erstunterstützende erhalten eine Führung durch den Regentenbau und alte Hasen tauschen sich darüber aus, welche Aufgaben sie dieses Jahr bekommen haben. „Yo Digga“, ruft mir Sven im Vorbeigehen zu, „bist du auch wieder Springer?“ Ich schüttele den Kopf. „Workshopbetreuung, davon einer ganztags“, resümiere ich meine Rolle. Das System ist denkbar einfach: Fünfzig Prozent der Zeit Dienst, fünfzig Prozent zur freien Teilnahme an der Tagung. Der Hort der Helfenden befindet sich im Rückenmark des Regentenbaus. Von hier aus schwärmen wir aus wie Bienen aus ihrem Stock und regenerieren uns in den Pausen. Wenngleich viele der Langjährigen dem Studierendenalter längst entwachsen sind, zieht eine Klassenfahrtatmosphäre durch den Raum. Wiederverwendete Pappteller und Plastikbecher pflastern die Tafel, in kleinen Gruppen wird gelacht und gescherzt.

Und, ist das eure erste Tagung?“, erkundige ich mich bei den beiden Frauen Anfang zwanzig am Tisch. Die Studentinnen Helena und Pia, wie sie sich wenig später vorstellen, nicken. Auf die Frage, was sie hierhergeführt hat, erhalte ich die Antwort, die ich so häufig gehört und vielleicht selbst einst gegeben hatte. „Im Studium wird nur Verhaltenstherapie behandelt. Psychoanalyse und tiefenpsychologisch orientierte Verfahren werden vielleicht noch erwähnt. Alle anderen Verfahren...“ Pia, die Hypnotherapie erst durch ein Praktikum kennengelernt hat, zuckt ihre Schultern und ich brumme zustimmend, fast schon altersweise. Helena ergänzt, dass sie erstmal vor ein paar Jahren auf einem Kongress von der MEG und der Möglichkeit, als Helfer an der Jahrestagung teilzunehmen, erfahren, sich kürzlich erinnert und dann entsprechend angemeldet hat.

Für uns Helfende besteht dabei die Chance, in der ersten Reihe mitzulernen. Der typische Helfertag unterteilt sich dabei in zwei Teile. Zum einen stehen wir im Dienst der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir begleiten beim Check-In und Fragen zu Veranstaltungen, verwahren die Garderobe, helfen bei der Orientierung im Kurort und betreuen die Referentinnen und Referenten während ihrer Workshops. Die andere Hälfte steht uns zur freien Verfügung. Im Gegensatz zur festen Einteilung besteht hier die Herausforderung, sich zu entscheiden. Das Spektrum reicht vom Einführungsworkshop über wissenschaftliche Präsentationen bis zu „Muss man mal erlebt haben.“-Koryphäen wie Manfred Prior oder Gunther Schmidt. Hinzu kommen Psychodrama oder Körpertherapie, die den Möglichkeitshorizont erweitern, sowie renommierte Fachvorträge wie beispielsweise von der amerikanischen Paartherapeutin Esther Perel oder dem deutschen Sexualtherapeuten Prof. Dr. Ulrich Clement. Die Qual der Wahl, die mit der Lust des Lernens Hand in Hand geht, ist dabei vielleicht ebenfalls einer der Gründe ist, wieso viele Helfende gern weitere Male bei der Tagung unterstützen, um mit der Zeit einen umfassenderen Einblick in die Vielfalt der Hypnotherapie zu erhalten.

Esther Perel referiert über die Macht der Affäre.

Björn Süfke: Männer im Land der (un)heimlichen Gefühle – Psychotherapie mit Männern.

Oskar, der mittlerweile als Doktorand tätig ist, schätzt dabei insbesondere den Blick über den Tellerrand: „Besonders gut gefällt mir, dass die Themen der Tagung sich am Zeitgeist orientieren“, erklärt er sein fortwährendes Engagement. Gerade bei dem diesjährigen Thema „gender, sex und identität: Hypnotherapie und Vielfalt“gibt es aus seiner Sicht viele unterschiedliche Blickwinkel, die nicht nur ein Bewusstsein für die Wichtigkeit des Themas vermitteln, sondern auch Hypnotherapie selbst diversifiziert. Vorträge zu Transgender, weiblicher Emanzipation oder dem Gefühlserleben von Männern machen deutlich, welch spezifischen Anforderungen und Bedürfnisse einem im Therapeutenalltag begegnen können.

Neben den Fachveranstaltungen bietet dabei vor allem das Tagungsfest am Samstagabend Gelegenheit, bei gutem Essen und einem Glas Wein mit erfahrenen Praktikern ins Gespräch zu kommen oder sich nach einem Praktikum oder einer Abschlussarbeit zu erkundigen. Darüber hinaus laden Livemusik und ein DJ zu späterer Stunde dazu ein, auf der Tanzfläche einen körperlichen Ausgleich zu schaffen. Wer als junger Studierender verkopfte oder altbackene Therapeutinnen und Therapeuten vermutet, wird überrascht sein, mit welcher Hingabe und welchem Elan diese das Parkett rocken. Auch in dieser Hinsicht kann sich der eine oder die andere noch eine Scheibe abschneiden.

Alles in allem bietet die MEG-Jahrestagung gerade für Psychologie-Studierende, die mehr als nur Verhaltenstherapie kennenlernen wollen, mit dem Helferangebot einen hervorragenden Einstieg in die Welt der Hypnotherapie. Die kommende Tagung zum Thema„Die Geister, die ich rief: Bewusstsein und Beziehung im Zeitalter von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz“ findet vom 19.03. bis 22.03.2020 in Bad Kissingen statt. Interessierte Studierende können ihr Interesse als Helfer*in per Mail bei der Organisatorin Claudia Winkhardt bekunden. Es lohnt sich.

Autor: Dipl. Psych. Robert Wegner

Robert Wegner teilt zwei Leidenschaften: Die Sprache und die Psychologie. Durch sein Schreiben schätzt er die Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden. Mit der hypno-systemischen Haltung kam er erstmals 2009 in einem Praktikum bei Dr. Klaus-Dieter Dohne in Berührung und integriert sie seitdem bestmöglich in sein tägliches Handeln.

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