Wissenschaftliches Denken: Effektiver denken im Alltag durch Einsichten der Wissenschaftstheorie

Im 20. Jahrhundert verfolgte Sir Karl Popper eifrig die Veröffentlichungen von Sigmund Freud, besuchte Vorlesungen von Albert Einstein und beschäftigte sich mit der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie. Letztlich kam er zum Schluss, dass nicht alle wissenschaftlichen Errungenschaften gleichwertig sind.

Wir haben alle vorgefasste Einstellungen. Wir folgen zunächst unserer Eingebung, wir verallgemeinern und ziehen Schlüsse, die sich manchmal als ungültig herausstellen. Die Wissenschaftstheorie beschäftigt sich unter anderem damit, wie verlässliche und gültige Aussagen getroffen werden können, ohne von kognitiven Neigungen verzerrt zu werden.

Jedes wissenschaftliche Ergebnis ist abhängig von der Qualität des Denkprozesses, der diesem vorangeht. Auch in der Politik, im Beruf oder im Alltag ist es wichtig auf Basis gültiger Theorien gute Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen eine möglichst präzise “Karte der Realität”, die uns hilft, uns zu orientieren, um nicht in einer Sackgasse zu landen.

hypnose

Wir verlassen uns für einen Großteil unseres Lebens auf die Wissenschaft und die Erkenntnisse, zu denen das wissenschaftliche Denken geführt hat. Doch nur wenige Menschen wissen, wie sie tatsächlich wissenschaftlich denken oder eine solche Denkweise im alltäglichen Leben anwenden können.

Untersuchungen von Holmes, Wieman und Bonn (2015) zeigten, dass kritisches Denken für alle Bereiche des Lebens von großem Nutzen ist. Übungen im kritischen Denken sind nicht nur für deine Karriere hilfreich. Sie fördern auch bessere Beziehungen und ermöglichen es dir, Konflikte schneller und selbstbewusster zu bewältigen.

In diesem Artikel geht es darum, welche Einsichten der Wissenschaftstheorie für deinen Alltag nützlich sind.

Was ist wissenschaftliches Denken?

Die Wissenschaft möchte beobachtbare Phänomene möglichst präzise beschreiben, erklären und vorhersagen können.

Wissenschaftliches Denken ist das strukturierte und systematische Vorgehen wie diese Erklärungen und Vorhersagen getroffen werden, um mit einer höheren Wahrscheinlichkeit gute Theorien zu formulieren. Gute Theorien helfen uns wiederum bessere Vorhersagen zu machen.

Auch Psychotherapeut*innen bilden Hypothesen und Theorien über ihre Patient*innen. Und auch hier ist es wichtig, diese durch einen qualitativ hochwertigen Denkprozess zu prüfen. 

Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, findest du hier eine Übersicht über die wichtigsten Prinzipien des wissenschaftlichen Denkens, die für Therapeut*innen als auch im Alltag nützlich sind:

1. Limitationen unserer Kognition

"Denken ist die härteste Arbeit, die es gibt, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass sich so wenige damit beschäftigen." - Henry Ford.

Dein Gehirn hat in manchen Belangen eine sehr eingeschränkte Funktionsweise. Wir sind anfällig für kognitive Verzerrungen: Der Ankereffekt, die Bestätigungstendenz, die Verfügbarkeitsheuristik, die selektive Wahrnehmung oder die Verzerrungsblindheit – um nur ein paar zu nennen.

Cognitive biases sind nicht per se schlecht, sie erfüllen eine Funktion, meistens um Komplexität herunterzubrechen und mit wenig Aufwand möglichst gute Entscheidungen zu treffen. In manchen Situationen funktioniert das auch, in anderen Situationen führen diese Verzerrungen aber zu fundamental schlechteren Entscheidungen.

Ankereffekt

Menschen verlassen sich zu sehr auf die erste Information, die sie bekommen. In einer Verhandlungssituation etabliert jene Partei den finanziellen Rahmen, die die erste Zahl nennt.

Bestätigungstendenz

Einer der bekanntesten Biases ist die Bestätigungstendenz (confirmation bias). Menschen tendieren dazu, Informationen selektiv so aufzunehmen, dass diese ihre existierenden Vorstellungen und Annahmen bestätigen. Der confirmation bias ist ein Grund, warum es notwendig ist, widerlegbare Hypothesen zu formulieren. Mehr dazu später.

Verfügbarkeitsheuristik

Woran wir uns besser erinnern können, das schätzen wir als wichtiger oder wahrscheinlicher ein. Werbung hat zum Ziel Marken “verfügbarer” zu machen: Werbetreibenden ist es weniger wichtig, wie du die Werbung findest. Sie wollen erreichen, dass du die Werbung wahrnimmst und du dir dadurch die Marke unwillkürlich besser einprägst.

​​Ich hoffe dieser Beitrag wirkt erstrangig durch hilfreiche Inhalte und nicht durch die Verfügbarkeitsheuristik. 😉

Selektive Wahrnehmung

Damit ist gemeint, dass was du wahrnimmst, deine Einstellung beeinflusst. Als ich mir einen neuen Rucksack kaufen wollte, recherchierte ich zunächst welche es gäbe und kürte auch gleich meinen Favoriten. Ab diesem Tag habe ich auf dem Weg ins Büro überall diesen Rucksack gesehen. Noch ein Beispiel: Fans einer Fußballmannschaft sehen bei der jeweils anderen Mannschaft mehr Fauls, als bei der eigenen. 

Verzerrungsblindh​​​​eit

Das ist die Annahme, dass man eine objektive Sicht auf die Dinge hat und keinen kognitiven Verzerrungen ausgesetzt ist. Es ist manchmal viel leichter Denkfehler bei anderen wahrzunehmen, als bei sich selbst.

Wenn du dich für kognitive Verzerrungen interessierst, empfehle ich dir das Buch von Daniel Kahnemann: Schnelles Denken, langsames Denken. Bewusstheit ist der erste Schritt sich vor diesen Verzerrungen zu schützen.

2. Unentscheidbare Fragen

"Der Zweck des kritischen Denkens ist das Neudenken, d.h. das Überprüfen, Bewerten und Überarbeiten von Gedanken." - Jon Stratton.

Es ist wichtig zu erkennen, dass es zwei völlig unterschiedliche Arten von Fragen gibt: Die Fragen, die mit Fakten beantwortet werden können und andere “unentscheidbare Fragen” (nach Heinz von Förster), die nur eine Meinung als Antwort haben können.

Zum Beispiel Fragen wie: "Wie greift die Grippe das menschliche Immunsystem an?"; "Wie groß ist der Abstand zwischen Erde und Sonne?" gehören zum ersten Typ. Fragen wie: "Warum gibt es Leiden in der Welt?"; "Warum sind wir hier?" oder "Ist Gott real?" kann nur mit einer Meinung beantwortet werden.

Für den Kommunikationsalltag bedeutet das, dass es Fragen gibt, über die man nicht zu streiten braucht – nämlich Glaubensfragen. Wissenschaftlich zu denken bedeutet in diesem Fall, dass man seine Meinung nicht mit dem Wissen um beobachtbare Fakten verwechselt.

3. Ist die Theorie widerlegbar?

"Es ist besonders wichtig, unorthodoxes Denken zu fördern, wenn die Situation kritisch ist." - Boris Jelzin.

Albert Einstein wartete geduldig auf eine Sonnenfinsternis. Je nachdem, was diese über das Verhalten von Sonnenstrahlen auf der Reise durch den Zeitraum gezeigt hätte, hätte das seine gesamte allgemeine Relativitätstheorie widerlegen können. Einsteins Relativitätstheorie war in diesem Sinn waghalsig, da diese aufgrund ihrer Vorhersagen klar widerlegbar war.

Sir Karl Popper meinte, es sei einfach, Belege für Theorien zu finden, wenn man danach sucht. Darum entwickelte er das empirische Falsifikationsprinzip, das bis heute in der Wissenschaft Gültigkeit hat. Es besagt, dass jede Hypothese bzw. Theorie widerlegt werden können muss, damit sie zum naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn beitragen kann. 

Man kann zum Beispiel nicht widerlegen, dass "ein riesiger weißer Yeti in den Himalaya-Bergen lebt, er Menschen meidet und jede Art von Spur verdeckt, die er zurücklässt". Diese Aussage lässt sich nicht widerlegen, was sie deswegen aber nicht wahr macht. Eine Theorie, die nicht widerlegt werden kann, ist letztlich eine Glaubensfrage: Will man ihr Glauben schenken oder nicht? 


Sir Karl Popper war der Einstellung, dass jede falsche Theorie die wir entdecken, letztlich gut ist, da sie uns hilft, Theorie für Theorie näher an den Kern zu kommen. Streng genommen ist eine wissenschaftliche Theorie nie belegt, sondern noch nicht widerlegt und durch eine bessere Erklärung ergänzt oder ersetzt worden. 

Achte im Alltag auf Theorien und Erklärungen, die sich nicht widerlegen lassen. Es heißt nicht, dass sie nicht wahr sein könnten, aber es heißt genauso wenig, dass sie wahr sind. Wenn du dich dafür oder dagegen entscheidest, die Annahme anzunehmen, dann mache das aus pragmatischen Gründen: Entspricht es deinen Werten? Ist die Annahme auf irgendeine Art und Weise hilfreich?

4. Occam’s Razor: Erkläre Dinge so einfach wie möglich.

Occam’s Razor ist eine Richtlinie, die uns hilft zwischen zwei oder mehreren Erklärungen zu wählen. Sie ist ein nützliches Werkzeug für Diskussionen und hilft dir generell stichhaltige Urteile zu fällen.

Sie besagt, dass wenn es miteinander konkurrierende Hypothesen gibt, die ein Phänomen erklären, dann wähle jene Hypothese, mit den geringsten Annahmen und einer gleich großen Aussagekraft.

Wenn du nachts den Sternenhimmel beobachtest und ein blinkendes Licht siehst, kannst du einige Vermutungen anstellen, woher das Licht rührt:

  • Ist es ein Alien-Raumschiff?
  • Ein Satellit?
  • Eine optische Illusion?

Alle drei Theorien können das Phänomen gleich gut erklären. Welche Theorie hat also mehr Gültigkeit? Nach Occam’s Razor ist das jene Theorie, die das Phänomen am einfachsten erklärt und am wenigsten Vorannahmen braucht.

Was Occam’s Razor hervorhebt, sind die Einfachheit und Aussagekraft von Erklärungen.

5. Denke statistisch

"Es ist das Zeichen eines gebildeten Geistes, einen Gedanken zu unterhalten, ohne ihn zu akzeptieren." - Aristoteles.

Eine einzige Studie oder ein einzelner Fall reichen nicht aus, um die Existenz eines Phänomens zu erklären oder nachzuweisen. Einmalige Fallstudien oder Anekdoten sind interessant und können nützlich sein (insbesondere bei z.B. seltenen Krankheiten), bieten aber keine gesicherten Rückschlüsse.

Ein Effekt muss reproduzierbar sein, bevor er als zuverlässiger Beleg angesehen werden kann. 

Zudem ist Studie nicht gleich Studie: Ist sie peer reviewed? Wie groß war die Versuchsgruppe? Wie groß die Effektstärke? Es ist sehr viel Arbeit eine statistisch stichhaltige Studie durchzuführen. Viele Studien erfüllen diese Kriterien nur teilweise und sind daher wenig aussagekräftig.

Wenn du das nächste Mal von einem Einzelfall für die Wirkung einer neuen Psychotherapie-Methode hörst, dann ist es durchaus angebracht, diesen Beleg kritisch zu betrachten.

6. Setze dich mit allen verfügbaren Informationen und auch gegensätzlichen Perspektiven auseinander.

Dein Geist braucht Nahrung: Durch neues Wissen, Ideen und neue Denkansätze schärfst du dein kritisches Denken und verbesserst deine Kreativität.

In Interviews des MEG-Podcasts strichen das viele erfahrene Hypnotherapeut*innen immer wieder hervor. Esther Perel z.B. die zu den innovativsten Stimmen weltweit zum Thema Paartherapie zählt, erwähnte im Gespräch mit dem MEG-Podcast, dass sie viele Inspirationen für ihre Arbeit aus anderen Disziplinen wie Kunst, Sprachwissenschaften, Kulturwissenschaften und Religion gewann.

7.  Verwirrung und Neugier

Stephen Gilligan (ein Schüler Milton Ericksons) meinte in einem Seminar: “Fragen zu stellen, ohne sich Antworten zu erwarten, ist eine hohe Kunst.” Menschen haben das Bedürfnis all ihre Erfahrungen einzuordnen. Verwirrung oder Widersprüche sind oft schwierig auszuhalten, was hin und wieder zu “faulen Antworten” führt. Als Wissenschaftler und auch im alltäglichen Leben ist es wichtig, nicht zu vorschnellen Antworten zu greifen und der Verwirrung ein Stück weit Raum zu geben. 

Zudem gibt es Dinge, die wir nicht wissen und die schwer vorstellbar sind. Dafür braucht es Neugier und Offenheit, die eigene Meinung auch zu revidieren.

Fazit

Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ich durch mein Psychologiestudium erlangte, ist das wissenschaftliche Denken. Was kann ich wissen, was nicht? Was basiert auf Fakten, was ist lediglich eine Meinung? Wann ist eine Studie wirklich aussagekräftig? Welche Limitationen hat unser Denken? Wie kann ich Hypothesen und Theorien formulieren, mit denen ich möglichst präzise Vorhersagen und gute Entscheidungen treffen kann?

Ich hoffe für dich war auch die eine oder andere Neuheit oder Erinnerung dabei. 

Was konntest du dir aus dem Blogartikel mitnehmen? 

Welche Einsichten aus der Wissenschaftstheorie findest du nützlich?

Liebe Grüße,
Raphael

Quellen:

Holmes, N. G., Wieman, C. E., & Bonn, D. A. (2015). Teaching critical thinking. Proceedings of the National Academy of Sciences112(36), 11199-11204.

Kahneman, D. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag.

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