Therapie ist intuitiv – Wenn Geschichten den Horizont erweitern

Sia und ich saßen gerade in einem Café. Es war noch relativ früh am Morgen. Es war einer der seltenen Momente, die wir uns gönnten, obwohl eigentlich noch viel zu viel auf dem Schreibtisch liegt. Und während wir auf unser Frühstück warteten, kamen wir nach einem kurzen Small-Talk relativ schnell zum Eingemachten.

Bei unserem Gespräch ging es um Sias Freundschaft zu Clara. Clara war freundlich, hilfsbereit und nett. Eigenschaften, die wir beide in einer Freundschaft sehr schätzen. Aber diese Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft kam mit einem hohen Preis. Der Preis lag in unverhältnismäßigen Bitten und stundenlangen Monologen, bei denen Sia mit ihren Bedürfnissen stets zu kurz kam. „Wer zuerst kommt, mahlt halt einfach zuerst.“, sagte Sia.

Wer zuerst kommt… - malt oder mahlt zuerst? Oder auch Beziehungen sind reziprok

Ich hielt kurz inne, denn ich verstand nicht genau, worauf Sia hinaus wollte. Ich stimmte ihr aber grundsätzlich zu, denn ja, natürlich stimmt das. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und Sia fuhr fort:

„Was, wenn ich dir sage, dass das Sprichwort, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, aus dem Mittelalter kommt. Der Bauer, der als erstes sein Korn am frühen Morgen zur Mühle brachte, dessen Korn wurde zuerst gemahlen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Warum sage ich das so? Na ja, weil ich denke, dass wir nur einen gewissen Teil in unseren Beziehungen beeinflussen können.

Wenn ich eine fleißige Bäuerin bin –muss der Müller auch dann seinen Teil beitragen

Wenn ich nun eine fleißige Bäuerin bin, morgens zur Mühle laufe, mit einem Sack voll Korn, dann kann es immer noch sein, dass die Mühle kaputt ist. Oder, dass mich der Müller ablehnt. Ich kann in aller Herrgottsfrühe auftauchen und dennoch nicht hereingelassen werden. Ich kann das beste Korn haben, die besten Absichten, meine Arbeit als Bäuerin exzellent zu machen und dennoch, wenn die Mühle nicht ihren Teil tut, dann war’s das.

Und genau so ist es auch in einer Freundschaft. Wenn ich so viel heranbringe, wie ich nur kann und immer wieder aufs Neue meinen schweren Sack an guter Ernte herantrage, aber die Arbeit auf der anderen Seite nicht erbracht wird, dann bringt die beste Ernte nichts.“

Wie kann aus einer zwischenmenschlichen (Zwick) Mühle eine weiße Leinwand werden?

Ich nickte und stimmte ihr zu. Mir gefiel diese Form der Betrachtungsweise. Ich hielt ein weiteres Mal kurz inne, schaute nachdenklich zu Boden. Als ich meinen Kopf wieder hob, war ich fest entschlossen, meinen Teil dieses Bildes zu ergänzen. Fast etwas herausfordernd schaute ich sie an und setze mich aufrecht auf meinen Stuhl.

„Du hast recht. Wir stehen alle in der eigenen Verantwortung, die Beziehungen, die wir haben sinnvoll zu gestalten. Und wenn man jede Begegnung als eine weiße Leinwand betrachtet, dann sind wir alle angehalten, unsere eigenen Pinselstriche zu setzen. Wenn wir den Raum – oder analog den Platz auf der Leinwand - nicht einnehmen, dann wird er durch etwas oder jemand anderen gefüllt.

Vielleicht ist sogar eine Begegnung mit einer Freundin wie eine Leinwand. Jedes Mal, wenn man sich zusammensetzt, schaut man gemeinsam auf eine noch unbemalte, weiße Fläche. Und sobald die Begegnung beginnt, sei es nun durch eine Umarmung oder ein Winken aus der Ferne, fangen wir an, ein Bild zu malen. Dieses Bild kann schlicht gehalten werden, oder in grellen Farben gestaltet sein. Jede Begegnung kann ganz anders aussehen und damit kann auch jedes Gemälde eine andere Form annehmen.

Der Zauber der Situation liegt darin, sich zu öffnen und den ersten Pinselstrich als Anker zu setzen. Wer zuerst kommt, malt eben zuerst. Und wenn die Begegnung vorbei ist, dann kann es sein, dass eine Person das gesamte Bild allein gemalt hat und man gar nicht den Raum hatte, sich selbst zu äußern. Oder vielleicht haben wir uns die Fläche auf dem Gemälde auch selbst nicht zugestanden. Die zwischenmenschliche Aufgabe besteht darin, das Wort zu ergreifen und aktiv beim Pinselstriche-Setzen mitzugestalten.

Die Lektion ist vergessen, aber die Geschichte inklusive Perspektivenwechsel bleibt

Genau dieses Gespräch mit dieser Geschichte und dieser Wendung in der Geschichte hat für uns beide einen sehr geschätzten Perspektivwechsel in unser Leben gebracht. Im Vergleich dazu, hört sich „Beziehung beruht auf Reziprozität“ oder „Ich ermutige dich, deine Bedürfnisse zu äußern.“ fast schon etwas waghalsig an. Denn das Gehirn ist netzwerkartig aufgebaut. Es lernt nicht linear. Ein Satz allein reicht nicht aus. Es lernt immer in Netzwerken aus Informationen.

Milton Erickson hat diesen kleinen Zauber erkannt und auf raffinierte, liebenswert kluge Art und Weise in seinen Alltag integriert. Eine passende Geschichte bleibt oft lange im Kopf. Das ist vor allem deshalb von Vorteil, weil wir uns in stressigen Situationen leichter an eine Geschichte erinnern können. Die hohe Kunst der effektiven Psychotherapie besteht darin, das in der Therapiesitzung Gelernte mit in das echte Leben zu nehmen. Das Nutzen von Geschichten erhöht dabei die Wahrscheinlichkeit, dass die Inhalte auch nach der Therapiesitzung erinnert werden.

Geschichten bieten uns an, selbst zu entscheiden, welche Botschaft wir mitnehmen

Jede Geschichte hat das Potenzial, dem Menschen das zu geben, was er gerade benötigt, ohne dass wir als (zukünftige) Therapierende vorgeben, welche Lektion es derzeit zu lernen gibt. Wir kommen nicht in einen Autonomiekonflikt mit unserem Gegenüber und begegnen uns genau dort, wo wir emotional zurzeit stehen. Denn was die Geschichte am Ende für mich oder dich  heißt, das entscheiden wir als Empfänger*innen der Geschichte selbst.

Unser Gegenüber hat somit die Möglichkeit, sich proaktiv in den Therapieprozess einzubringen, indem die Person sich genau jene Teile einer Geschichte aussucht, die ihr den gesuchten Impuls geben. Das Erlebnis, schwierige Situationen selbst bewältigen zu können, kann durch Geschichten in der Therapie in subtiler Form geübt werden.

Der Vorteil dieser Form der narrativen Hypnotherapie besteht darin, dass das Tor zum Bewusstsein leichter geöffnet werden kann. Das heißt, unser Gegenüber ist nicht angehalten, abstrakte Sätze wie Beziehung beruht auf Reziprozität abzuwehren oder zu rechtfertigen, warum es unserem Gegenüber so schwerfällt, Raum in einer Beziehung einzufordern. Es geht in erster Linie um eine Geschichte, die außerhalb der eigenen Situation liegt. Eine Geschichte, die zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Impulse setzen kann. Und welcher Impuls der richtige ist? Na ja, das kann durch eine Geschichte unser Gegenüber selbst entscheiden.

Gerade in Geschichten verstecken sich Fakten, die uns ansprechen und dort abholen, wo wir emotional stehen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Märchen über so viele Jahre überleben und sich immer wieder mit dem Zeitgeist verändern.

Durch Geschichten werden Veränderung mittel- und langfristig auch auf Verhaltensebene hervorgerufen (Saunders, 2013). Auch Milton Erickson hat diesen Zauber entdeckt und in den verschiedensten Szenarien angewendet.

So kann in Geschichten dann auch aus herausfordernder Ernte und dem mühseligen Mühlengang ein zwischenmenschliches, kreatives Leinwandprojekt entstehen. Denn wer zuerst kommt, der ma(h)lt zuerst.

Zum Weiterstöbern:

  • Jorge Bucay – Was Märchen über dich erzählen
  • Bernhard Trenkle – Dazu fällt mir eine Geschichte ein

Autorin: Kaltrina Gashi

Kaltrina studierte Psychologie an der Eberhard Karls Universität in Tübingen und wurde für ihre Bachelorarbeit im Jahr 2019 mit dem Nachwuchsförderpreis der Milton Erickson Gesellschaft ausgezeichnet. Zurzeit studiert sie Humanmedizin in Homburg (Saar). Als Praktikantin lernte sie in Rottweil die Grundlagen der Hypnotherapie und ihre Anwendung in der Familien-, Kinder- und Jugendpsychotherapie kennen.

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